Pakistan: Geldmaschine Wild

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Es sind zwei völlig verschiedene Welten, die in den Bergen Pakistans aufeinander prallen.

Eine Dorfgemeinde will sich dem Community Programm anschließen. Die Verantwortlichen haben erkannt, dass Trophäenjagd und Artenschutz kein Gegensatz ist.
Von Rudolf Humme
Zum einen die des einheimischen Wildhüters, der mit wenigen hundert US-Dollar im Jahr sich und seine Familie durchbringen muss. Zum anderen die Welt des wohlhabenden ausländischen Jagdgastes, der für einen Abschuss bis zu 50.000 US-Dollar bezahlen kann.

Dann will der Gast nicht etwa das Fleisch, für das früher der Wildhüter sein Leben in den steilen Bergen zu riskieren bereit war, sondern lediglich die Trophäe. Und diese kann man weder essen noch zu einem anderen vernünftigen Zweck „gebrauchen“.

Der Kopfschmuck ist für den Jagdgast umso wichtiger, je älter und stärker die Trophäe ist. Mag der gute Schuss wichtig sein, noch größere Bedeutung indes – nach Meinung des Wildhüters – kommt dem Maßband zu, das der Jäger, kaum am erlegten Stück, aus der Tasche zaubert. Für viele Jagdgäste ist das Ergebnis der Maßnahme erst der Gradmesser der Freude, dann aber auch des Trinkgeldes.

Von Rekorden ist dann die Rede, doch das verstehe, wer will. Am besten man freut sich mit, hat man als Wildhüter doch seit einigen Jahren allen Grund dazu. Denn seit der Einführung des so genannten „Community System“ beim Wild- und Artenschutz in den pakistanischen Bergen kommt richtig Geld ins Land beziehungsweise in die Dörfer, fließen doch 80 Prozent der für die einheimische Bevölkerung astronomisch hohen Abschussgebühren zurück in die Dorfkasse. Diese Einnahmen sind zweckgebunden, werden also vor allem für soziale Einrichtungen wie Kanal- und Brückenbauten, Schulen oder Krankenhäuser verwendet.

Das sind für Einheimische unerhörte Beträge, die ahnen lassen, wie reich das Ausland ist, deren Höhe und Auszahlung aber auch dazu beiträgt, den Wildschutzgedanken in die Herzen und Köpfe der lokalen Bevölkerung einzupflanzen. Waren Steinböcke, Markhore und Uriale früher lediglich Fleisch, so sind sie mittlerweile zu purem Gold geworden, vergleichbar mit dem Aquamarin oder Rubin, die in den Bergen gefunden und für gutes Geld zu Markte getragen werden.

Mehr und mehr Dörfer machen bei diesen Wildschutzprojekten mit, sodass in nicht allzu ferner Zukunft das beinahe ausgerottete Bergwild wieder ebenso zahlreich werden konnte, wie es vor hundert Jahren mal der Fall war. Mit dem begrüßenswerten Nebeneffekt der erfreulichen Zunahme des Schneeleoparden, der jetzt schon viel öfter registriert werden kann. Das gleiche gilt auch für den Asiatischen Leoparden.

Bleibt zu hoffen, dass der sich anbahnende Frieden zwischen Indien und Pakistan und der wohl folgende Rückzug der Armeen sich positiv auf die Populationen des Kaschmir-Hirsches und des Kaschmir-Markhors auswirken.

Dass alles ist sehr erfreulich, ja endlich eine frohe Botschaft nach all den medialen aufreißerischen Horrormeldungen, die täglich an unsere beinahe abgestumpften Augen und Ohren drängen und die von soundso vielen ausgerotteten Tier- und Pflanzenarten berichten. Pakistan hat im Bereich des Wild- und Artenschutzes sicherlich einen guten Weg eingeschlagen, an dem sich andere Länder ein Beispiel nehmen können.

Der Titel „Geldmaschine Wild“ hört sich unter diesen erfreulichen Gesichtspunkten gar nicht mehr so ehrabschneidend an. Das strahlt letztlich auf den Trophäenjäger ab, den manch Zeitgenosse vom Jäger zum Sammler degradiert sieht oder auch des Geldes wegen beneidet.

Im Falle Pakistans ist aber sicher, dass das Geld, das der Jagdgast für die Trophäenjagd ausgibt, wirklich in gute Hände kommt. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Gute, vor Ort tätige Berufsjäger können das garantieren. Ein Beispiel dafür ist jener Berufsjäger, der sich anbot, so lange als Geisel im Dorf zu bleiben, bis das Geld auch tatsächlich einträfe (eine Begebenheit, die sich tatsächlich ereignet hat), hatten doch die Dörfler anfangs keinen hohen Glauben an die Versprechungen der Behörden.

Trotzdem passieren immer noch unglaubliche Dinge in den weit abgelegenen Bergen Pakistans. So tauchte jüngst ein Bergbauer mit Sage und Schreibe neun Markhor-Trophäen auf dem Bazar von Gilgit auf und bot sie für je 25.000 US-Dollar an. Er traf natürlich auf totales Unverständnis und erntete nur Hohn und Gelächter. Niemand kaufte ihm seine Ware ab, stattdessen kam die Polizei und musste staunend vernehmen, dass dieser Mann alle neun Markhore eben zum Zwecke des Verkaufs geschossen hatte! Ihm war nämlich zu Ohren gekommen, dass reiche ausländische Jagdgäste ja so viel zu zahlen bereit seien.

Frustriert ist der Mann in die Berge zurückgezogen, hoffentlich bereit, bei einem Community-System mitzumachen, als der tüchtige Jäger, der er offensichtlich ist. Er wäre nicht der erste, der vom Wilderer zum Berufsjäger mutiert ist, wie wir es seit Ganghofer wissen.

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Pakistan: Die Sache mit dem Artenschutz
Hansgeorg Arndt