Aber bitte mit Rand! – Das Kaliber .375 H&H Flanged

1968


Randpatronen sind in Kipplaufwaffen vorzuziehen, weil Auswerferprobleme hier kaum auftreten können. Besonders bei einer Waffe, die für die Jagd auf wehrhaftes Wild gedacht ist, kann das lebenswichtig sein.

Eine Heym-Waffe im ungewöhnlichen Kaliber .375 H&H Flanged. Aber auch jede andere individuell gefertigte Waffe lässt sich für dieses Kaliber richten.

Von Norbert Klups
Etwas schwierig kann es werden, wenn im gewünschten Kaliberbereich keine gängige Randpatrone verfügbar ist.

Hier lohnt es sich oft, in der Entwicklungsgeschichte der Patronen einige Jahrzehnte zurückzugehen. Manchmal stellt sich dann heraus, dass die Wunschpatrone schon längst erfunden wurde.

Eine Bockdoppelbüchse sollte es sein, und sie sollte vom Kaliber her für die Jagd auf die Big Five zugelassen sein. Damit war ein Mindestgeschossdurchmesser von .375 oder 9,5 Millimeter vorgegeben. Die Randpatrone 9,3x74R fiel aus.

Wesentlich größer, und damit rückstoßstärker, war aber auch unerwünscht, womit die dicken britischen Expresskaliber ebenfalls unter den Tisch fielen. Außerdem war eine gute Rasanz angesagt.

Als der Kunde seine Wünsche vortrug, fiel dem Kundenberater bei Heym eigentlich nur eine einzige Patrone ein. ,,.375 Holland&Holland“, schlug er vor. Ein Blick in die Leistungstabelle zeigte, das dieses Kaliber genau den Wünschen des Kunden entsprach.

Kein Wunder, zählt der alte Klassiker doch zu den meistbenutzten Afrikapatronen und hat schon fast den Ruf einer Universalpatrone. ,,Aber bitte mit Rand“, war der letzte Wunsch des Kunden, womit Heym jetzt allerdings ein echtes Problem hatte, denn eine Randpatrone mit der ballistischen Leistung einer .375 Holland&Holland ist weit und breit nicht in Sicht.

Aber so schnell gab man nicht auf, und beim Blick in die Fachliteratur wurde man auch fündig. .375 Holland&Holland Flanged hieß die Lösung. Und die ist nichts anderes als die Randversion der .375 Holland&Holland Belted Rimless Magnum Nitro Express, wie der volle Name dieser bekannten Patrone lautet.

Holland&Holland bot für Kipplaufwaffen einige Zeit auch die Randpatrone an, da man sich der Vorteile sehr wohl bewusst war. Mit der Entwicklung moderner Auswerfersysteme, die sehr zuverlässig arbeiteten ( aber nicht 100prozentig) geriet dieses Kaliber dann in Vergessenheit und wurde völlig von der Gürtelpatrone verdrängt.

Ein Anruf bei dem auf alte Kaliber spezialisierten Patronenhersteller Wolfgang Romey bestätigte die Vermutung, dass ja irgend jemand die zahlreichen, alten Waffen noch mit Munition versorgen muß.

,,Hab ich im Programm“, lautete die Antwort aus Petershagen, und einem Neubau einer Bockdoppelbüchse im alten Kaliber .375 Holland&Holland Flanged stand nichts mehr im Weg.

Die Waffe ist eine Bockdoppelbüchse Modell 55, weitgehend in der bekannten Standardversion. Mit einem Gewicht von vier Kilogramm bei 107 Zentimetern Gesamtlänge ist die Heym zwar führig, aber besitzt auch genügend Gewicht, um die .375 Holland&Holland Flanged beherrschen zu können.

Zusammen mit dem schweren Zielfernrohr schießt sie sich sogar sehr angenehm. Ausführung und Verarbeitung zeigen beste Büchsenmachertradition. Der Schaft ist sauber an den Verschlußkasten angepasst, und die scharf und fehlerfrei geschnittene Fischhaut verrät den Könner.

.375 Holland&Holland Flanged

 Die Randversion der Holland&Holland Erfolgspatrone wurde zusammen mit der Gürtelpatrone in Jahre 1912 vorgestellt. Sie wies eine nur geringfügig geringere Leistung aus. Für die Gürtelausführung wurden 18,5 long tons als Höchstgasdruck angegeben, während die Randversion mit 17,5 long tons ausgewiesen wurde.

Diese englische Angabe des Gasdrucks läßt sich mit dem Multiplikator 154,445 in die uns geläufigen bar umrechnen. Damit würde sich ein Verhältnis von 2850 zu 2700 bar ergeben.

Auf den ersten Blick recht schlapp für die .375 Holland&Holland. Dazu muß man aber wissen, dass damals der Bodendruck gemessen wurde, während man heute den Gasdruck an der Seite der Patrone misst. Diese Werte liegen um mindestens 600 bis 700 bar höher, womit sich der heute angegebene maximale Gebrauchsgasdruck von 3700 bar für die .375 Holland&Holland erklärt.

Die mögliche Leistung der Randpatrone liegt damit nur wenig unter der Gürtelversion.

Die Firma Romey fertigt vier Laborierungen der .375 Flanged, die alle mit Geschossen des australischen Herstellers Woodleigh ausgestattet sind. Im klassischen Geschoßgewicht von 300 Grains wird eine Voll-und Teilmantellaborierung angeboten, die durch leichtere Teilmantelpatronen mit 270 und 235 Grains ergänzt werden.

Für den Präzisionstest standen die beiden .300 Grains schweren Patronen zur Verfügung. Sie erreichten aus dieser Waffe eine Mündungsgeschwindigkeit von 754 m/s. Winchester gibt für die 300 Grains schwere Silvertip-Laborierung der randlosen .375 Holland&Holland 772 m/s an, und Normas 300-Grains-TM leistet 777 m/s laut Herstellerangabe.

Damit ist der Leistungsunterschied von der Rand- zur Gürtelpatrone so gering, dass er in der Jagdpraxis kaum Auswirkungen haben wird.

Gute Präzision

 Je drei Schusspaare mit den 300 Grains wiegenden Voll- und Teilmantelpatronen erbrachten ein Gesamtschussbild von 9,5 Zentimeter für die 12 Schüsse auf 100 Meter.

Nach der alten Wannsee-Norm gilt ein 10-Schuß-Streukreis von 7,5 Zentimeter bei Doppelbüchsen als hervorragend. Die Testwaffe verfehlt diesen Bestwert mit zwei zusätzlichen Schüssen nur um zwei Zentimeter und schießt ausgezeichnet.

Geschossen wurde aus jeweils ausgekühlten Laufbündel über das Zielfernrohr unter Verwendung eines Schießgestells. Die sechs Schüsse der Teilmantelgeschosse allein lagen auf hervorragenden 6,5 Zentimetern zusammen. Noch wichtiger ist aber das Zusammenschießen der Voll-und Teilmantelpatronen.

Ein Vollmantelgeschoss im oberen Lauf kann bei einem annehmenden Büffel oder Elefanten eine Lebensversicherung sein – vorausgesetzt, sie hat die gleiche Treffpunktlage wie die Teilmantelpatrone. Trifft dies nicht zu, sind die Chancen allerdings etwas ungleich verteilt.

Diese Waffen-/Patronenkombination zeigt, dass es durchaus sinnvoll sein kann, eine alte, fast vergessene Patrone in einer neuen Waffe zu verwenden. Ohne das die Leistung wesentlich verringert wird, erhöht sich durch den Rand die Funktionssicherheit der Büchse.

Bei einer (Bock-)Doppelbüchse mit fest verlöteten Läufen spielt auch die oft als Vorteil angeführte Laborierungsvielfalt mancher Kaliber keine große Rolle. Ein Laborierungswechsel ist ohne Umlöten nur sehr selten möglich.

Wer eine solche Waffe erwirbt oder anfertigen lässt, wird hoffentlich so schlau sein, einen gehörigen Vorrat der Einschießlaborierung zu kaufen. Da ist es dann ziemlich gleichgültig, ob es in diesem Kaliber noch 42 andere Laborierungen von neun unterschiedlichen Herstellern auf dem Markt gibt. Anfangen kann der Besitzer einer Kugelwaffe mit zwei fest verlöteten Läufen damit sowieso nichts. Er ist auf ,,seine“ Patrone angewiesen.

Die Heym Mod. SSBDB ist alles in allem eine führige Waffe in ausgezeichneter Verarbeitungsqualität und mit sehr guter Präzision. Sie verrät immer noch eine gute Portion ,,Suhler Schule“.

Durch die Patronenwahl erhält der Auftraggeber nicht nur mehr Sicherheit in der Funktion, sondern auch eine individuelle Waffe mit einen Touch Exklusivität.


 Fotos: Norbert Klups