Marale – Die Rothirsche Asiens

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In verschiedenen Jagdzeitschriften, aber auch in Jagdbüchern und wissenschaftlichen Abhandlungen, geht es mit den Rothirschen Asiens ziemlich durcheinander. Wie heißt es nun, Elk, Wapiti oder Maral?

Von Christian Oswald

Yarkand-Rothirsch
Cervus E. yarkandensis: Der Yarkand-Rothirsch
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In Nordamerika wäre es relativ einfach, das Wort Elk für den dortigen Rothirsch nicht mehr zu gebrauchen und dafür den lokalen Namen Wapiti zu verwenden. Das sind dann Manitoba-Wapiti, Tule-Wapiti, Roosevelt-Wapiti und Nelson-Wapiti.
Bei den Asiaten ist es schon etwas schwieriger, denn es gibt für ein und denselben Hirsch verschiedene lokale Bezeichnungen, die sich – je nach Bevölkerungsgruppen – auch überschneiden können. In dem mehr als 1000 Kilometer langen Altaigebirge gibt es fünf große Volksstämme: Mongolen, Kasachen, Uiguren, Russen und Chinesen.
Die ersten vier verwenden das mongolische Wort „Maral“, und die Chinesen sagen „Ma Lu“. „Ma“ ist Pferd und „Lu“ ist Hirsch, also der Hirsch, der so groß ist wie ein Pferd. Wenn die Chinesen den Hirsch aus dem Tienshan meinen, so ist es eben dann der Tienshan-Ma Lu.
Wir Jäger sollten uns lieber an die lokalen Namen halten, denn was hat ein Indianername in der Mongolei oder in Kasachstan oder gar in Osttibet zu suchen.
Denn alle, die das Wort Wapiti oder gar Elk für asiatische Hirsche verwenden, würden aufheulen, wenn ich vom Manitoba-Maral, Rocky Mountain-Maral oder Roosevelt-Maral schreiben würde.
Das Wort Maral aber in Nordamerika zu verwenden hätte allerdings mehr Berechtigung als umgekehrt, denn die asiatischen Hirsche sind während der letzten Eiszeit von Asien über die seinerzeitige Bering-Landbrücke nach Nordamerika eingewandert.
Schon vor Jahren haben sich verschiedene Autoren über die Sprach- und Begriffsverwirrung geäußert. So schreibt 1923 Fritz Bley in „Vom Edelen Hirsche“ auf Seite 173: „Es handelt sich um den Namen der Hirsche von der Art des Wapiti. Wenn man diesen Amerikaner heute mit dem Namen bezeichnet, den die Indianer ihm gegeben haben, so ist das vollauf berechtigt.
Ebenso berechtigt ist es, den starken fünfsprossigen Hirsch vom Altai und der Chalcha, dem Stammlande Dschingis-Khans, mit dem Namen zu benennen, der ihm in seiner Heimat von den Mongolen gegeben ist: Maral.
Auch das bedeutet ja: Hirsch! Verkehrt war es auch, dass man den in Betracht kommenden Hirsch vom Altai als Cervus canadensis asiaticus „festlegte“.
Noch heilloser aber ist, dass Lydecker (tatsächlich war es aber Ogilby) den Kaspischen Kronenhirsch als den eigentlichen Maral bezeichnete und betonte, dass „dies Wort der persischen Sprache entstamme.“
Die russischen Zoologen V.G. Heptner und N.P. Naumov schreiben in „Die Säugetiere der Sowjetunion“ 1966: „Gewöhnlich war es in der Literatur üblich, als ‚Edelhirsch‘ die europäische Form in jener Zeit zu bezeichnen, da man sie als besondere Art ansah, die sich vom Isubra-Hirsch, Maral, amerikanischen Wapiti, Buchara-Hirsch und anderen Formen unterschied, die teilweise auch als selbständige Arten angesehen wurden.
Nachdem die artliche Zusammengehörigkeit aller dieser Formen aufgezeigt war (Heptner 1940, Heptner und Zalkin 1947) und dieser Standpunkt dann allgemeine Anerkennung gefunden hat, ist es wohl besser, alle Unterarten unter der Bezeichnung „Rothirsch“ oder „Edelhirsch“ (im Russischen „Echter Hirsch“) zu vereinigen.
Den einzelnen Unterarten und Unterartsgruppen sollte man natürlich ihre volkstümlichen Bezeichnungen belassen. Versuche, unseren Maral mit dem amerikanischen Namen Wapiti zu bezeichnen, sind vernunftswidrig und stubengelehrt.“
In der Zeitschrift Zoonoz/ Zoological Society of San Diego, Oktober 1988, schreibt James M. Dolan vom „Bactrian or Bucharian Red Deer or Wapiti“. Wer einen Indianernamen für einen echten Rothirsch in Tadschikistan und Afghanistan verwendet, scheint wenig Detailkenntnisse zu haben!
In Wild und Hund (24/1992) schreibt Rudolf Humme von einem „Hirschsalat“ und zeigt ein Foto mit dem Untertitel „typische sibirische Wapiti-Geweihe; fälschlich mitunter Marale genannt“. Der Hirschsalat, auf den ich später noch zurückkomme, wurde schon 1840 angerichtet. Doch unter anderen gab Rudolf Humme dann noch Kraut und Rüben dazu.
Auch in JAGEN WELTWEIT 6/95 schreiben die Autoren M. Aicher und Jesus Yuren von chinesischen Wapitis: „In Asien gibt es keinen Rothirsch, sondern nur verschiedene maralartige Hirsche, deren Geweihstange in der Regel nur fünf bis sieben Enden hat und keine Krone aufweist.“
Auf Seite 60 schreiben sie vom „Gansu-Maralhirsch“, und auf Seite 63 heißt es dann „Mandschurischer Wapiti“. Da soll sich noch einer auskennen! Die Autoren haben den „Hirschsalat mit Kraut und Rüben“ gut durchgemischt und dann auch noch mit Essig und Öl angemacht!
Egon J. Lechner schreibt in seinem Buch „Jagd-Paradiese in aller Welt“ : Maral, Cervus elaphus maral, Verbreitungsgebiet Kleinasien, Region um das Kaspische Meer (kaspischer Edelhirsch), Afghanistan, Iran, Kasachstan, Tibet, China, Mongolei.
Er meint damit, dass der persische Rothirsch auch in Tibet und der Mongolei vorkommt! Jetzt wurde der Salat noch richtig versalzen!
Lydecker, der englische Zoologe, meint 1898, dass der echte Maral, also der persische Rothirsch, gar in Ostpreußen vorkommt!
Systematische Stellung
Die wissenschaftliche Namensgebung der asiatischen Rothirsche ist eine verfahrene Situation, die nur schwer geregelt werden kann, weil die Namen nicht geändert werden können.
Sie hängen mit den lokalen Namen zusammen und haben ihren Anfang mit der Beschreibung des Persischen Rothirsches Cervus maral durch Ogilby im Jahre 1840. Er meinte, eine neue Art gefunden zu haben.
Es ist nicht einfach, mit einigen Worten die Systematik, also die wissenschaftliche Einteilung aller Tiere, zu erklären, doch ich will es versuchen.
Der schwedische Arzt und Naturforscher Linné (1707 – 1778) teilte die Tierwelt in sechs Klassen ein. Eine Klasse sind zum Beispiel die Säugetiere. Daraus entwickelte sich die Systematik und wissenschaftliche Nomenklatur.
Die systematische Grundeinheit ist die Art. Voraussetzung, dass Tiere einer Art zugeteilt werden, ist die Fortpflanzungsgemeinschaft. Verschiedene Arten, die sich in einer Reihe bestimmter Merkmale gleichen, werden zu Gattungen zusammengefasst. Ähnliche Gattungen werden zu noch größeren Einheiten, den Familien, zusammengefasst, und es geht weiter mit Klasse, Stamm, Abteilung, Reich.
In diesen systematischen Hauptkategorien können je nach Bedarf noch Über- oder Unterfamilien gebildet werden.
Die Art kann in Unterarten, regionale Rassen oder reine Linien unterteilt werden. Mit diesen wollen wir uns noch näher befassen. Der schon erwähnte Linné hat 1758 den schwedischen Rothirsch als Cervus elaphus elaphus (Nominat Subspecies, namensgebende Unterart) beschrieben.
Die asiatischen Rothirsche gehören ebenfalls zur Art elaphus mit den entsprechenden Unterarten. Die wissenschaftliche Bezeichnung muß eine griechisch-lateinische Wortkombination oder ein lateinisiertes Wort sein.
Die Schreibweise der wissenschaftlichen Tiernamen richtet sich nach den Internationalen Regeln für Zoologische Nomenklatur und ist für alle zoologischen Veröffentlichungen verbindlich.
Wenn man sich aber mit diesen Regeln genauer befasst, muß man feststellen, dass viele Autoren diese ignoriert oder nicht strikt eingehalten haben. Es gab dann um die Jahrhundertwende viele Autoren, die alle 100 Kilometer eine neue Unterart beschrieben haben. Zum Beispiel hat der Kustos am Naturkundemuseum in Berlin, Prof. Paul Matschie, zwischen 1907 und 1912 allein für Deutschland elf Rothirsch-Arten und -Unterarten beschrieben.
Sie gehen vom Cervus balticus – dem Küstenhirsch längs der Ostsee – bis zum Cervus bajovaricus in Oberbayern, und den Hirsch im sonstigen Bayern nannte er Cervus elaphus austriacus! Es handelt sich hier nur um lokale Populationen, die keinen systematischen Rang haben.
In dieser Zeit wurde hauptsächlich die Form der Geweihe als systematische Beschreibung verwendet, zum Beispiel kurzes Augend, langes Eisend, oder umgekehrt, Abstand zwischen den beiden Enden, Kronenform, usw. Schon Joachim Beninde macht darauf aufmerksam, dass der Kopfschmuck des Hirsches nicht allein maßgebend für die betreffende Unterart ist.
Wer sich mit diesem Thema intensiver befassen will, soll sich das Buch „Zur Naturgeschichte des Rothirsches“, Paul Parey 1988, zulegen. Es ist nach meiner Meinung das Brevier eines echten Hirschjägers.
Heutzutage hat man für die asiatischen Hirsche folgende Einteilung: Ende des 18. Jahrhunderts hat man die amerikanische Gruppe mit dem Artnamen „canadensis“ bezeichnet und später wegen ihrer vielen Ähnlichkeiten auch die asiatischen Hirsche mit einbezogen.
So finden sich in der Literatur zwei wissenschaftliche Namen: Cervus elaphus sibiricus oder Cervus canadensis sibiricus. Es ist aber immer der gleiche Hirsch gemeint.
Schon Anfang 1780 schreibt Borovsky vom Cervus canadensis. Man war in dieser Zeit der Meinung, dass die Nordamerikaner eine eigene Art sind. Auch heute wird diese Meinung immer wieder von einigen Autoren vertreten (z.B. W. Trense: The Big Game of the World, Paul Parey Verlag 1989). Dies widerspricht streng genommen aber den Regeln der Nomenklatur.
Dr. Lutz Heck schreibt 1935 in „Der deutsche Edelhirsch“ : „Diejenigen asiatischen Formen, die im ferneren Osten ihrer Heimat leben, gleichen den amerikanischen schon so sehr, dass die wissenschaftliche Bezeichnung dafür Cervus canadensis sibiricus ist, also zu deutsch, ein kanadischer Hirsch, der in Sibirien lebt.“
Der Hirschsalat wurde wieder einmal umgerührt!
Dr. Egon Wagenknecht hat endlich in seinem Buch „Rotwild“ (Verlag Neumann-Neudamm 1981) die andere Partei ergriffen. Er schreibt auf Seite 18: „Es ist zwar Tatsache, dass Rothirsche aus verschiedenen Gebieten unterschiedliche Geweihformen haben, zum Teil auch beträchtliche Unterschiede in Körpergröße, Schädelform, Mähnenbildung und Färbung aufweisen; das berechtigt jedoch nicht dazu, sie als besondere Unterarten in systematischer Beziehung anzusehen.“
Man kann sie nur als geographische Modifikationen oder biotopbedingte Wuchsformen bezeichnen.
Zu dem gleichen Ergebnis kommt Gottschlich (1966) aufgrund seiner kraniometrisch-allometrischen (Vermessungen des Schädels) Untersuchungen an verschiedenen europäischen Rotwildpopulationen, die er als „biotopbedingte Reduktionsformen“ bezeichnet.
„Allen festgestellten Merkmalsunterschieden muß jeglicher taxonomischer Wert für die Systematik abgesprochen werden, da sie nicht erblich, sondern lediglich biotopbedingt sind.“
Die Schwierigkeiten einer Einteilung in canadensis- oder elaphus-Arten kommen bei einigen chinesischen Rothirschen wie beim McNeill’s-Rothirsch oder beim Gansu-Rothirsch, die als elaphus-Art beschrieben werden, aber eine „wapitoide“ oder auch „elaphoide“ Geweihform haben.
Wapitoid ist ein gängiges Fachwort geworden, das ich für die Asiaten immer nur mit einem schalen Beigeschmack in den Mund nehme, weil „wapitoid“ und „canadensis“ in Asien nichts verloren haben!
Es sollte also versucht werden, wieder eine gewisse Ordnung in das System zu bringen. Allein in China gibt es acht verschiedene Rothirschunterarten.
Im kasachischen Tienshan sind bekanntlich die stärksten Marale zu finden, aber 1000 Kilometer im Osten des gleichen Gebirges sind die Trophäen schwächer, und es kommen Kronenformen (Becherkrone) vor, die ein Trophäenjäger als ungarisches Geweih einstufen würde.
Trotz der unterschiedlichen Geweihkonstruktion ist es jedoch die gleiche Unterart.
Die Hirsche östlich des Baikalsees werden von den Russen Izubr (Isubra) genannt. Sie sind dem Maral in der Geweihform sehr ähnlich. Körpergröße und Geweih werden geringer, je weiter man nach Osten kommt. Die Sommerdecke kann bei erwachsenen Stücken handgroße rote Flecken aufweisen.
Ich war immer der Meinung, dass das Wort Izubr aus einer ostsibirischen Sprache stammt. In der Tat ist es aber phonetisch mit „zubr“ für Wisent sehr verwandt.
Vladimir Flint (1998) vermutet, dass die russischen Siedler im 16./17. Jahrhundert, als sie nach Sibirien zogen, dort das erstemal Hirsche gesehen haben und sie nach dem ihnen bekannten Wisent benannten (siehe Elk für Wapiti in Nordamerika). In yakutischer Sprache heißt der Izubr „Kulagai“.
Von den meisten Autoren wurden und werden weltweit Informationen von früherer Publikationen übernommen, deren Grundlagen oft mehr als 100 Jahre alt sind. Die Beschreibungen sind oft ungenau, zum Beispiel bei einer Deckenbeschreibung wird nicht darauf hingewiesen, ob es sich um eine Decke vom Frühsommer, Herbst oder Winter handelt.
Trophäen wurden oft auch gekauft und nicht selbst durch Jagd erbeutet, so dass die einmal geschriebenen Fehlinformationen immer wieder übernommen werden.
Wenn wir Jäger künftig die Hirsche nach ihrem Lebensraum und den lokalen Namen bezeichnen, so gibt es keine Verwechslungen, und jeder kennt sich aus, wenn einer einen starken Mongolischen oder Kasachischen Maral nach Hause bringt.
In vielen Ländern laufen intensive Forschungsvorhaben mit DNS-Untersuchungen, um die Verwandtschaft innerhalb der Rothirsche weltweit festzustellen. Es kann noch einige Jahre dauern, aber man sollte nicht überrascht sein, wenn die derzeitige systematische Einteilung der Rothirsche über den Haufen geworfen wird. Die ersten Ergebnisse können als sensationell bezeichnet werden.
Der Autor beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit der Systematik der Cerviden und schwerpunktmäßig mit den asiatischen Rothirschen.
Er hat fast alle asiatischen Rothirsche selbst erjagt und Trophäen, Felle, Skelette, Maße und Gewebeproben für die DNS-Forschung mit nach Hause gebracht.

Foto: Christian Oswald

Hansgeorg Arndt