Editorial JAGEN WELTWEIT 1/2015

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Trophäenjäger

 

Wenn ein Weidmann einen anderen als Trophäenjäger bezeichnet, ist das kein Kompliment, sondern beleidigend. Die Bezeichnung Trophäenjäger ist zum Schimpfwort verkommen. Warum eigentlich? Sind Trophäen etwas Unanständiges? Ist die Jagd nach Trophäen nicht wild- oder weidgerecht?
Ich meine: Erst der Erinnerungswert macht aus einem Knochen eine Trophäe. Die Erinnerung an erfolgreiches Jagen und oft auch an ein Kräftemessen mit den Sinnen des Wildes ist der Grund, warum ich den Schädel eines Rothirschs oder Gamsbocks abkoche, bleiche, auf ein Brett setze und an die Wand hänge. Und dies alles mit viel Freude. Nicht anders geht es mir mit den Erpellocken, die ich mir nach einem sauberen Schuss hinters Hutband stecke.
Gegen das Wertschätzen und Aufhängen von Geweih oder Gehörn, Schnecken oder Krucken ist nichts einzuwenden, meine ich. Ebenso wenig wie gegen das Sammeln von Porzellantellern oder Zinnkrügen. Geschmacksache halt. Sie erfreuen den jeweiligen Besitzer.
Es bleibt die Frage, inwieweit Trophäenjagd den Wildbeständen zuträglich oder schädlich ist. Nachteilig ist sie, wenn nicht autochtone Stücke ausgewildert werden, etwa Blessböcke in Namibia, oder neue Farbvarietäten gezüchtet werden, beispielsweise Impalas mit schwarzer Decke. Das sind Auswüchse, die ausgemerzt gehören.
Andererseits stellt sich eine weitere wichtige Frage: Wie viele kapitale Trophäen fallen denn pro Jagdjahr an? Beim Rotwild ist dies doch beispielsweise ein geringer Anteil, verglichen mit all den Spießern, Sechsern, ungeraden Achtern etc. Zu rasch haben wir den 12-Kilo-Hirsch oder den kanadischen Kapital-Schaufler im Kopf, wenn das Wort Trophäe fällt. Schaut man aber ins eigene Jagdzimmer oder das von Freunden, findet sich dort überwiegend geringer Kopfschmuck. Vielfach sind nur 2, 3 wirklich kapitale Knochen darunter. Aber jede Trophäe – sei sie nun stark oder schwach – ist für den Erleger mit einem besonderen Erlebnis oder einer Erinnerung verbunden.
Und dies übrigens (meist) nur für den Schützen. Nach dessen Tod ist ihnen in der Regel kein langes „Nachleben“ beschieden. Vielleicht werden sie von den Erben nicht sofort entfernt, weil Sie an den Vater oder Großvater erinnern. Doch das wird mit der Zeit weniger. Dann werden die Knochen zu lästigen Staubfängern und wandern auf den Dachboden oder in die Knopffabrik.
Ein letzter Gedanke: Es ist einfach selbstverständlich, dass nicht nur die Trophäe zählt, sondern ebenso das Wildbret: Nicht nur die Schnecken des Dallschafes werden also geborgen, sondern auch das Fleisch wird – bis auf wenige Ausnahmen – überall auf der Welt verwertet.
Kurzum: Hinter jeder Trophäe steckt ein Erlebnis, eine schweißtreibende Pirsch in afrikanischer Savanne oder eine Mondnacht bei klirrender Kälte. Ich wünsche Ihnen ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr sowie viel Freude am Weidwerk – auch auf Trophäenträger!
 
 
Ihr
Dr. Rolf Roosen
Chefredakteur
 
 
 

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