Schlank und wohlgerundet

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Die neue Doppelflinte der Suhler Firma Ziegenhahn hat einen abgerundeten Systemkasten nach altem, englischem Vorbild.

Round Body
Round Body heißt die Flinte im Kaliber 20/76

Von Norbert Klups
Auf den ersten Blick wirkt die Blitzschlossflinte eher schlicht und einfach: grau nitrierter Systemkasten mit sparsamer Arabeskengravur, schwarz brüniertes Laufbündel und klassischer Schaft. Schaut man genauer hin, fallen jedoch viele Details auf, die dem Kenner verraten, dass er hier schon eine besondere Flinte in den Händen hält. Auffälligstes Merkmal ist der „round body“, der von alten englischen Flinten, etwa von Dickson, bekannt ist. Der schmale Systemkasten ist abgerundet und wirkt dadurch besonders elegant.

Ziegenhahn fertigt diese Kästen selbst, nicht etwa aus Feinguss, sondern aus dem vollen Material, hier wird C 45 Stahl benutzt, gefräst und erodiert. Der Kasten lässt sich so genau auf das jeweilige Kaliber abstimmen und ist nur so groß, wie unbedingt nötig. Mit einer Breite von 35 Millimetern kommt Ziegenhahn hier für das schmale 20er Laufbündel aus. Die kleinen Kreisbögen am schaftseitigen Ende sind beste, alte Suhler Schule. Bei maschinell gefertigten Flinten ist so etwas heute nicht mehr zu finden.

Das Blitzschloss ist mit Bugfedern ausgestattet, und der Abzug arbeitet als rückstoßgesteuerter Einabzug. Auf eine Umschaltung wurde verzichtet. Wahlweise ist die Flinte auch mit Doppelabzug erhältlich. Die Abzugswiderstände wurden mit 1,3 und 2,0 Kilogramm gemessen. Für ein Blitzschloss bemerkenswerte Werte, die zeigen, dass hier sehr sorgfältig gearbeitet wurde. Besser lässt sich ein Blitzschloss kaum noch einstellen. Der erste Abzug steht sehr leicht, beim zweiten ist ein etwas höheres Gewicht unbedingt erforderlich, damit es nicht zum Doppeln kommt. Die Abzüge stehen aber so trocken, dass das höhere Abzugsgewicht beim zweiten Schuss kaum auffällt. Die Sicherung sitzt auf der Scheibe und lässt sich leicht und fast lautlos bedienen.

Verschluss und Ejektoren

Die 68 Zentimeter langen Läufe bestehen aus kaltgehämmertem Krupp-Laufstahl und sind 1/4 und 3/4 gebohrt. Diese Abstufung ist für eine universell einsetzbare Flinte wohl optimal. Eingerichtet ist die Waffe für das Kaliber 20/76. Damit lassen sich bei Bedarf auch leistungsstarke Patronen verwenden, obwohl der Rückstoß dann auch entsprechend stark ausfällt. Mit der 20/70 schießt sich die Flinte wesentlich angenehmer.

Auch die Mündungspartie wurde nicht vergessen, und eine schlichte Gravur zwischen den Läufen lockert das Mündungsbild angenehm auf. Details, die man heute leider nur noch selten findet. Läufe und Reifen sind fein poliert und tiefschwarz brüniert. Die Laufschiene ist auf ganzer Länge guillochiert und mit einem Messing-Perlkorn versehen.

Die Verriegelung übernehmen zwei kräftige Laufhaken. Die Läufe sind in die Halbschale mit den angefrästen Laufhaken mit Hartlot angelötet. Auf eine beim schnellen Nachladen nur störende, zusätzliche Verriegelung, die bei hochwertigem Material heute wirklich überflüssig ist, wurde verzichtet.

Die Pass-Arbeiten an der Verschluss-Einrichtung sind sehr sauber ausgeführt, und der Verschluss schließt saugend wie eine Tresortür. Zurzeit fällt das Öffnen der nagelneuen Flinte noch etwas schwer, doch das wird sich nach einigem Gebrauch ändern. Die Patronen-Auszieher sind geteilt und verfügen über einen Ejektor nach Art Holland&Holland. Alle Teile dieser Schlagfeder-Ejektoren sind im Eisen-Vorderschaft untergebracht und werden über Spannhebel im Zirkelbereich gesteuert. Diese Bauart gilt als sehr zuverlässig und störungsarm. Beim Testschießen traten auch keine Probleme auf. Die abgeschossenen Hülsen wurden zuverlässig und kräftig ausgeworfen.

Hochglanz am Schaft

Geschäftet ist die Waffe im englischen Stil mit sehr zierlichem Kolbenhals ohne Pistolengriff und Backe. Entsprechend der hochwertigen Ausführung der Waffe wurde ein sehr schön gemasertes Nussbaumholz verwendet, das in seiner Struktur und Maserung sehr gut zum Kasten passt.

Der schlanke Jagd-Vorderschaft ist nur 23 Zentimeter lang und unterstreicht die elegante Linie der Flinte. Befestigt ist er mit einem Patent-Schnäpper. An beiden Schaftteilen ist großflächig von Hand geschnittene Fischhaut aufgebracht, die auch der Begutachtung unter der Lupe standhält. Vorder- und Hinterschaft sind sorgfältig poliert und erhalten ihren edlen Glanz durch ein spezielles Ölschliff-Verfahren mit schnell härtendem Schaftöl.

Eine solche Oberfläche ist für eine noble Flinte passend, aber auch recht empfindlich. Eine Schaftkappe ist nicht vorhanden. Die Rückseite des Schaftes ist ebenfalls mit feiner Fischhaut verschnitten. Pures Holz gleitet hervorragend und ist für eine schnelle Flinte immer noch der beste Schaft-Abschluss.

Gut ausbalanciert

Eine perfekt ausgewogene Flinte ist für die Führigkeit und das Handling unbedingte Voraussetzung. Nach der alten englischen Schule sollten das Gewicht von Laufbündel und Vorderschaft und das Gewicht von Schaft und System gleich sein. Bei der vorliegenden Waffe ist dieses Verhältnis 1.360 Gramm zu 1.445 Gramm. Laufbündel und Vorderschaft sind also etwas leichter. Wenn man dazu aber noch das Gewicht von zwei 20er Schrotpatronen rechnet, sind beide Teile etwa gleich schwer und die Balance stimmt genau. Mit einer Gesamtlänge von 112 Zentimetern ist die 2,8 Kilogramm leichte Flinte sehr führig.

Schussleistung

Geschossen wurde vom Anschuss-Tisch auf die 16-Felder-Scheibe. Als Munition wurden Rottweil Schrotpatronen Waidmannsheil 20/70 mit der Schrotgröße 3 Millimeter und 27 Gramm Vorlage, sowie Fiocchi GFL 20 mit einer Vorlage von 26 Gramm in der Schrotgröße 2,7 Millimeter benutzt. Mit Patronen 20/76 wurde nicht geschossen.

Bei der üblichen Visierweise, bei der das Korn auf der Basküle aufsitzt, schießen beide Läufe etwa vier Zentimeter tief und sehr gut zusammen. Wenn, wie auf der Jagd üblich, mit etwas sichtbarer Schiene geschossen wird, ergibt sich der gewünschte leichte Hochschuss. Die Treffpunktlage und das Zusammenschießen sind damit in Ordnung. Die Regelmäßigkeit und die Deckung sind gut bis sehr gut. Beide Munitionssorten wurden von „der Ziegenhahn“ ausgesprochen gut vertragen und lieferten Deckungsbilder ohne auffällige Lücken.

Mit den Vorlage-Gewichten 26 und 27 Gramm schießt sich die Flinte sehr angenehm und ausgesprochen weich. Wer Patronen 20/76 verwendet, kann mit dieser Flinte sicher die Leistung einer ausgewachsenen 12er Flinte kopieren, denn in der langen Hülse sind Vorlagegewichte bis 34 Gramm möglich. Spaß dürfte das jedoch wenig machen. Für den gelegentlichen Einsatz, etwa auf dem Entenstrich, ist das jedoch durchaus möglich. Das eigentliche Einsatzgebiet einer leichten, eleganten Querflinte dürfte aber wohl eher bei den kurzen und mittleren Distanzen auf schnelles Flugwild liegen.

Die Doppelflinte von Jens Ziegenhahn besticht durch den eleganten runden Kasten, die überaus schlanke Bauweise und die ausgezeichnete Verarbeitung. Aufwändige Gravuren sind hier gar nicht nötig, um die von der Bauart her eigentlich recht einfache Blitzschloss-Flinte aus der Masse herauszuheben.

Die dezente, handgestochene Arabesken-Gravur ist hier genau richtig. Balance und Abzugseinstellung sind erstklassig. Hier kann sich „die Ziegenhahn“ durchaus mit ihren englischen Vorbildern messen. Durch die Verwendung moderner Stähle ist eine so gefertigte Waffe aber noch wesentlich haltbarer als die alten Vorbilder. Der Verkaufspreis von 6.800 Euro ist sicher kein Sonderangebot, doch für eine in Handarbeit gebaute Doppelflinte, bei der kaum vorgefertigte Teile zum Einsatz kommen, ist er durchaus gerechtfertigt.

Gravur
Unterseite und Abzugsbügel sind dezent graviert.


Bilder:

Der Kasten ist nur 35 Milimeter breit. Zusammen mit den Laufhaken schließt sich die Waffe wie eine Tresortür. Die Laufhaken sind kräftig.

Tabellen:
Technik auf einen Blick
Fotos: Norbert Klups