Im Schatten der Karpaten – Rumänien heute

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Nach der politischen Wende vor zehn Jahren ging es bald jagdlich bergab in Rumänien. Heute scheint die Talsohle durchschritten…

Von Thomas Schwarzenberg

Gamsgeiss
Eine Gamsgeiss aus dem Faragas-Gebirge: 128,5 CIC- Punkte.
„Karpatenparadies“ – mit diesem schon etwas angestaubten Image aus der Zeit unserer Großväter wurde das neue Rumänien bei seiner Öffnung im Jahre 1990 dem westlichen Jäger schmackhaft gemacht.
Der Begriff weckte nostalgische Erinnerungen und ließ das abweisende Reich der Ceausescu-Ära rasch vergessen; entsprechend schnell wurde Rumänien vom internationalen Jagdtourismus angenommen.
Nach gut zehn Jahren treten nun die Konturen eines doch etwas anderen Jagdlandes hervor: Zeit für eine aktuelle Bilanz.
„Romania is the greatest hunting country in Europe“: Das ist die Meinung eines Kenners, mit der unter Spezialisten der internationalen Jagdszene in den USA für die Jagd in Rumänien geworben wird.
Europäische Jäger sind in dieser Beziehung etwas skeptischer. Warum, das zeigte unser Rumänien-Beitrag vor zwei Jahren (JAGEN WELTWEIT Nr. 3/98). Er hat damals für viel Aufregung gesorgt und wurde sogar im rumänischen Forstministerium heftig diskutiert.
Anlass dafür waren mehrere Kritikpunkte, die im Bericht ganz offen vorgetragen worden waren. Vielleicht war damals einiges zu scharf formuliert worden; zu Recht verwies man von rumänischer Seite auf einige positive Entwicklungen.
Auf jeden Fall hat der Beitrag zu einer produktiven Auseinandersetzung geführt: In Rumänien arbeitete man nun noch ehrgeiziger daran, die ausländischen Jagdgäste von der Qualität der Angebote zu überzeugen.
Unterdessen sind mehrere JWW-Mitarbeiter erneut nach Rumänien gereist, haben dort recherchiert und vor Ort gejagt. Ihr neues Bild von diesem Jagdland wischt das angestaubte Image vom „Karpaten-Paradies“ vom Tisch.
Früher war ich oft im hügeligen und bergigen Nord-, Zentral- und Ostrumänien gewesen, und so staunte ich nun bei der Anreise nicht schlecht über das Landschaftsbild des rumänischen Banat: Seine weiten Felder und Wiesen ähneln sehr der jugoslawischen Wojwodina oder Südungarn, wir fühlten uns hier gleich jagdlich zuhause.

Rotwild

Ich konnte kaum glauben, dass gerade hier im Flachland in den Revieren Arad, Timis, Pecica und Banloc mit die stärksten Rothirsche Rumäniens zu finden sind. Im Banater Revier Banloc an der rumänisch-jugoslawischen Grenze wurde sogar ein Hirsch mit 15,6 Kilogramm Geweihgewicht (249 CIC-Punkte) gestreckt. Im Jagdhaus Banloc hielt ich schon bald eine gewaltige Abwurfstange in den Händen, die allein 6,8 Kilogramm wog.

„Diese Hirschreviere sind wenig populär“, erzählte mir schmunzelnd ein Forstdirektor aus Banat, „weil in den Karpatenbüchern, die ihr kennt, nur die Bergreviere im Osten des Landes gepriesen wurden.
Deshalb wollen alle Gastjäger nur dorthin und hören gar nicht auf das, was wir ihnen zu bieten haben.“ Ich bin gespannt, wie lange diese Reviere (vor allem Pecica und Banloc) unter den Hirschjägern noch als Geheimtipp gelten; uns jedenfalls hatte es schlagartig gepackt.
Geboten werden Waldreviere mit übersichtlichen Schneisen, Wiesen und gepflegten Wildäckern; in der Regel sind sie auch mit guten Reviereinrichtungen (Hochsitze und Kanzeln) ausgestattet. Hirschjagd ist hier nur in der Brunft (10. bis 20. September) sinnvoll. Brunfthirsche werden verhört und dann mit erfahrenen Jagdführern angegangen.
Nicht alle Flachlandreviere allerdings sind gleich gut. Auch hier gibt es Gebiete (wie etwa Oradea), wo Hirschbestand und Trophäenqualität viel zu wünschen übrig lassen.
Wen es mangels besseren Wissens hierher verschlägt und wer dann als Schneider nach Hause fährt, der neigt natürlich dazu, schnell ganz Rumänien zu verdammen. Besonnenheit bei der Auswahl und gute Vorabinformation sind also hier (und nicht nur hier!) der Schlüssel zum Erfolg.
Im Schnitt liegen Rothirsche aus der Ebene um sieben Kilogramm, stärkere haben ein Geweihgewicht von acht bis zehn, ganz starke auch zehn bis 13 (maximal 14) Kilogramm. In diesen ebenen Revieren stehen in der Regel nur zwei oder drei Spitzenhirsche pro Brunft zur Verfügung, weshalb eine rechtzeitige Reservierung notwendig ist.
Die Rotwildsituation ist in vielen rumänischen Revieren zwar nicht die beste, es gibt aber genug Reviere mit gutem Bestand, starken Trophäen und wirklich alten Hirschen. Die Bejagung der Hirsche ist gesetzlich geregelt und erfolgt in den meisten Revieren der Forstverwaltung auch nachhaltig.
Auch in den großen Revieren von 10000 bis 25000 Hektar werden nur fünf oder sechs Hirsche jährlich erlegt: Das ist nur der Bruchteil des Jahresabschusses von vergleichbaren wojwodinischen oder südungarischen Rotwildrevieren.
Die Banater Reviere bestehen hauptsächlich aus weiten Feldern, Äckern und Wiesen. Heute ist viel Brachland dabei. Der Preis für Korn ist niedrig, und für Bauern lohnt es sich gar nicht mehr, ihre Felder zu bestellen, weshalb viel Land einfach brach liegt.
Das ist fürs Niederwild natürlich sehr gut, so dass Federwildjäger heute oft größere Strecken machen können als vor 20 Jahren.
 
Damwild
In den Revieren der westrumänischen Tiefebene liegen auch die Hauptjagdgebiete für starke Damhirsche.
An erster Stelle sei hier das wohl beste Damwildrevier Chisineu Cris bei Socodor im äußersten Westen des Landes an der rumänisch-ungarischen Grenze erwähnt. Ich liebe die Damhirschjagd in freier Wildbahn und habe die Pirschfahrt mit dem Pferdewagen durch Chisineu Cris wirklich genossen.
Hier gibt es nicht nur sehr starke Schaufler mit Geweihgewichten um vier Kilogramm und drüber (das durchschnittliche Geweihgewicht liegt zwischen 2,5 und 3,5 Kilo), sondern auch einen unglaublich hohen Bestand.
Der Jäger braucht keine Angst vor wenig Anblick zu haben. Wenn er durch den Wald einzelne Schaufler anpirscht, sammelt sich oft beunruhigtes Damwild an den umliegenden Wiesen und Feldern zu Rudeln mit mehreren 100 Stück: ein unvergesslicher Anblick.
Diese spannende Jagd ist pirschliebenden Jägern zu empfehlen, aber auch älteren oder etwas weniger sportlichen, die einen Monat nach der Rothirschbrunft (Oktober) den brunftigen Schauflern nachstellen möchten.
 
Rehwild
Auch beim Rehwild übertreffen die Reviere im Flachland durch ihren hohen Bestand und ausgezeichnete Trophäenqualität die der Karpaten. Zwar kann sich Rumänien vom Gesamtabschuss und der Zahl der Bockjäger her mit echten Bockländern wie Ungarn oder Polen nicht messen, es hat aber eine hervorragende Trophäenqualität, die kaum zu überbieten ist.
 
Dennoch gewöhnen sich die Jäger nur schwer daran, Rumänien als Bockland ernst zu nehmen. Geheimtipps sind (noch) die Topreviere im Westen (Banat) und Süden (südlich von Bukarest).
Ende Juni habe ich im Banater Revier Banloc eine Testjagd gemacht. Zu Wildzeiten (morgens und abends) standen auf fast allen grünen Flächen Böcke und Geißen, die Pirschfahrt mit dem Geländewagen brachte unvergesslichen Anblick.
Mein spanischer Jagdfreund pirschte daraufhin einen guten Bock an und war von der Trophäe, der typischen Rehwildlandschaft und den freundlichen Jägern tief beeindruckt.
Banloc ist ein Flachlandrevier von 32 000 Hektar Größe und einem Gesamtabschuss von nur drei Rothirschen, 40 Sauen (mit starken Keilern, Waffenlängen auch bis 25 Zentimeter und 130 CIC-Punkten) und 15 Böcken.
Die Rehböcke werden hier stark, und Gehörngewichte um 500 Gramm netto und drüber sind keine Seltenheit.
Da die Bockjagdzeit (15. Mai bis 15. September) relativ spät beginnt, sollte der Jäger entweder sofort zu Saisonbeginn oder noch besser zur Blattzeit (20. Juli bis 10. August) jagen. In den meisten Revieren sind Ansitzeinrichtungen (Hochsitze und Kanzeln) vorhanden, richtig spannend sind aber eher eine sportliche Fußpirsch oder die Pirschfahrt.
Wenn vorhanden, sollte der Jäger in jedem Fall die Möglichkeit nutzen, wie in alten Zeiten auch mit Pferdewagen durch Feld- und Waldreviere zu fahren. Diese altbewährte Jagdmethode hat viele Vorteile.
Der Jäger sieht mehr vom Revier als zu Fuß, kann mehr an Jagd- und Fotoausrüstung mitnehmen, und es können sogar seine Begleitung oder ein Jagdfreund mitfahren, ohne die Jagd zu stören.
In den vergangenen Jahren wurden mehrere neue Bockreviere von westlichen Jagdagenten getestet, wo zur Blattzeit 2000 die ersten Gastjäger erwartet werden.
Es handelt sich dabei vor allem um Spitzenreviere südlich von Bukarest, und zwar Bolentin und Ghimbati der Forstdirektion Targoviste, mit einer Jahresstrecke von 40 Böcken. Das sind Flachlandreviere mit hohem Waldanteil, die aber durchsetzt sind mit riesigen Wildäckern und Feldern.
Nach Auskunft eines großen Rumänien-Anbieters wurden dort Anfang Mai dieses Jahres während dreier Testtage auf jedem großen Wildacker (5-15 Hektar) zehn bis 20 Böcke gesehen und auf Video gefilmt.
Darunter waren mehrere starke (einige auch in der Klasse zwischen 500 und 550 Gramm netto) und abnorme Böcke. An einem einzigen Morgen wurden sogar 36 Böcke von verschiedener Stärke gezählt.
In drei Tagen wurden 15 jagdbare Böcke bestätigt: ein deutlicher Hinweis auf den sehr guten Bestand und die hohe Wilddichte.
Für viele Bockjäger ist Rumänien als Bockland immer noch teuer, obwohl es im Vergleich preislich sehr gut abschneidet. Das Problem für viele Bockjäger sind wirklich starke Böcke, die es in Rumänien in der Tat gibt.
Denn wenn nur ein Spitzenbock zur Strecke kommt, wird eine gemütliche Bockjagd schnell kostspielig, weil sie (wenn die Trophäe 600 Gramm und mehr erreicht) leicht 10 000 Mark kosten kann.
Verglichen mit ungarischen Bockpreisen ist Rumänien zwar günstiger, weil ein 500-Gramm-Bock 3120 Mark (in Ungarn knappe 6000 Mark) kostet, ein 600-Gramm-Bock aber 7870 Mark (in Ungarn 12950).
„Ich mag es nicht, meinem Jagdführer eine Grenze von 500 Gramm zu setzen und mir nur Böcke bis zu diesem Limit freizugeben“, rechtfertigte ein mir bekannter Bockjäger seine Skepsis gegenüber einer Blattjagd in Südrumänien.
„Wenn dann ein 600-Gramm-Bock dasteht, will ich ihn nicht laufen lassen“n erzählte er weiter „und wir wissen, dass es in Rumänien 700- und 800-Gramm-Böcke tatsächlich gibt. Es ist nicht so, dass diese Gehörngewichte nur auf der Preisliste stehen.“

Schwarzwild
In Rumänien gibt es keine Gatterjagden wie in Ungarn, wo die Drückjagdgruppen eine genaue Tagesstrecke buchen können. Alle Drückjagden auf Schwarzwild und Bären werden ausschließlich in freier Wildbahn abgehalten.
Das bedeutet immer kleinere Strecke und auch bei einem guten Schwarzwildbestand starke Abhängigkeit der Tagesstrecke vom Wetter und der Schussfertigkeit der Schützen.
Auch ein hoher Sauenbestand, beste Organisation und gute Treiber können schlechtes Wetter und miserable Schützen nicht wettmachen.
Schwarzwild ist im ganzen Land weit verbreitet. Es weist hohe Körpergewichte auf und ist von ausgezeichneter Trophäenqualität.
Der Ansturm der Saujäger war zu Beginn der 90er Jahre so stark, dass die meisten Karpatenreviere schnell leergeschossen waren. Die meisten Topdrückjagdreviere liegen daher heute nicht in den Bergen der Karpaten, sondern im Flachland.
Das Geheimnis des Erfolges liegt in der behutsamen Bejagung. In den ensprechenden Revieren werden höchstens zwei Drückjagden pro Jagdsaison (im November/Dezember und im Januar) durchgeführt.
 
Folgeseiten:
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Hansgeorg Arndt

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