Reise zu den reifen Bassen

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Keilerjagd
 

5/2011

Fast jeder Jäger hegt den Wunsch, einmal im Leben einen reifen Keiler zu erlegen. In heimischen Revieren ist das sehr schwierig geworden. Es gibt aber noch einige Plätze auf der Welt, wo das möglich ist.

Von Norbert Klups

 

Türkei
Die Bergwälder an der türkischen Schwarzmeer-Küste sind Einstandsgebiete der starken Keiler. Foto: N. Klups
Ein jagdlicher Geheimtipp für die Keilerjagd ist die Türkei. Hier ist es möglich, auf starke Sauen zu weidwerken und das zu moderaten Kosten und bei spannender Mondscheinpirsch. Schwarzwild kommt in der Türkei fast flächendeckend vor, und durchdas hervorragende Nahrungsangebot aus Unmengen an Haselnüssen, Eicheln und Bucheckern werden die Sauen in der Türkei generell ausgesprochen stark. Wildbretgewichte über 200 Kilogramm sind keine Seltenheit.
 
Wildschweine werden in der Türkei kaum bejagt. Türken essen kein Schweinefleisch, so dass die Fleischjagd sinnlos wäre. Auch Wilderei spielt keine Rolle. Dazu kommt, dass der größte Teil der Bevölkerung an den Küsten lebt und das Landesinnere daher dünn besiedelt ist.
 
Um möglichst erfolgreich zu jagen, sollte der Jäger in der Lage sein, vom Pirschstock sicher zu schießen, wobei mit Schussentfernungen von 100 bis 120 Meter gerechnet werden muss. Je nach Witterung ist es manchmal nicht möglich, näher heranzupirschen. Gerade alte Keiler sind sehr misstrauisch und achten auf ihre Umgebung. Das hat auch damit zu tun, dass es in der Türkei Bären und Wölfe gibt. Besonders der Bär nimmt auch gern die Maiskirrung an, und wenn dort auch noch ein leckerer Schweinebraten steht, wird der dankbar mitgenommen.
 

 

Türkei
Hier ruft der Muhezzin: die Stadt Bolu mit den kellerreichen Bergwäldern. Foto: N. Klups
Die Büchse in ausreichend starkem Kaliber sollte mit einem lichtstarken Zielfernrohr ausgestattet sein, das über ein fein dimmbares Leuchtabsehen verfügt. Gerade bei der Kaliberwahl sollte man sich vor Augen halten, dass ein 200-Kilo-Schwein ein dicker Brocken ist. Und wer hier Ausschuss erzielen will, muss schon schwere Geschosse einsetzen, die genügend hart aufgebaut sind. Eine 9,3 x 64 oder .375 Holland & Holland Magnum ist sicher nicht überdimensioniert.
 
Auch bei starken Kalibern wird es Nachsuchen geben, wenn die Kugel nicht optimal sitzt, was bei einem Schuss über 100 Meter bei Nacht durchaus vorkommen kann. Dann fangen die Schwierigkeiten in der Türkei an, denn genau wie Schweine gelten auch Hunde hier als unrein. In der ganzen Türkei gibt es keinen einzigen Schweißhund. Versuche, die Sauen ohne Hund nachzusuchen, bleiben in dem wilden Bergland, das von Schluchten durchzogen und dicht bewachsen ist, sehr oft erfolglos. Als die Planung für die Saujagd in der Türkei begann, war klar, dass ohne Schweißhunde die Jagd eigentlich kaum zu verantworten ist, auch wenn es in der Türkei so üblich ist und von allen Jagdreiseveranstaltern angeboten wird.
 
Hunde mit dem Flugzeug zu transportieren, ist heute kein Problem mehr. Erfahrene Nachsuchenprofis für anspruchsvolle Nachsuchen auf wirklich dicke Sauen zu begeistern, gelang auch. Als wir mit sieben Jägern Anfang April in die Türkei flogen, waren zwei Schweißhundeführer dabei, und im Frachtraum des Flugzeuges lagen zwei Hannoversche Schweißhunde in ihren Transportboxen.
 
 

Mondscheinpirsch

 

Türkei
Anschusskontrolle am Kirrplatz – beide Schweißhundführer prüfen die Pirschzeichen. Auch der Hannoversche nimmt schon mal Witterung auf. Foto: N. Klups
Unser Jagdgebiet lag in der Umgebung von Bolu, eine 130.000 Einwohner zählende Stadt an der Schwarzmeerküste. Schon drei Wochen bevor wir eintrafen, waren die Mitarbeiter vor Ort und hatten Hunderte von Kirrungen in den Bergen angelegt, die täglich kontrolliert wurden. Nach einigen Tagen zeigte sich dann, an welchen Plätzen sich starke Trittsiegel fanden. Nur diese Kirrungen, immer noch über Hundert, wurden weiter mit Mais beschickt. Bei unserer Ankunft hatte jeder Jagdführer über 20 Kirrungen, die gut besucht waren, „im Angebot“. Pro Jäger stand ein Führer mit Fahrer und Fahrzeug zur Verfügung.
 
Die Jagd wird hier als Pirschjagd durchgeführt, und in der Nacht ist es durchaus möglich, acht bis zehn Kirrungen anzupirschen. Ist die Kirrung bereits leergeräumt, geht es weiter, sonst wartet man auch schon mal eine halbe Stunde, ob sich was einstellt. Kommt Wild in Anblick, heißt es genau ansprechen, denn manchmal kann auch ein Bär an der Kirrung stehen – und die sind streng geschützt. Dann gilt es, zwischen Bachen und Keiler zu unterscheiden. Schließlich soll es ja auch ein starker Keiler sein. Natürlich muss man sich auch erst an die Größe der türkischen Keiler gewöhnen. So war es mir auch ergangen, und der erste Keiler hatte „nur“ ein Gewicht von 120 Kilogramm und lediglich 17 Zentimeter Waffenlänge. Halt ein Dreijähriger, wie er im Buche steht.
 

 

Türkei
Erfolgreich am Stück Schwarzwild. Erleger, Autor und Nachsuchengespann freuen sich gemeinsam über die gute Arbeit. Foto: privat
In der nächsten Nacht herrschten eigentlich ideale Bedingungen, denn am Tage hatte es geschneit, und der Himmel war klar. Bestes Licht also für eine Mondscheinpirsch. Leise pirschen war bei dem knirschenden Schnee allerdings sehr schwierig, und was wir in Anblick bekamen, waren nur schwache Sauen und ein Bär. Entweder vernahmen uns die erfahrenen alten Keiler und machten sich rechtzeitig aus dem Staub, oder es war ihnen schlicht zu hell an der Kirrung. Den Jagdfreunden war es nicht anders ergangen. Wer zum Schusskam, erlegte nur mittlere Keiler und keinen Kapitalen. Dafür hatten wir einige Nachsuchen am nächsten Tag, und eine endete vor einem großen Erdhaufen – der Bär war in der Nacht schneller gewesen und hatte die Sau eingegraben.
 
Diese Nacht war der Himmel leicht bedeckt. Der Schnee war geschmolzen, denn am Tage hatte es geregnet. Die Sicht war zwar nicht ganz so gut, dafür konnten wir aber sehr leise pirschen. An der ersten Kirrung war nichts. Wir warteten eine halbe Stunde. Mein Führer Hasan hatte in der Gegend einen sehr starken Keiler bestätigt, der bei Nacht oben vom Berg kam und zum Tal zog. Unter uns lag ein kleines Dorf, die Lichter spiegelten sich in der Wolkendecke. Das ergab ordentliches Büchsenlicht, auch wenn Wolken vor dem Mond waren.
 
An der zweiten Kirrung stand eine starke Sau, aber eindeutig eine Bache. Wir zogen uns langsam zurück, gingen zum Auto und umrundeten den Berg, um zu den Kirrplätzen auf der anderen Seite zu gelangen. Wenn der Keiler hier nicht zog, war er wahrscheinlich auf der Gegenseite. Der Wagen wurde geparkt. Vorsichtig ging es den schlammigen Waldweg entlang. Der erste Kirrplatz war schon am zweiten Wegeknick angelegt. Wir mussten sehr umsichtig sein. Vor dem ersten Knick blieb Hasan stehen und lauschte – bestimmt zehn Minuten lang – bevor er bedächtig nickte und mir den dreibeinigen Zielstock reichte. Er hörte Geräusche von der Kirrung, und ich sollte vorsichtig bis zum Knick pirschen.
 
Ich ließ mir Zeit, denn an den Kirrplätzen lag reichlich Mais, und die Sauen blieben dort, wenn sie nicht gestört wurden, bis sie satt waren. Das war in den vorangegangenen Nächten oft zu beobachten. An der Kurve angelangt, schob ich mich um die Biegung und stellte den Schießstock auf. Zunächst mit dem Glas schauen, was an der Kirrung steht. Das lichtstarke Nachtglas zeigte den Weg mit den beiden helleren Fahrspuren und am Ende, etwa 70 Meter entfernt, den dunklen, in den vorangegangenen Nächten aufgewühlten Kirrplatz.
 
 

Ein Urian

 

Türkei
Auch der Erleger ist sichtlich von der Stärke des Keilers beeindruckt. Lange Gewehre (26 Zentimeter) und starke Haderer zeichnen diesen Bassen aus. Foto: N. Klups
Eine Sau oder ein Bär waren nicht zu sehen, aber wenn Hasan was gehört hatte, muss te auch was da sein. Dann schob sich von rechts ein Schatten auf den Weg. Alles war dunkel im Glas. Da stand ein Schwein auf dem Weg, das länger war als der Weg breit – und das waren über zwei Meter! Eindeutig eine Sau, kein Bär und dem runden Karpfenrücken nach auch ein Keiler.
 
Zwischen Bauchlinie und Boden war kaum noch Platz, ein sicheres Zeichen für ein starkes Stück. Das hatte ich bei den früheren Pirschen gelernt – zuviel „Bodenfreiheit“ bedeutet nicht kapital. Die jungen Keiler sind hochläufig, und das sieht man auch bei Nacht sehr gut. Vorsichtig die Büchse von der Schulter und auf den Schießstock gelegt.
 
Jetzt nur nichts falsch machen. Der Schuss muss im vorderen Drittel des Wildkörpers und nicht zu tief sitzen. Ein leichter Druck auf den Abzug genügte, und das HDB-Vollkupfergeschoss der 9,5 x 66 SEvH machte sich mit spektakulärem Mündungsfeuer auf die Reise. Dem Schlag in die Schulter vom Büchsenschaft folgte unmittelbar ein Schlag von hinten auf die Schulter von Hasan, der sich unbemerkt neben mich geschoben hatte und die Geschosswirkung im Fernglas beobachtet hatte.
 
„Keiler kaputt“, sagte er jetzt gleich mehrmals und sichtlich aufgeregt. Wir warteten noch einige Minuten und näherten uns vorsichtig unserer Beute. Das Zielfernrohr hatte ich abgenommen. Die helle Taschenlampe tauchte die Sau in gleißendes Licht. Das Stück lag aber ruhig auf der Seite und rührte sich nicht mehr. Dafür wurde es größer und größer, je näher wir kamen. Die Spannung stieg.
 

 

Türkei
Die Keilerstrecke unserer Reisegruppe. Foto: N. Klups
Dass es eine wirklich starke Sau war, hatte ich schon im Fernglas gesehen. Das bestätigte sich jetzt im Licht der Taschenlampe. Aber über das Gewaff sagte das nur wenig aus, denn auch schwächere Sauen, damit sind hier 120 bis 130 Kilogramm schwere Stücke gemeint, können durchaus ein gutes Gewaff haben. In der ersten Nacht war ein guter Keiler gefallen, der 23 Zentimeter lange Gewehre hatte, aber höchstens 130 Kilogramm wog.
 
An der gestreckten Sau angekommen, galt daher natürlich der erste Blick dem Haupt, und da stockte uns der Atem: lange Gewehre und extrem starke, gebogene Haderer mit großer Schleiffläche. Beide Seiten waren heil, was in dem steinigen Gelände nicht selbstverständlich ist. Was für ein Gewaff. Wie sich nach dem Abkochen herausstellte: 26 Zentimeter Gewehrlänge. Auch beim Wildbretgewicht setzte diese Sau mit 230 Kilogramm Maßstäbe. Genau dafür war ich in die Türkei gekommen!
 
Insgesamt erbeuteten wird mit unserer 7-köpfigen Jagdgruppe an den 5 Jagdtagen 14 Keiler. Es hätten sicher mehr sein können. Aber einige Jäger waren mit den zwei im Jagdarrangement enthaltenen Keilern zufrieden und verzichteten auf einen dritten Keiler, der dann nach Preisliste bezahlt werden muss.
 
Die Türkei ist zurzeit sicher eines der Top-Jagdländer, um einen starken Keiler zu erlegen – und das zu noch moderaten Preisen. Wird die Jagd gut vorbereitet, sowohl vom Veranstalter als auch vom Jäger, ist der Erfolg fast 100 Prozent sicher. Lediglich schlechtes Wetter kann dem Jäger einen Strich durch die Rechnung machen. Aber Jagd ist eben kein Hallensport.
 

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