Mexiko: Mit Flinte und Büchse

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Spontan sage ich zu, als mich Bill, ein amerikanischer Jagdfreund, fragt, ob ich an einer Jagd in Mexiko teilnehmen will. Am 23. Januar 2002 fliegen wir von Denver, Colorado, nach Hermosillo, Sonora, Mexiko.

Mexiko

Von Siegfried Kursch
Ubaldo, der mexikanische Outfitter, erwartet uns auf dem Flughafen von Hermosillo. Seine Jagdlodge liegt etwa 120 Kilometer nordöstlich in den Ausläufern der Sierra Madre. Wir werden jedoch nicht dort jagen. Ubaldo bringt unsere Gruppe, wir sind fünf Jäger, in ein neues Jagdgebiet. Hier haben ausländische Jäger bisher noch nicht gejagt.

Dieses Jagdgebiet liegt 140 Kilometer von Hermosillo entfernt auf 1.600 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Eigentümer sind drei mexikanische Rancher, die in diesem Gebiet einige Rinder und Pferde weiden. 20.000 Hektar wildes Bergland mit Erhebungen bis 2.000 Meter Höhe, mit steilen Hängen und weitläufigen Tälern.

Die Vegetation ist typisch für dieses trockene und steinige Hochland: spärlich mit harten Gräsern bewachsene Bergwiesen im stark kupierten Gelände, überall stacheliges Strauchwerk, immer wieder Kakteen, einzeln oder in Gruppen verteilt, immergrüne, halbhohe Eichen. Am Horizont sieht man die schroffen Gebirgszüge der Sierra Madre.

Jetzt im Winter leuchtet das welke Gras goldgelb, dazu der strahlend blaue Himmel, die immergrünen Eichen und Kakteen. Es ist eine reizvolle Landschaft. Die Luft ist klar und trocken. Über Tag, bei Sonnenschein, steigen die Temperaturen auf 15 bis 20 Grad Celsius, nachts fallen sie bis auf minus zehn Grad.

In den Talsohlen haben Rancher an geeigneten Stellen Dämme aufgeschüttet. Hier wird das überschüssige Regenwasser in Teichen gesammelt, als Tränke für das Vieh. Aber auch die Wildtiere nehmen diese Tränken an, wie die vielen Fährten und Spuren erkennen lassen. Die Beweidung dieses Gebietes durch Rinder ist keineswegs störend bei der Jagd. Der spärliche Bewuchs lässt nur eine geringe Zahl Weidevieh zu, das sich im weitläufigen Gelände verteilt.

Ein Rind benötigt 50 Hektar, um ganzjährig hier zu weiden, bei einem Pferd sind sogar 100 Hektar erforderlich. Zäune, die zur Sicherung für die Rinder und Pferde errichtet wurden, bestehen aus drei Reihen Stacheldraht. Sie sind für die Wildtiere kein besonderes Hindernis und einfach zu überwinden. Es wird also nicht im Gatter gejagt.

In dem von uns bejagten Gebiet leben als Hauptwildarten Weißwedelwild (Coues Deer, Desert Whitetail ), einige Javelina (Pekari), Kojoten, Präriehasen, Enten und Wachteln.

 

Die Ranch

Eine einfache Ranch ist für die nächsten Tage unsere Bleibe. Sie liegt am Fuße eines Berghanges, zentral im Jagdgebiet. Für unser leibliches Wohl sorgt ein junger mexikanischer Koch. Seine scharf gewürzten Gerichte schmecken uns vorzüglich. Nachts ist es in den ungeheizten Räumen unangenehm kalt. Um nicht zu frieren, kriechen wir in unsere Schlafsäcke und decken uns noch zusätzlich mit Wolldecken zu. Im Nachbargebäude schlafen die Jagdführer und die Cowboys, die sich um die Pferde kümmern. Der elektrische Strom wird mit einem Generator erzeugt; heißes Duschwasser kommt aus einem außenstehenden Boiler, der mit Holz geheizt wird.

Von dieser Ranch brechen wir täglich in zwei Gruppen zur Jagd auf. Gegen sechs Uhr morgens fährt abwechselnd die eine Gruppe mit Geländewagen hinaus, um dann zu pirschen, die anderen Jäger reiten zu Pferde in die Berge. Um 13 Uhr kommen alle zur Ranch zurück zum Lunch, um gegen 15 Uhr erneut bis zur Dunkelheit zu jagen. Abends, nach dem Dinner, kriechen wir alle todmüde in unsere Schlafsäcke.

Mexiko, Sattelplatz
Der Sattelplatz: Hier warteten die Jagdführer mit den Reitpferden auf die Jagdgäste. Aber auch mit dem Pickup wird ins Jagdgebiet gefahren.

 

Auf der Jagd

Auf der Jagd

Das Gebiet Sonora im Norden von Mexiko ist bekannt für starke Coues Deer-Trophäen. Das Coues Deer, auch Desert Whitetail genannt, ist eine der kleineren Weißwedel-Unterarten, bei der die Hirsche das typische nach vorn gestellte Geweih tragen. Das Coues Deer hier in den trockenen, höheren Berglagen im Norden von Mexiko erreicht gerade einmal ein Lebendgewicht bis zu 60 Kilogramm. Je nach Biotop und Nahrungsangebot erreichen andere Unterarten Lebendgewichte bis 150 Kilogramm.

Mehr noch als die Jagd auf das Coues Deer interessiert mich die Wachteljagd. Noch niemals hatte ich bisher dazu die Gelegenheit. Zwei Wachtelarten, die Elegant-Wachtel und die Montezuma-Wachtel, leben hier im Gras des Hochlandes. Beide Wachtelarten kommen nur hier in Nordmexiko und im Süden der USA, in gebirgigen Gegenden von Südarizona, Südwest-Texas und im Südwesten von Neu Mexiko vor. Vielleicht gelingt es mir, sowohl Coues als auch einige Wachteln zu erlegen.

Von Ubaldo leihe ich mir eine Büchse im Kaliber .30-06 und eine Flinte, leider nur eine Pumpgun. Ich wollte es mir ersparen, in dieser „sicherheitsrelevanten Zeit“ mit eigenen Waffen in die USA und weiter nach Mexiko zu reisen, wobei ich mir durchaus bewusst war, welches Risiko es bedeutet, mit fremden und ungewohnten Waffen zu jagen. Am ersten Jagdtag fahren Steve und ich mit Fahrzeugen zur Jagd. Bill, sein Bruder Mike und sein Vater reiten mit Pferden hinauf in die Berge.

Wir genießen die Eindrücke des mexikanischen Berglandes und können auch einige Coues Deer in den Berghängen ausmachen: weibliche Stücke. Jetzt, Ende Januar, ist hier die Zeit der Nachbrunft. Dort wo weibliches Wild steht, muss auch immer mit Hirschen gerechnet werden. Weißwedelhirsche sind sehr aufmerksam und scheu. Es wird nicht einfach sein, sie in dem relativ offenen Gelände anzugehen. Alle haben wir bei der Morgenpirsch Anblick, das stimmt uns zuversichtlich.

Auf einem kleinen See liegen einige Enten. Im Schutz von Sträuchern verlassen wir das Fahrzeug und pirschen sie in Deckung an, aber die wachsamen Enten bekommen uns mit. Das Klatschen der vielen Schwingen der aufstehenden Enten stört die Stille. Wir umschlagen den kleinen See. Eine kurze Kontrolle im Uferschlamm zeigt neben Abdrucken von Rinderhufen auch Trittsiegel vom Coues Deer.

Auf der gegenüberliegenden Seeseite angekommen, flüchtet knapp 60 Meter vor uns aus einer Senke ein jagdbarer Hirsch. Er hat es nicht sehr eilig, als ob er ahnt, dass ich nur mit einer Flinte bewaffnet bin. So ein Pech aber auch, meine Büchse liegt im abgestellten Fahrzeug.

Am Nachmittag fahre ich erneut mit meinem mexikanischen Jagdführer Javier hinaus. Vom Fahrzeug aus sehe ich in etwa 60 Meter Entfernung neben der Piste ein fuchsähnliches Tier durch die Sträucher: weiß im Gesicht, rotbrauner Balg und lange Rute, „Coatimundi“, ruft mir Javier zu: „Shoot“. Das Geschoss lässt den Coati am Platz verenden. Jetzt erst kann ich mir ihn genauer ansehen, ein waschbärartiger Sohlengänger mit einer etwa 60 Zentimeter langen Rute mit sechs dunklen Ringen.

Der Coatimundi (Nasua narica) lebt in Felsnischen oder in selbst gegrabenen Gängen in trockenem Gelände. Als Nahrung bevorzugt er Insekten, Eidechsen, Wurzeln, Früchte und Gelege der Bodenbrüter, deshalb ist er bei den hiesigen Jägern nicht sehr beliebt.

Es dämmert bereits. Wir fahren auf einem schmalen Pfad durch ein enges Tal. Im welken, gelben Gras mache ich im Hang ein weibliches Coues Deer aus. Es flüchtet beim Stoppen des Fahrzeuges hangaufwärts. Jetzt folgt ihm quer zum Hang ein Geweihter, kein schlechter. Oben verhoffen beide Stücke, dann wechseln sie über die Kuppe. Die Zeit reicht nicht, um aus dem Wagen zu steigen. Keine Chance ihn zu erlegen.

Bills Vater hatte heute Jagderfolg: Es ist ein junger Coues-Hirsch, den er gar nicht erlegen wollte. Bill Senior war am Nachmittag mit Ubaldo zu Pferde unterwegs. Hangabwärts machten sie etwa 100 Meter vor ihnen einen guten Hirsch hoch, der abwärts in einen Buschstreifen flüchtete. Bill konnte gerade noch vom Pferd steigen und seine Büchse aus dem Futteral am Sattel nehmen, da verließ der Hirsch bereits die Deckung. Mit drei Schuss konnte er den flüchtigen Hirsch strecken. Alles ging sehr schnell. Aber Bills Vater war enttäuscht, als er am erlegten Stück feststellen musste, dass es nicht der eingewechselte ältere Hirsch war, den er erlegt hatte. Es war ein gut veranlagter junger mit dünnen Geweihstangen.

Heute haben Steve und Bill einen guten Coues-Hirsch erlegt. Ich bin mit meinem Jagdführer unterwegs in den Bergen und wir hören Bills Schüsse aus der Ferne. Am Abend erzählt uns Bill seine Geschichte: Auf der Pirsch zeigte sich am flachen Hang vor ihm ein Coues Deer. Bill schießt auf etwa 150 Meter auf den ziehenden Hirsch. Der erste Schuss trifft wohl waidwund. Der zweite Schuss geht fehl. Der Hirsch ist in einer Senke verschwunden. Bill und sein Jagdführer Kaido versuchen, auf gleiche Höhe mit dem vermuteten Hirsch zu kommen. Jetzt sehen sie ihn tief unter sich. Bill kann dem Hirsch eine weitere Kugel antragen, die ihn verenden lässt. Ein etwa sechsjähriger Hirsch mit knuffigem Nine Points-Geweih, ein ungerader Zehn-Ender, ist zur Strecke gekommen.

Mike kommt mit seinem Jagdführer Kaido niedergeschlagen zur Ranch zurück. Er hat einen kapitalen Coues-Hirsch beschossen, konnte jedoch nicht nachschießen: zu viel Deckung. Am Anschuss liegt viel Schweiß. Trotz intensiver Nachsuche, allerdings ohne geeignete Hunde, kommen sie nicht an das Stück. Auch eine erneute Nachsuche am nächsten Tag bleibt ohne Erfolg. Schade, ich kann nachfühlen wie Mike zu Mute ist.

Wachteln

Wachteln

Wir sind auf dem Weg zurück zur Ranch. Heute hatte ich wieder kein Jagdglück auf einen jagdbaren Hirsch. Trotz einer mehrstündigen Fußpirsch kam mir nur ein Spießer auf etwa 150 Meter in Anblick.

Ich stehe hinten auf der Pritsche des Geländewagens und sehe während der Fahrt neben der Piste am steinigen Boden im Gras Wachteln laufen. Sofort stoppt der Wagen. Aufgeregt hören wir die Wachteln rufen. Ich springe von der Ladefläche und tausche die Büchse gegen die Flinte. Vorsichtig folge ich den Wachteln. Zwischen dem Geröll des nahen Creeks sehe ich nun eine einzelne Wachtel laufen. Sie ist schnell wie ein Kaninchen. Ich schieße meine erste Wachtel laufend am Boden. Das ist zwar nicht ganz waidmännisch, aber…

Nach dem Schuss fliegen einige Wachteln auf. Ich bin drauf und drücke ab, aber kein zweiter Schuss bricht. Bei allem Eifer habe ich vergessen, die Pumpgun nachzuladen. Ich bin eine solche Flinte nicht gewohnt. Die Wachteln sind erst mal auf und davon. Weiter suche ich im Gelände. Da sind sie wieder. Diesmal kann ich noch drei Wachteln erlegen. Es sind Elegant-Wachteln. Stolz und zufrieden sammele ich die vier Wachteln ein. Wie die wohl schmecken werden?

Neben der Elegant-Wachtel kommt hier, wie gesagt, auch die Montezuma-Wachtel vor, die auch Harlekin-Wachtel oder von den Amerikanern als Mearns Quail bezeichnet wird. Bill ist der erste von uns, der zwei Montezuma-Wachteln erlegt. Auch mir gelingt es, zwei Montezuma-Wachteln zu erbeuten. Sie tragen ein besonders schönes Federkleid.

Das Verbreitungsgebiet der Montezuma-Wachtel überschneidet sich nahezu komplett mit dem der immergrünen Eichenwälder. Diese Wachtel benötigt in ihrem Lebensraum mehr als 20 Prozent Baumbestand und eine gute, dauerhafte Grasschicht. Dort, wo die dornigen Büsche der Mimosa pigra wachsen, stößt man auch oft auf Montezuma-Wachteln. Sie baumen nicht auf und schlafen eng aneinander gedrängt im hohen Gras am Boden. Instinktiv werden die Schlafstellen an jedem Abend gewechselt.

Die Montezuma-Wachtel ist dafür bekannt, sich bei Gefahr extrem zu drücken. Die Futtersuche beginnt morgens im unteren Bereich der Hänge und wird am späten Vormittag weiter oben fortgesetzt. Bis zum Spätnachmittag ist der Kropf voll, und die Wachteln ziehen wieder hangabwärts.

Montezuma-Wachteln nehmen nur am Boden Nahrung auf. Mit ihren langen gekrümmten Krallen scharren und graben sie nach Wurzeln, Knollen und Zwiebeln. Sie ernähren sich hauptsächlich von den Wurzeln des Cyperusgrases und den Wurzeln des Klees (Oxalis); auch Samen und Insekten gehören zum Nahrungsspektrum. Ebenfalls sind die kleinen Früchte der immergrünen Eichen als Nahrung beliebt.

Überweidung des Wachtelbiotops führt zum Abwandern der Montezuma-Wachteln, nicht etwa aus Nahrungsmangel. Sie verlieren dann ihre Deckung und damit den Schutz vor Kälte und vor Feinden besonders aus der Luft. Das Vorkommen der Montezuma-Wachtel ist ein Beweis für die Qualität eines intakten Lebensraumes.

Kein Jagdglück

Ob auf dem Pferderücken, auf Schusters Rappen oder auf der Pirschfahrt mit dem Geländewagen, ich komme nicht zu Schuss auf einen jagdbaren Hirsch.

Heute, am letzten Jagdmorgen auf der Ranch, bin ich mit Javier schon früh unterwegs. Mit einer vierstündigen Fußpirsch will ich es noch einmal versuchen. Vielleicht kann ich ja doch noch einen Weißwedelhirsch erlegen. Mit Büchse und Flinte brechen wir auf. Es ist wieder ein schöner Morgen mit strahlendem Sonnenschein.

Den Hang hinauf und an der anderen Seite wieder herunter, dann wieder sitzen und die umliegenden Hänge abglasen, so vergehen die Stunden. Es bewegt sich nichts, kein Coues ist auszumachen. Ich muss mich wohl damit abfinden; es fehlt mir das nötige Jagdglück. Auf dem Rückweg zur Ranch fährt vor mir ein Präriehase aus seiner Sasse.

Jetzt drückt er sich im halbhohen Gras. Seine Löffel verraten ihn. Mit der Flinte folge ich ihm. Das hält er nicht aus und flüchtet von mir weg. Erster der zweite Schuss holt ihn von seinen flinken Läufen. Ganz ohne Beute komme ich also doch nicht zur Ranch zurück.

„Gummi-Pirsch“

„Gummi-Pirsch“

Gegen 13 Uhr, nach dem Lunch, verlassen wir unsere bisherige Bleibe. Mit zwei Geländewagen fahren wir zurück nach Hermosillo. Von dort geht unser Flug morgen früh zurück in die USA. Zunächst noch ein kurzer Zwischenstopp auf der „El Rodeo“ Hunting Lodge, um dort das Abschlussgespräch mit Ubaldo zu führen.

Als Ubaldo erfährt, dass ich an den vorangegangenen Jagdtagen keine Chance auf ein Coues Deer hatte, sagt er spontan: „Versuch es doch noch mal hier, soviel Zeit muss sein. Jetzt am Spätnachmittag ist es günstig.“ Ich bin nicht mehr motiviert und will abwinken, doch meine amerikanischen Jagdfreunde bedrängen mich, die letzte Chance zu nutzen.

Es bleibt keine Zeit mehr, mich umzuziehen. Bill leiht mir seine Büchse im Kaliber .300 Winchester Magnum. Mit meinem Jagdführer Javier und meinen Jagdfreunden, die alle mitfahren wollen, geht es mit dem Geländewagen hinaus. Es wird in etwa zwei Stunden dunkel sein. Viel Zeit bleibt also nicht.

Ich halte nicht viel davon, auf der Jagd etwas erzwingen zu wollen. Aber warum soll man nicht bis zuletzt alles versuchen, um vielleicht doch noch zum Erfolg zu kommen, zumal das Erlegen eines Coues Deer im Pauschalpreis enthalten ist.

Seit knapp einer Stunde sind wir mit dem Geländewagen auf „Gummi-Pirsch“. Von der Schotterpiste glasen wir links und rechts die Täler und Hänge ab. Außer einigen weiblichen Stücken haben wir keinen Anblick. Nach einer Kurve ist rechts der Blick in ein tiefes Tal möglich. Am Hang gegenüber sieht man zwei Coues nach oben flüchten.

Bill und Javier rufen aufgeregt: „Das zweite Stück ist ein Hirsch.“ Ich komme gerade noch vom Beifahrersitz und kann mich mit dem Rücken außen an das Fahrzeug lehnen. Die beiden Coues haben fast die Kuppe erreicht.

Durch das Zielfernrohr kann ich nun auch das zweite Stück als Hirsch ansprechen. Das Fadenkreuz steht wegen der weiten Entfernung minimal über der Rückenlinie des Hirsches. Der Schuss bricht: überschossen. Repetiert, beide Coues flüchten weiter. Das erste Stück wechselt jetzt über die Kuppe. Der Hirsch zieht nach rechts und ist durch Bewuchs verdeckt. Nun ist er wieder frei und verhofft. Hochblatt komme ich ab. Das Projektil lässt den Hirsch vorn kurz einknicken, dann flüchtet er talwärts und ist nun von dichtem Bewuchs verdeckt.

Im Zielfernrohr sehe ich beim abwärts flüchtenden Hirsch hoch am Blatt auf der Einschuss-Seite einen handgroßen Schweißfleck. Javier bestätigt es. Schnell fährt Bill die Piste weiter, um die Flucht des kranken Hirsches zu verfolgen. Javier und ich bleiben hier. Von dieser Stelle ist das Gelände gut zu überblicken. Einige Minuten vergehen, da kommt Bill mit dem Fahrzeug zurück und fordert uns hastig auf einzusteigen. Er habe den Hirsch kurz auf dem Weg gesehen, der aber beim Eräugen des Wagens wieder den Hang hinab gewechselt sei.

Wir erreichen die Stelle, wo der Hirsch hangabwärts geflüchtet ist. Auf dem Weg finden wir Schweißtropfen. Im langen Gras und an den halbhohen Sträuchern ist beidseitig der Fluchtfährte viel Schweiß abgestreift. Der kranke Hirsch ist in eine dicht bewachsene Schlucht hinabgewechselt, die Verbindung zum Tal hat.

Wir folgen seiner Schweißfährte abwärts, aber es dämmert bereits. Jede Richtungsänderung wird mit einem Papiertaschentuch markiert, um den Verlauf der Fährte zu kennzeichnen. Noch etwa 200 Meter folgen wir, dann muss die Nachsuche abgebrochen werden, denn es ist zu dunkel geworden. Am Ast eines Baumes neben der Schweißfährte wird die Stelle gekennzeichnet. Javier will morgen die Nachsuche von hier aus fortsetzen. Bei dem Schweißverlust sind wir uns einig: Es wird wohl eine Totsuche werden. Hoffentlich, denke ich.

Am Sonntag, wenn Ubaldo wieder in Hermosillo ist, wird er Bill telefonisch informieren, aber dann bin ich schon wieder in Deutschland. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, morgen an der Nachsuche nicht teilnehmen zu können. Wir müssen aber noch heute abend weiter nach Hermosillo fahren.

In Hermosillo kommen wir mit anderen amerikanischen Jägern ins Gespräch, die auch in Mexiko gejagt haben. Die Flugwildjäger sind alle hoch zufrieden. Drei Jäger, die eine Jagd auf Coues Deer gebucht haben, sind zu Recht unzufrieden. Alle drei haben an den fünf Jagdtagen noch nicht einmal ein Stück in Anblick gehabt. Spätestens jetzt wird uns klar, dass der Entschluss, bei Ubaldo zu jagen, richtig war.

Wieder zurück in Deutschland, erreicht mich am Sonntag abend ein Fax von Bill: „Ubaldo called me this morning. He found your Deer next day, not far from where we quit. Shot high in shoulder and came out on the other side. All is good. He will send me the horns.“

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