Der Weg ist das Ziel: Tharjagd im Himalaja

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Mehr Expedition als Jagd war eine Trecking-Tour in das „Heimatland“ der Thare: Nepal.

Von Wolfgang Heintges

Nepal
Der Weg ins Jagd-Gebiet der Blauschafe und Thare führte über mehrere Pässe in 4.000 Meter Seehöhe.
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Der Entschluß zu einer Jagd im Himalaja reifte, als ich während einer Steinbockjagd in Kigisien von meinen Jagdführern konditionell „vorgeführt“ worden war. Noch vor Ende dieser Jagd stand für mich fest, ab sofort konsequent zu trainieren und die anspruchsvollste Jagd „in Angriff zu nehmen“, die ich finden würde: Blauschaf- und Tharjagd in Nepal.
Fünf Trainingstage pro Woche und ein Vorbereitungskurs des Deutschen Alpenvereins, der eine Woche dauerte, sollten für meine Kondition reichen. Als Kursleiter war vorgesehen Fritz Zintl, Dozent für Trainingslehre der TU München. Im März 1996 brach er als Expeditionsleiter zum Cho Oyo (8.200 m) auf. Im April erreichte mich die Nachricht seines Todes: Höhenkrankheit. Er war mein Onkel. Nur ein kurzes Zögern – jetzt erst recht.
Aus dem Tagebuch
10. Oktober Heute ist der erste Tag, an dem ich zum Schreiben komme. Wir sind gegen sieben Uhr gestartet und haben das Lager um 17 Uhr auf einer Höhe von 2.800 Fuß errichtet. Es sind zwar nur 150 Höhenmeter, die wir gestiegen sind, doch ich habe mir bereits Blasen gelaufen, und mein Kreuz tut mir weh. Der Tag war ohne große Ereignisse verlaufen. Von Baglung, bis hierhin waren wir von Katmandu aus mit dem Auto gefahren, ging es einem Fluß entlang in Richtung Himalaja-Hauptkette. In der Katmandu-Post hatte ich gelesen, daß gerade wieder zwei Bergsteiger im Bergmassiv ums Leben gekommen waren. Eingeschneit!
Und was war sonst bisher passiert? Der Flug nach Katmandu, der Hauptstadt Nepals, war problemlos verlaufen, nur das Übergepäck mußte mit einem Prozent des Erste-Klasse-Tarifes pro Kilogramm bezahlt werden. Aber das hatte ich bei der Reiseplanung bereits einkalkuliert.
Eine halbe Stunde zu früh war die Maschine gelandet. Aber die Tochter des Outfitters war schon zur Stelle und half, die üblichen nervenaufreibenden Dinge bei Zoll und Polizei abzuwickeln. Dann ging’s ins Hotel, um am nächsten Morgen die Fahrt nach Baglung in Angriff zu nehmen. Wir brauchten für 220 Kilometer geschlagene elf Stunden. Und das mit einem Kamikaze-Fahrer.
11. Oktober Um sieben Uhr drängt Pidi, mein Jagdführer, zum Aufbruch. Er will die Strecke ins Jagdgebiet in fünf Tagen schaffen. Nach Informationen des Jagdvermittlers sind elf Tage vorgesehen. Will man mit mir im Sturmschritt die nepalesischen Berge erobern?
Am Abend ist es deutlich kälter geworden. Wir sind etliche Meter gestiegen, und mein Höhenmesser zeigt 4 800 Fuß an. Der von Pidi misst 7.000. Wenn mein Gerät daneben liegt, ist es seine letzte Expedition. Im Lager richtet sich alles auf Regen ein. Die Sherpas haben zum ersten Mal die Zelte aufgebaut. Mein Schlafsack ist bereits ziemlich klamm. Ich werde wohl zukünftig die Marschpausen zum Trocknen am Feuer nutzen müssen. Der Koch kämpft mit dem Feuer, und nach dem Abendessen beginnt die lange nepalesische Nacht.
Mit meiner Gesundheit ist eigentlich alles in Ordnung, einmal abgesehen von einer leichten Erkältung, Knieschmerzen und Blasen an den Füssen. Ab morgen soll es bergiger werden. Ich bin gespannt. Bisher bewegten wir uns auf dem Niveau „Alpen(höhen)wanderweg“ mit Nepal-Berghütten am Wegrand. Diese Hütten sind Schlaf-, und Wohnraum, Kuhstall, Werkstatt und Schaufenster in einem. Hier an diesem Weg, der auch in den Trecking-Routen der Bergwanderer und Nepal-Besucher eingezeichnet ist, gibt es mitlerweile alles, was das Treckerherz begehrt.
Heute gab es einmal kurz bange Minuten, denn ich fragte Pidi, ob er alle Papiere dabeihabe. Ich hatte im Nepal-Reiseführer etwas von „permits“ gelesen. Pidi hat die Jagdlizenz und noch irgendein Dokument, aber ich müsse das „Trecking Permit“, die „Gun-License“ und meinen Paß mitführen. Sch… Ich habe alles im Hotel gelassen. Aber dann löst sich das Problem Stunden später von selbst. Pidi hatte mir alle Papiere am Tag der Abreise übergeben. Sie mußten irgendwo sein. Natürlich im Seesack – ganz unten.
12. Oktober Wir sind heute gut gestiegen. Ich schätze, daß es an die 1.000 Höhenmeter waren. Die Träger haben etwas gebummelt, und so erreichten wir unseren Lagerplatz erst bei Einbruch der Dunkelheit. Touristen sahen wir nicht mehr, dafür aber den Dhaulagiri, den fünfhöchsten Berg der Erde. Ein erhebender Anblick. Draußen ist es nebelig und naßkalt. Die Fleece-Jacke leistet gute Dienste.
In der letzten Kneipe hatten wir noch ein letztes Tiger-Bier getrunken. Das Mittagsmahl bestand aus Truthahn-Gulasch vom Herd. Farbe: kohlrabenschwarz, aber es schmeckte gut.
Gesundheitstips habe ich bereits über Bord geworfen. Ich trinke aber wenigsten mit Micropur zubereitetes Wasser. Soeben fische ich eine riesengroße Motte aus meinem Teeglas. Gespenstisch leuchten zwei Feuer in der nebeligen Dunkelheit.
13. Oktober Abends erreichen wir die Grenze des Jagdgebietes. Bis zum Basislager ist es zwar noch eine Tagestour, aber immerhin, ich habe es wohl geschafft. Wir sind heute recht gut gelaufen. Ich schätze, daß wir etwa 1.500, es können auch 2.000 Höhenmeter sein, überwältigt haben.Auf einer Paßhöhe habe ich meinen Höhenmesser neu justiert. Höhenangabe nach Karte: 10.500 Fuß, also etwa 3.300 Meter.
14. Oktober Wir sind im Basis-Camp. 2.000 Höhenmeter waren es heute sicher wieder. Dazu Aufstiege von fast 1.000 Metern an einem Stück, Flußdurchquerungen und Durchsteigen von tiefen Schluchten. Abenteuer pur. Im Camp warten zwei Amerikaner auf den Rückflug. Ihnen entging doch so einiges. Zur Akklimatisierung wird der nächste Tag zum Ruhetag bestimmt.
15. Oktober Es ist kalt, am Morgen zeigt das Thermometer minus fünf Grad. Das Gepäck für den Aufenthalt im Fly-Camp wird zusammengestellt, das Gewehr eingeschossen, dann beginnt es zu schneien. Wir bekommen eine geschlossene Schneedecke. Warum bin ich eigentlich hier? Bei diesem Dreckwetter bedeutet Fly-Camp Nässe. Eine dumme Vorstellung! Gesundheitlich bin ich fit, nur bei Belastung merke ich die Höhe.
16. Oktober Aufbruch zur Jagd. Zuerst soll es dem Blauschaf gelten. Pidi läuft vorraus und erkundet die umliegenden Bergflanken. Gegen 12.30 Uhr sind wir am vereinbarten Campplatz. Am Nachmittag steige ich noch höher, will mich noch besser an die Höhe akklimatisieren. Später kommt Pidi zurück ins Camp; er hat drei Rudel Blauschafe gesehen, dabei ist ein Widder mit 25 Inch. Nur eine Stunde entfernt – very easy. Warten wir´s ab.
17. Oktober Kurz vor sieben Uhr geht es los. Wir steigen auf den nächsten „Hügel“ zum Abglasen der Gegend. Er ist „nur“ 15.000 Fuß hoch. Die „ganz einfachen“ Schafe vom Vortag sind natürlich weg. Wir entdecken weit entfernt aber ein anderes Widderrudel. Wir pirschen uns an. Glasen, pirschen, glasen und pirschen. Dann sind wir auf Schußentfernung dran, und die Widder sind weg. Langsam ziehen sie nach oben, sind überriegelt. Stellungswechsel. Wieder überriegelt. Die 15.000 Fuß (etwa 4.700 Meter) fordern ihren Tribut, ich bin fix und fertig.
Einer der Widder soll Schneckenlängen um die 28 Inch haben, das wäre vermutlich einer für das Buch, und ich beschließe, diesen auch am ersten Jagdtag zur Strecke zu bringen, falls es klappt.
Plötzlich sind die Widder wieder aufgetaucht. Keine 150 Meter entfernt, der Wind ist gut, die Gewehrauflage optimal. Aber welcher ist der starke? Für mich sehen sie alle gleich aus. Ich will den zweiten, Pidi besteht aber nach einem Blick durchs Spektiv auf dem dritten. Ein sauberer Schuß, der Widder zeichnet und geht nach 50 Metern zu Boden. „Sorry, it was the wrong one. The big one was the second.“ Ich weiß nicht, ob ich Pidi an die Kehle gehen soll. Gut, die Schnecken haben eine Länge von 26 Inch und sind stark abgekämpft.
Wir schlafen auf 4.700 Meter Höhe, viermal bin ich heute aufgestiegen. Das reicht. Ich bin ziemlich fertig. Und die Nacht wird hier oben ziemlich kalt, um die minus 20 Grad.
Auf den Thar
 
18. Oktober Wir verlegen unser Camp ins Thargebiet. Dazu müssen wir über einen Paß in 5.000 Meter Höhe. Die Flanke des Berges ist sehr steil. Hier herrschen hochalpine Verhältnisse. Es ist unglaublich, was die Träger leisten. 50 Kilogramm Gepäck und Ausrüstung schleppen sie auf ihrem Rücken, und das in dünnen Turnschuhen.
19. Oktober Marsch ins Jagdgebiet. Mitten auf einem Bergrücken schlagen wir das Lager auf. Quellwasser ist zwei Marschstunden entfernt zu finden. Was das wohl soll?
20. Oktober Tharjagd! Pidi und der zweite Jagdführer wollen getrennt das Gebiet erkunden, ich soll im Camp bleiben. Auf meinen Protest hin nehmen sie mich mit. Und schon merke ich, was hier los ist: Das Jagdgebiet ist wahnsinnig steil. Ich habe erhebliche Probleme mit der Trittsicherheit, bei manchen Passagen schlicht und ergreifend Angst. Denn wer hier ins Rutschen kommt, der hat keine Chance mehr. 500 oder 1.000 Meter geht es dann abwärts.
Ich werde an einem Aussichtspunkt abgelegt und bleibe dem Abgrund sicherheitshalber einen Meter fern. Es geht hier endlos in die Tiefe. Man will mich hier wieder abholen. Ja – aber acht Stunden später! Ich sehe vieles: Adler, Habichte, Krähen, Dohlen, aber keinen Thar. Und die Sonne brennt auf 3.600 Meter Höhe gnadenlos vom Himmel. Ich verkrieche mich in den Schatten.
21. Oktober Tharjagd wie gestern. Pidi und der zweite Guide nehmen die entfernteren Täler in Augenschein, ich werde an „meinem“ Platz abgelegt. Anblick: Adler, Habichte, Krähen, Dohlen. Ich fürchte, wir sitzen hier in einem wildarmen Gebiet. Und die Einheimischen haben in letzter Zeit wohl ein wenig zu schlimm gewildert. Wir finden Zwangswechsel, Feuerstellen, Räucherplätze und Schlingen.
22. Oktober Pidi ist schon vor dem Frühstück verschwunden, die Träger packen zusammen. Wir verlassen den Lagerplatz und ziehen zwei Bergrücken weiter. Das klingt so einfach, aber hier im Thargebiet geht alles nur steil: bergab und bergauf. Am Paß warten wir und glasen die vor uns liegenden Hänge ab. Nichts. Auch Pidi stößt wieder zu uns. Auch er hat nichts gesehen, und hier sei der letzte Bergrücken erreicht, der zum Jagdgebiet gehöre. Jagd vorbei? Morgen wollen wir ins Basiscamp und dann weitersehen.
23. Oktober Wir vertrödeln die Zeit bis zum Mittag. Dann kommt der Entschluß: Wir versuchen eine Drückjagd. Thare drücken, nun wer’s glaubt? Alle steigen ab. Pidi, der Koch und ich nach rechts, der zweite Guide mit Trägern nach links. Der Abstieg ist furchterregend. Mehrmals will ich das Unternehmen abbrechen. Aber ich beiße mich durch und erreiche einen Platz, an dem ich einen Wechsel unter mir einsehen kann. Nur ein Thar will sich nicht blicken lassen.
Die Treiber wollen sechs gute Thare gesehen haben. Alle sind nach oben weg. Das hätte jeder Jungjägeranwärter wissen müssen. Ich bin etwas sauer, und der Anstieg ist schlimm. 500 Höhenmeter steil bergauf.
24. Oktober Wir brechen beim ersten Tageslicht auf. Der Abstieg ist gnadenlos: steil, daß einem graust. Endlich finden wir frische Fährten, Lager und Losung, und dann das Wild. Weibliche Stücke. Wir warten, kein Thar taucht auf. Und so wechseln wir zur nächsten Geröllrinne. Die ist so steil, daß ich gar nicht hinunterschauen will. Hier soll ich mich einrichten.
Plötzlich herrscht helle Aufregung. Der zweite Guide hat soeben einen Thar entdeckt. Dort, wo das weibliche Rudel gestanden hatte. Also zurück, im Laufschritt den Steilhang herunter. Es ist wahnsinnig steil und gefährlich, aber die Jagdleidenschaft treibt mich vorwärts.
Jetzt können wir den Thar auch ohne Glas ausmachen. Inmitten seines Rudels und etwa 500 Meter entfernt. Weiter geht die Kletterei. Wir versuchen, einen Felsvorsprung zu erreichen. Von dort aus müßte ich schießen können. Es klappt. Ich habe eine gute Auflage, aber wo ist der Thar? Er ist ständig von den weiblichen Stücken gedeckt. Die Sekunden ziehen sich endlos, langsam beginnen die Körperteile zu schmerzen, die Kontakt mit dem Fels haben. Stellungswechsel.
Jetzt steht der Thar frei. Der Schuß bricht. Das Rudel flieht in alle Richtungen, und dann fällt der Thar 200 Meter tief. In einen Fluß! Aber glücklicherweise bleibt er in einem seichten Becken zwischen zwei Steinen hängen. Jetzt aber schnell. Mir ist der Abstieg zu steil. Aber Pidi und Scheilar, der zweite Guide, rennen schon los, sind unten, fischen den Thar aus dem Wasser. Wir haben ihn!
Der Thar wird aufgebrochen und verblendet, und Pidi und Scheilar machen mir Zeichen, allein zum Camp aufzusteigen. Diesen Hang allein? Schließlich probier ich es doch, aber nach 200 Höhenmetern geht nichts mehr. Schluß. Ich habe mich verstiegen und kann weder vorwärts noch zurück. Man muß mich holen , und so schieße ich, rufe, nichts passiert. Bald qualmt ein Feuer, aber der Wind steht ungünstig. Also warten.
Dann kommt Scheilar, und sofort ist die Trittsicherheit wieder da. Es geht über ein, zwei Schlüsselstellen, und nun ist der Hang kein Problem mehr. Dann sind es auch „nur“ noch 1.500 Höhenmeter auf rutschigem Gras bei Schneeregen. Ich komme zum Camp. Zwar fix und fertig, aber dann stellt sich die Freude über den Jagderfolg ein.
25. Oktober Wir stehen spät auf. Schneeregen, und draußen liegt eine geschlossene Schneedecke. Alle sehen etwas mitgenommen aus. Die ersten Fotos vom Thar werden gemacht und die Kleidung am Feuer getrocknet. Wir warten bis der Schneeregen nachläßt und ziehen dann in Richtung Basislager. Dauerregen stellt sich ein.
Wir rechnen bei diesem Wetter mit sechs Tagen für den Rücktreck, haben dann etwa 500 Kilometer zurückgelegt und sind 20.000 Höhenmeter gestiegen. Bergjagd pur!
Hansgeorg Arndt

Hansgeorg Arndt

Thar
Nur unter Lebensgefahr gelang es, den Thar in seiner ursprünglichen Heimat, dem Himalaja, zu erlegen.
Hansgeorg Arndt

 
Bilder:

Zum Himalaja-Hauptkamm Blauschaf

Hansgeorg Arndt

Foto: Wolfgang Heintges

Hansgeorg Arndt

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