Erfolgsmodell Kurgan

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Warum nimmt die Jagd in Kurgan so einen Aufschwung? Das wollten wir von Peter Fedotov, dem Chef der dortigen Jagdbehörde, wissen.

 

JAGEN WELTWEIT: In Deutschland und ganz Mitteleuropa hat es einen harten Winter gegeben. Kurgan liegt hinter dem Ural, also schon in Sibirien. Wie ist bei Ihnen der Winter gewesen?
 
PETER FEDOTOV: In den letzten Jahren hat der milde Winter auch uns in Sibirien etwas verwöhnt. Jetzt ist der richtige sibirische Winter wieder zurück, den wir aus früheren Zeiten kennen. Es ist in diesem Jahr durchschnittlich kälter gewesen, und es ist auch mehr Schnee als in den letzten zehn Jahren gefallen. Uns wäre es lieber, wenn es etwas milder gewesen wäre, aber die Natur hat eigene Gesetze.
 
 
JAGEN WELTWEIT: Was bedeutet das für das Wild? Speziell für das Sibirische Rehwild?
 
FEDOTOV: Klar ist, dass auch für das Wild dieser harte Winter Probleme bereitet hat. Wir sind aber trotzdem zuversichtlich, dass das Rehwild ihn gut überstehen wird. Der Winter kam ziemlich spät, erst Mitte Dezember fing es richtig zu schneien an. Dann kam der Frost. Bis dahin hatte das Wild ein sehr gutes Fettpolster angebaut, das ihm über den Winter hilft. Nur schwache Kitze oder kranke Stücke können den Winter nicht überstehen. Natürliche Auslese eben.
 
JAGEN WELTWEIT: Darf bei Ihnen das Wild gefüttert werden?
 
FEDOTOV: Ja, klar. Insbesondere in diesem Winter ist das von großer Bedeutung und ein fester Bestandteil der Hege, die unsere Jagdpächter in ihren Revieren betreiben. In der letzten Zeit wurden zum Beispiel sehr viele Winteräsungsfelder angelegt. Insbesondere Luzerne hat sich bestens bewährt. Im Sommer wird sie einmal gemäht und dann im Winter für das Wild als Heu ausgelegt. Außerdem werden bei höheren Schneelagen große Teile von Winteräsungsflächen mit landwirtschaftlichen Maschinen vom Schnee befreit, um diese Flächen dem Wild zugänglicher zu machen. Vor allem Winterroggen und Raps.
 
JAGEN WELTWEIT: Bisher befanden sich die Reviere in staatlicher Regie. Seit 2007 können Reviere gepachtet werden. Wieviel Prozent der Jagdfläche ist bisher vergeben worden?
 
FEDOTOV: Die Gesamtfläche im Gebiet Kurgan, die jagdlich genutzt wird, beträgt 7 Millionen Hektar. Rund 30 Prozent gehörten den örtlichen Jagdgenossenschaften, der Rest stand unter Obhut der Kurganer Jagdbehörde, war also staatlich. Im August 2007 hat die Regierung des Kurgan-Gebiets mit Unterstützung des Gouverneurs Bogomolov, der selbst Jäger ist, ein neues Konzept verabschiedet, nach dem 80 Prozent der Gesamtjagdfläche verpachtet werden soll. Bis heute sind schon 75 Prozent an 132 verschiedene Verbände, Organisationen, aber auch Privatpersonen vergeben worden.
 
JAGEN WELTWEIT: Wie groß sind die Reviere, und wie lang ist die Pachtdauer?
 
FEDOTOV: Jedes dieser Reviere ist durchschnittlich 30 000 bis 50 000 Hektar groß. Die Pachtdauer beträgt 25 Jahre.
 
JAGEN WELTWEIT: Sind mit der Pacht auch Auflagen verbunden?
 
FEDOTOV: Pachtgebühren für die Jagdreviere fallen noch nicht an. Dies ist aber in der Zukunft vorgesehen. Das heißt aber nicht, dass man mit der Pacht keine Verpflichtungen oder Kosten hat. Im Gegenteil, die Aufwendungen sind sehr hoch. Aufgrund der Verordnung der Gebiets-Regierung ist die Jagdpacht mit bestimmten Vorschriften und Vorgaben verbunden, die unbedingt eingehalten werden müssen. Zum Beispiel ist je 25 000 Hektar ein Jagdaufseher mit einem Transportmittel (Geländewagen) Pflicht. Wenn kein Transportmittel zur Verfügung steht, dann muss der Jagdpächter je 5 000 Hektar einen Jagdaufseher einstellen. Außerdem muss jedes Revier von einem Fachmann mit Jagdhochschulabschluss betreut werden. Durch die Verordnung der Regierung von Kurgan wurden Richtlinien für die Nutzung des Wildes festgelegt. Diese sehen eine Reihe von verschiedenen biotechnischen und jagdbetrieblichen Maßnahmen zur Hege und dem Schutz des Wildes vor, die strikt eingehalten werden müssen. Dies wird von unserer Behörde weitgehend kontrolliert. Das alles bedeutet hohe Kosten und sehr viel Arbeit. Überlegen Sie mal, was stark die Spritkosten von einem Geländewagen, mit dem man täglich ein 25 000 Hektar großes Revier kontrolliert, zu Buche schlagen.
 
JAGEN WELTWEIT: Die einheimischen Jäger waren beziehungsweise sind vorrangig am Wildbret interessiert. Ist die „Arbeitsteilung“ Trophäe für Auslandsjäger, Wildbret für einheimische Jäger eine wirtschaftlich interessante Komponente für Kurgan?
 
FEDOTOV: So eine Arbeitsteilung ist nicht vorgesehen und hat es auch nicht gegeben. Tatsache ist sicherlich, dass die einheimischen Jäger früher keinen besonderen Wert auf Trophäen gelegt haben. Aber es war nicht nur das Wildbret, das die russischen Jäger in die Wälder trieb. Es ist in der ersten Linie die Leidenschaft, dem Wild in der freien Natur nachzustellen, also die Jagd als solche. Und das Wildbret ist die Belohnung dafür. Heute wächst auch unter unseren Jägern das Interesse an Trophäen. Aber das ist sicherlich bei weitem noch nicht so ausgeprägt wie bei Ihnen. Daher ist momentan die Trophäenjagd durch ausländische Jagdgäste eine sehr wichtige wirtschaftliche Komponente und tragende Finanzsäule für viele Jagdreviere in Kurgan.
 
JAGEN WELTWEIT: Wie wird die Höhe des Wildbestandes ermittelt?
 
FEDOTOV: Wir benutzen dafür eine Methode, die in den 1980er Jahren durch Jagdspezialisten entwickelt wurde. Die ganze Jagdfläche ist gleichmäßig in sehr viele Marschrouten (Touren) aufgeteilt. 1 500 sind es in unserem Gebiet mit einer Gesamtlänge von mehr als 7 000 Kilometern.
 
JAGEN WELTWEIT: Und wie funktioniert das in der Praxis?
 
FEDOTOV: Das Prinzip ist folgendes: Ein Jäger geht im Winter so eine genau festgelegte Marschroute an einem Tag mit Skiern durch und verwischt alle Fährten, die seinen Weg kreuzen. Am nächsten Tag wird die Route noch mal durchgegangen, wobei alle frischen Fährten von allen Wildarten, die die Skispur überqueren, notiert werden. Diese Daten von allen 1 500 Touren werden an die zentrale Jagdverwaltung von Kurgan weitergeleitet. Dort sitzen Jagdexperten, die anhand einer speziell entwickelten Methodik den Wildbestand in jedem einzelnen Jagdrevier sowie im ganzen Jagdgebiet ermitteln.
 
JAGEN WELTWEIT: Wird danach der Abschuss festgesetzt?
 
FEDOTOV: Die gesamte Jahresabschussquote beträgt bei dem Rehwild 10 Prozent des ermittelten Bestandes, beim Elchwild sind es15 und beim Schwarzwild 60 Prozent. Das betrifft das Gebiet Kurgan. In anderen Gebieten können die Abschussquoten variieren.
 
JAGEN WELTWEIT: Wieviel Böcke und Schaufler werden für Gastjäger freigegeben?
 
FEDOTOV: Ob ausländische oder heimische Jäger – bei der Freigabe werden keine Unterschiede gemacht. Es ist nur so, dass während der Trophäenjagd in der Brunft (Ende August bis Anfang September) die Abschussquote in Kurgan bei dem Sibirischen Rehbock 5 Prozent des Gesamtabschusses beträgt, also nur 0,5 Prozent vom gesamten Wildbestand. Ab Oktober sind dann die restlichen 95 Prozent der Abschüsse frei – ob für die Trophäen- oder auch nur Fleischjagd. Das Elchwild kann erst vom 30. August an bejagt werden. Hier gilt die gleiche Regelung. Es ist allerdings so, dass der heutige Wildbestand einen höheren Abschussplan für die Trophäenjagd ohne jeglichen Schaden für die Population verkraften kann. Daran arbeiten wir gerade, um die Abschussquote während der Brunft von 5 auf 10 Prozent zu erhöhen.
 
JAGEN WELTWEIT: Wieviel Jagdgäste kommen jährlich nach Kurgan? Und wieviel Böcke werden durchschnittlich von ihnen erlegt?
 
FEDOTOV: 210 bis 230 Auslandsjäger kommen jährlich hierher. Die Durchschnittsstrecke je Jagdgast liegt bei 2 bis 3 Böcken.
 
JAGEN WELTWEIT: Wie hat sich die Trophäenqualität entwickelt?
 
FEDOTOV: Bei der durchschnittlichen Trophäenqualität ist in den letzten Jahren eine Steigerung festzustellen. Das ist auf viele Faktoren zurückzuführen. Vor allem darauf, dass die Wilddichte in vielen Regionen kontinuierlich gestiegen ist. Die intensiven Hegemaßnahmen in den Jagdrevieren sind dafür der wichtigste Grund. Auch bei den Abschüssen selbst hat sich viel verändert. Während früher der Kitz-Anteil an der Gesamtstrecke nur sehr gering war, beträgt er heute in den meisten Revieren 60 bis 70 Prozent. Entsprechend der höheren Wilddichte hat man auch mehr Auswahl bei den Trophäenträgern. So kommen auch mehr kapitale Böcke zur Strecke. Sehr erfreulich ist, dass Jahr für Jahr bei den Trophäenjagden sehr viele Böcke im hohen Alter von 9 bis 10 Jahren erlegt werden. So soll es auch bleiben. Die streng limitierten Abschüsse für die Trophäenjagd sind mit Sicherheit ein Garant dafür, dass die Nachhaltigkeit bei der Trophäenqualität bei uns nicht gefährdet ist.
 
JAGEN WELTWEIT: Was wird für die Schulung der Jagdführer getan?
 
FEDOTOV: Jedes Revier wird von einem Jagdspezialisten mit Hochschulausbildung betreut. Der ist unter anderem auch für die Ausbildung des Jagdpersonals in den Revieren zuständig. Speziell für die Trophäenjagd wurde zum Beispiel in der vergangenen Jagdsaison auf Initiative einiger Jagdpächter Klaus Demmel aus Deutschland eingeladen. Als Spezialist für die Bock- und speziell für die Blattjagd machte er eine Schulung für die Jagdführer. Das soll nur der Anfang sein. Viele Jagdpächter haben nicht nur Interesse, die Wilddichte, sondern auch die allgemeine Jagdkultur bei dem Personal zu erhöhen.
 
JAGEN WELTWEIT: Was erwarten Sie aufgrund dieser Veränderungen in den jagdlichen Strukturen für die Zukunft?
 
FEDOTOV: Es ist in den letzten Jahren ein Konstrukt im Jagdwesen entstanden, das uns sehr zuversichtlich in die Zukunft schauen lässt. Vom 1. April dieses Jahres an werden den Regionen die meisten Jagdbefugnisse übertragen. Die Gesetzgebung schreibt uns Rahmenbedingungen vor. Wir haben aber jetzt mehr Möglichkeiten, effektiver und gezielter zu handeln aufgrund der spezifischen Bedingungenoder kurzfristigen Veränderungen vor Ort, wie Wetter, Brände oder andere Naturereignisse. Das zentrale Organ in Moskau bei dem Naturschutzministerium hat dabei die Kontrollfunktion über die Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen in den Regionen behalten.
 
JAGEN WELTWEIT: Wie wird sich das in Kurgan
auswirken?
 
FEDOTOV: Durch die Verpachtung haben heute die meisten Jagdreviere einen Betreuer, der sein Revier für 25 Jahre mit allen Pflichten und Rechten übernommen hat und quasi wie sein Eigentum behandelt. Es braucht heute keine große Überzeugungsarbeit, damit er sich mit seiner Mannschaft um Revier und Wild kümmert, dieses schützt und intensiv betreut.
 
JAGEN WELTWEIT: Sehen Sie die Gefahr einer Überbejagung beim Sibirischen Rehwild?
 
FEDOTOV: Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, dass der Lebensraum des Sibirischen Rehwildes das Mehrfache des heutigen Wildbestandes tragen kann. Und das ist realistisch und machbar, davon sind wir überzeugt. Eine Plattform für diese Entwicklung haben wir in Kurgan geschaffen, und es wird jetzt weiter in diese Richtung gearbeitet. Wir hoffen, dass die Jagd auf den Rehbock bei uns in Kurgan in Zukunft noch mehr Interesse unter den Trophäenjägern aus dem Westen finden wird. Dafür sind wir sehr gut gerüstet und laden hiermit alle Jäger herzlich ein, die ein wahres Jagderlebnis suchen und ihre Trophäensammlung mit starken Trophäen des Sibirischen Rehbockes bereichern wollen. Sie werden das nicht bereuen, glauben Sie uns!
 

PETER FEDOTOV

 

Fedotov

45 Jahre, verheiratet, zwei Söhne. Nach Schulabschluss zwei Jahre Militärdienst bei Fallschirmspringer-Einheit. Danach Biologie-Studium mit Schwerpunkt Jagdkunde an der Landwirtschaftshochschule Kirov. 1991 Abschluss mit Diplom. Von 1985 bis 1993 Jagdaufseher und später Jagdkundler des Landkreises Ketovo im Gebiet Kurgan. Seit 1993 Chef-Jagdkundler bei der Kurganer Jagdbehörde, seit 1995 stellvertretender Leiter dieser Behörde. 2001 nach Fernstudium an der Kurganer Staatsuniversität zweites Diplom als Jurist. 2007 nach Reorganisation in Russ land Chef der Jagdbehörde von Kurgan innerhalb des neugeschaffenen Departments für Naturressourcen. Schwerpunkt: Jagdverwaltung, Jagdaufsicht, Wildmanagement, Bekämpfung der Wilderei.