Rösser im Eismeer

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Das urige Walross ist das einzige Meeressäugetier, das zum Großwild gerechnet wird. Seit vielen Jahrzehnten war aber die Walrossjagd in der nordamerikanischen und russischen Arktis fast nur für die Küstenbewohner der Inuit frei. Das hat sich geändert

Walrösser
Das urige Walross ist das einzige Meeressäugetier, das zum Großwild gerechnet wird. Seit vielen Jahrzehnten aber war die Walrossjagd in der nordamerikanischen und russischen Arktis fast nur für die Küstenbewohner der inuit frei.
Eine völlig andere Situation entstand zu Beginn dieses Jahrzehntes, als die russischen Küstenvölker einen Teil ihrer Lizenzen den westlichen Gastjägern zur Verfügung stellten.
Mitte der 90er Jahre folgten ihnen dann auch die kanadischen Inuit. Mit einem Mal war wieder die Bejagung einer Wildart möglich geworden, die nach jahrzehntelangem Jagdverbot völlig in Vergessenheit geraten war.
Das schwere Walross (eng. „walrus“, russ. „morsch“) gehört zur Familie der Odobenidae in der Ordnung Pinnipedia.
Wie bei den Ohrenrobben und im Gegensatz zu den Hundsrobben sind die Hinterfüße der Walrosse nicht als bloße Ruder- und Steuerorgane nach hinten gestreckt, sondern können nach vorn aufgesetzt und am Lande zum watschelnden Gehen benutzt werden.
Es hat aber wie die Hundsrobben keine äußeren Ohren.
Es gibt nur eine Art, Odobenus rosmarus, mit zwei von Biologen und Jägern (so in den beiden Rekordbüchern des SCI und Boone and Crockett Club) anerkannten Unterarten: dem Atlantischen Walross, O. r. rosmarus (inklusive laptevi, die von russischen Biologen für eine besondere dritte Unterart gehalten wird) und dem Pazifischen Walross, O. r. divergens.
Sie unterscheiden sich nur wenig. Das Atlantische Walross (das auch das Polarmeer-Walross genannt wird) hat kürzere Stoßzähne und einen schmaleren Gesichtsschädel.
Erwachsene Bullen werden bis etwa 3,7 Meter lang und wiegen bis zu 1 600 Kilogramm bei der pazifischen und bis zu 900 Kilogramm bei der atlantischen Unterart. Die Kühe sind um ein Drittel schwächer.
Die Haut ist rauh und faltig, weist auf dem Nacken und den Schultern bei erwachsenen Bullen die so typischen warzenähnlichen Wülste auf.
Die Haut der erwachsenen Bullen ist 2,5 Zentimeter dick am Körper und etwa sieben Zentimeter am Hals. Unter der Haut befindet sich eine dicke Speckschicht, die sieben Zentimeter stark sein kann und über 400 Kilogramm wiegt.
Walrosse sind normalerweise hellgrau, aber wenn sie in der Sonne liegen, dehnen sich die Blutgefäße aus und geben ihnen eine rostrote Färbung. Jungtiere haben ein dünnes, rötliches Fell, alte Stücke eine fast nackte Haut.
Die Haut, die mit zunehmendem Alter der Walrosse heller wird, kann bei einigen alten Bullen fast weiß sein. Besonders der Schädel und die mit Wülsten übersäte Hals- und Schulterregion sind bei älteren Stücken sehr hell.
Die Wülste am Hals gelten als Zeichen des Alters, und normalerweise erkennt man daran den Leitbullen einer Gruppe oder einen alten Einzelgänger.
Trophäe
Beide Geschlechter haben Stoßzähne, die von den oberen Eckzähnen gebildet werden und im Alter von vier Monaten durchbrechen.
Mit zwei Jahren sind sie etwa zehn, mit fünf bis sechs Jahren 30 Zentimeter lang. Sie können bei den stärksten Bullen des Pazifischen Walrosses bis zu 102 Zentimeter (40 Inch) und bei denen des Atlantischen Walrosses bis 76 Zentimeter (30 Inch) lang werden.
Die Stoßzähne der Kühe erreichen nur etwa 60 Prozent der Stoßzahnlänge der Bullen.
Als Trophäe gilt neben dem Schädel mit Stoßzähnen auch der Penisknochen, der bis 60 Zentimeter lang sein kann.
Im Rekordbuch des Safari Club International (SCI) werden nur die Trophäen des Pazifischen Walrosses von Alaska (keine einzige aus Russland) aufgeführt. Vom Atlantischen Walross gibt es beim SCI keine Eintragungen, weil es bis vor kurzem noch keine Jagd für Nicht-Eskimos gab, und seine Einfuhr in die USA immer noch verboten ist.
Der SCI-Weltrekord (pazifische Unterart) hat eine Stoßzahnlänge von 34 3/8 Inch (87,5 Zentimeter) und einen Basisumfang von 24 und 26,5 Zentimetern.
Die längsten Stoßzähne (97,5 bzw. 95,0 Zentimeter, allerdings mit einem geringen Basisumfang von nur 18,5 Zentimetern) wurden aber bei einer alaskanischen „Pick-up“-Trophäe gemessen.
Das Weltrekord-Walross des amerikanischen Boone and Crockett Clubs (pazifische Unterart) hat eine Hauerlänge von 32 2/8 Inch (82 Zentimeter) und den enormen Basisumfang von 33 Zentimetern.
Hier weisen die längsten Zähne eine Länge von 40 1/8 Inch (102 Zentimeter, die zweitstärkste Trophäe des B & C) auf.
Im B & C-Rekordbuch findet man aber auch Angaben über die Trophäenstärke des Atlantischen Walrosses, allesamt aus Museumsbeständen, nicht von Trophäenjägern. Der Weltrekord hat eine Stoßzahnlänge von 30 5/8 Inch (78 Zentimeter) und einen Basisumfang von 21,5 Zentimetern.
Ein sicheres Ansprechen der Walrosse ist eigentlich nur auf dem Lande möglich. Wenn sie im Wasser sind, ist es sehr schwer, ein bestimmtes Stück anzusprechen oder wiederzufinden.
Die Jagd vom Boot auf Walrosse im offenen Wasser ist schwieriger, aber auch interessanter, als man denkt.
Aus einer Gruppe versucht man, den Leitbullen an seiner hellen Hautfarbe und den Halswülsten zu erkennen und dann zu bejagen. Auch den alten, einzelnen Bullen erkennt man an diesen Merkmalen.
Ein Nachteil dieser Jagd ist allerdings, dass man die Länge der Zähne zumeist erst nach dem Erlegen feststellen kann. Nur selten wird man die Gelegenheit haben, mehr als die Basis und einen kleinen Teil der Zähne bei einem schwimmenden Walross zu sehen.
Das Walross ist eine seltene Trophäe, weshalb ein Kopf-Schulter-Präparat für jeden Arktisjäger einfach ein Muss ist. Dabei muß man auch daran denken, die Stoßzähne nicht einzementieren zu lassen.
Sie sollten nur mit einem Stift befestigt und zum Vermessen herausnehmbar sein.
Da die Einfuhr der Walrosstrophäen in die USA verboten ist, machen amerikanische Jagdagenturen aus der Not eine Tugend.
So raten sie amerikanischen Walrossjägern, eine genaue Kopie des Kopf-Schulter-Präparates (replica head mount) mit Kunststoffzähnen vom erlegten Walross zu machen, weil diese angeblich sowieso besser (?!) seien als das Originalpräparat.
Lebensgemeinschaft und Brunft
Walrosse leben gesellig.
Zum Ruhen und Schlafen begeben sie sich auf Eisschollen oder aufs Festland. Hier liegen sie eng nebeneinander, dösen in der Sonne, streiten sich aber fortwährend, um einen besseren Platz zu bekommen.
Mit den Stoßzähnen fügen sie sich gegenseitig Verletzungen zu, und die Hälse der meisten sind in der Regel übersät mit Narben und offenen Wunden.
Das, was für einige Landsäuger das Rudel (als die übliche Gemeinschaftsform) ist, ist bei den Walrossen die Familie. Mehrere Familien vereinigen sich gewöhnlich zu großen Herden.
So geschickt Walrosse im Wasser sind, so schwerfällig bewegen sie sich auf dem Festland. Trotzdem sind sie in der Lage, Hänge und aufgetürmtes Packeis zu überwinden.
Schwere Bullen setzen ihre Stoßzähne bei den Rivalenkämpfen ein, aber auch zum Brechen von Atemlöchern ins Eis, sowie zum Klettern aus dem Wasser auf die Eisschollen (dabei benutzen sie ihre Stoßzähne wie Bergsteiger die Eispickel) und zur Fortbewegung auf dem Eis.
Die Walrosse leben vorwiegend im flachen Wasser (bis zu 70 Meter Tiefe), wo der Untergrund kiesig und reich an Weichtieren ist. Ihre natürliche Nahrung ist relativ vielseitig und umfasst Fische, Schalentiere, Meereswürmer, Algen und Tang.
Mit ihren langen Hauern wühlen sie den Kies auf, und mit den Lippen und langen Barthaaren suchen sie das Futter heraus.
Nur wenn nicht ausreichend anderes Futter vorhanden ist, fressen sie gelegentlich auch junge Bart- und Kegelrobben.
Sogar Kannibalismus an Jungen der eigenen Art kommt manchmal vor. Küsten-Tschuktschen aus der russischen Arktis haben Gastjägern erzählt, dass sich fleischfressende Walrosse aus Walrosskälbern entwickeln, denen, noch während sie gesäugt wurden, die Mutter weggeschossen wurde.
Danach werden sie zu Fleischfressern, die gelegentlich auch Menschen angreifen.
Da sich Walrosse während der Brunftzeit (Mai/Juni) weit draußen auf dem schwimmenden Packeis befinden, sind zuverlässige Beobachtungen ihrer Paarung und der Geburt kaum möglich.
Nach einer Tragzeit von rund zwölf Monaten wird nur ein Junges (mit einer Länge von etwa einem Meter und etwa 30 Kilogramm Gewicht) geboren.
Die Geburt erfolgt wahrscheinlich ebenso im Wasser wie die Paarung. Ein Junges wird über ein Jahr lang von seiner Mutter gesäugt.
Die natürliche Altersgrenze liegt bei etwa 35 Jahren. Die einzigen Feinde erwachsener Walrosse sind Schwertwal, Eisbär und der Mensch.
Lebensraum, Verbreitung und Bestand
Walrosse halten sich in den flachen Gewässern entlang der arktischen Küste auf. Ein großer Teil der Walrosse wandert und folgt dem Eis, im Sommer nach Norden und im Winter nach Süden.
Das Areal des Atlantischen Walrosses umfasst die Baffin Bay etwa zwischen der Ellesmere-Insel im Norden und der Davis-Straße im Süden, das Foxe-Becken, die Hudson-Straße, den nördlichen und östlichen Teil der Hudson-Bay und die Barents- und Kara-Meere an den Küsten von Nowaja Semlja, Franz-Josef-Land und Spitzbergen. Es kommt gelegentlich auch vor Island vor.
Das Pazifische Walross lebt auf beiden Seiten der Beringsee, im Westen nördlich vom Golf von Anadyr und an der Nordküste Russlands in der Tschuktschi-, Ostsibirischen- und Laptew-See.
Es gibt aber auch Funde von Walrossen viel weiter im Süden. Ein Walross wurde 1456 sogar in der Themse gefangen, und zwischen 1815 und 1954 sind 21 Walrosse an der schottischen Küste und zwischen 1902 und 1954 zehn Exemplare an der norwegischen Küste registriert worden.
Von besonderem Interesse ist ein Walross, das wahrscheinlich in holländischen Gewässern gefangen und dem Papst zum Geschenk gemacht wurde.
Der Maler Albrecht Dürer (1471-1528) hat es auf einer seiner Reisen offenbar gesehen und eine berühmt gewordene Zeichnung davon angefertigt.
Die Zahl der Walrosse hat in den vergangenen 150 Jahren stark abgenommen, seit Eskimos mit Gewehren jagen.
Der letzte Bestandsrückgang des Pazifischen Walrosses begann Mitte der 30er Jahre dieses Jahrhunderts und hielt sich bis in die 60er Jahre, als dann sowohl in Nordamerika wie in der damaligen Sowjetunion Schutzgebiete geschaffen und die nordamerikanischen sowie asiatischen Eskimos und Paläosibirier über die nachhaltige Nutzung dieser Nahrungsquellen aufgeklärt wurden.
Seitdem nimmt der Walrossbestand weltweit zu‚ und die Walrosse erscheinen auch wieder in Gebieten, wo sie seit vielen Jahren nicht beobachtet wurden.
Nach den Wildzählungen 1975 betrug die Gesamtpopulation des Pazifischen Walrosses 221360 Exemplare, im Jahr 1985 gab es dort 232518 Stück, und zwar 62177 in Alaska und 170341 in Nordost-Sibirien.
Mit dem Bestandsanstieg hängt auch die höhere Abschussquote zusammen. Der Jahresabschuss 1985 betrug 8 917 Pazifische Walrosse, wovon 4 306 Stück auf der damals sowjetischen Seite zur Strecke kamen.
Einen besonders deutlichen Zuwachs kann man bei der russischen Walrosspopulation beobachten, wo die russischen Wildbiologen zu Beginn der 90er Jahre fast 200 000 Walrosse registrierten.
Nach ihrer Meinung sind die Walrosse im Augenblick nur noch durch ihre Überpopulation bedroht, wenn diese schnelle Bestandsexpansion durch die höheren Abschussquoten nicht gebremst wird.
Der Gesamtbestand der Walrosse betrug Ende der 80er Jahre 350 000 Stück. Davon gab es 300000 Pazifische und etwa 50000 Atlantische Walrosse.
Die Gesamtpopulation gilt heute als gesichert und stabil.
Artenschutz
Das Walross steht seit vielen Jahren unter dem nationalen und internationalen (CITES Anhang III) Artenschutz. Die CITES-Behörde macht aber keine Unterscheidung zwischen den zwei Unterarten. Für sie gibt es nur eine einzige Walrossart.
Nach Auskunft einer renommierten deutschen Fachspedition für Jagdtrophäen ist die Einfuhr von Walrosstrophäen in die EU-Staaten seit Juni 1997 grundsätzlich möglich. Dabei spielen die Unterart des Walrosses oder das Jagdland keine Rolle.
Der Jäger darf also sowohl die Trophäe eines Pazifischen Walrosses aus Russland wie auch die eines Atlantischen Walrosses aus Kanada legal in einen EU-Staat einführen.
In der Moderne hat es noch nie eine Jagd durch Nicht-Eskimos auf das Atlantische Walross gegeben. Deshalb sind seine Trophäen im Rekordbuch des Safari Club International (SCI) nicht zu finden.
Als bekannt wurde, dass kanadische Eskimos einen Teil ihrer Abschussquote für Atlantische Walrosse den Gastjägern zur Verfügung stellen wollten, galt das unter den aktiven Großwildjägern als Sensation.
Als der erste Nicht-Inuit hat 1996 der kanadische Jäger Perry McCormick in der Siedlung Coral Harbour auf das Atlantische Walross gejagt. Er erlegte einen Bullen mit 25 Inch Stoßzahnlänge, ein außergewöhnlich starkes Stück.
Zwei weitere Jäger hatten im gleichen Jahr jeweils ein Walross im kanadischen Igloolik zur Strecke gebracht.
Seit 1957 ist das Walross in Russland kein Objekt der gewerbsmäßigen Jagdwirtschaft mehr.
Seine Bejagung war dann nur noch mit Speziallizenzen möglich, und zwar durch die einheimischen Küstenvölker und für Forschungszwecke.
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Foto: Fritz Pölking

Hansgeorg Arndt