Viel Ausblick, wenig Anblick, kein Durchblick

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Andalusien
 

2/2011

Testjagd auf Mähnenspringer und Schwarzwild in Andalusien. Drei Rudel mit rund 100 Hornträgern wurden angekündigt. Für 1 357 Euro ein sensationelles Angebot. Die JWW-Redaktion war dabei.

Von Armin Liese

 

Verlosung
Internationale Jägerversammlung. Voller Vorfreude erwarten sie die Verlosung der Stände. Foto: A. Liese
Mähnenspringer und Schwarzwild auf einer Monteria zum Schnäppchenpreis. Das hat 92 zahlende Gäste vor allem aus Skandinavien und Deutschland angelockt. Wann hat man sonst die Möglichkeit, diese nordafrikanischen Trophäenträger ohne Limit und Trophäenaufschlag zu bejagen? Und noch dazu in einem Naturschutzgebiet, in dem seit über zwei Jahren nicht mehr gejagt wurde. IBERHUNTING lockte mit diesem Angebot zu einer Testjagd.
 
Ein Omnibus voller Jäger erreicht gegen 19.30 Uhr nach ewig langer Anreise endlich das Hotel. Willkommenssekt und Abendessen, danach die Verlosung der Stände sind das Abendprogramm. Eine Verlosung ist es eigentlich nicht wirklich. Besonders erfolgversprechende, aber schwer zu erreichende Stände werden vom Veranstalter Antonio angepriesen. Sie liegen auf einem gesonderten Stapel. Nach Liste werden wir aufgerufen. Die gespannt wartenden Jäger greifen zu, ohne zu wissen, was „schwer erreichbar“ bedeutet und was sie sich damit angetan haben.
 
Alle Stände am Rand des Jagdgebietes sollen frühzeitig besetzt sein. Dafür steht ein Bus bereits eine Stunde früher zur Abfahrt bereit. Es stellt sich aber heraus, dass es absolut unerheblich gewesen ist, denn die frühe Busgruppe empfängt den späten Bus wartend am Sammelplatz. Zeit für einen Rundgang, denn dort werden die Hunde präsentiert – rund 400 waren am Vorabend angekündigt, etwa die Hälfte ist vor Ort.
 
 

Hundearbeit

 

Hunde
Hunger ist der Antrieb für spanische (Jagd-)Hunde. Am ersten Jagdtag werden sie morgens an Ketten aufgereiht präsentiert. Foto: A. Liese
Jeder Rehalero, wie der Meuteführer in Spanien genannt wird, besitzt rund 20 bis 25 Hunde. Abgemagert, damit sie gut jagen und hoch in die Berge gehen, werden sie uns Jägern an Ketten aufgereiht präsentiert. Jede Meute ist eine Mischung aus Jagdhunden und schweren Kampfhunden, die zum Packen oder Sprengen der Rotten mitgeführt werden. Der Anblick von rund 200 Hunden ist imposant. Dabei frage ich mich allerdings, warum so viele? Bei einer Jagdfläche von nicht einmal 800 Hektar müssen sie sich beim Stöbern gegenseitig auf die Pfoten treten…
 
Genau so ist es auch. Während des Treibens erkenne ich, warum so viele Hunde in dem lichten Steineichenbestand notwendig sind. Dickungen gibt es dort keine. Der Rehalero kann überall aufrecht durchmarschieren. Zwei bis drei Vierläufer umkreisen den Meuteführer in einem Abstand von maximal 80 Metern. Alle anderen Hunde kleben an den Füßen des Rudelchefs.
 
Das tagelange Hunger-Programm vor der Jagd zeigt seine Wirkung: Sobald einer der „Satellitenhunde“ Laut gibt, stürmt die gesamte Truppe los, fängt die Sau und tut sie ab.Die hungrigen Hunde verspeisen den Schwarzkittel direkt vor Ort. Satte und zufriedene Hunde kehren zum Chef zurück und haben kaum noch Motivation zum Suchen. Dies spiegelt sich auch im Jagdverlauf wider: Nach 30 bis 45 Minuten wird es ruhig. Dass die Treiben über zwei Stunden gehen sollen, interessiert die satten Hunde nicht.
 
 
 

Die besten Stände

 

Andalusien
Viel Ausblick, wenig Anblick. Die schroffen Felsen mit dem kargen Bewuchs – typisch für Andalusien. Foto: A. Liese
Jetzt rächt sich für einige Jäger die Gier nach den besten Ständen. Loses Geröll auf Fels, kaum Bewuchs und immer wieder Schnee sind nur für körperlich fitte Jäger zu bewältigen. Die Standkarten mit den eingetragenen Positionen verlieren sehr schnell ihre Gültigkeit. Schnaufende Flachlandjäger werden aussortiert. Sie mitzuschleppen, würde das Anstellen nur noch weiter verzögern. Zwei Stunden später stehen alle auf einem Stand – zwei Stunden später als geplant. Die Jagd hat längst begonnen, bevor alle Positionen besetzt waren.
 
Ich richte mich ein. Eine Felskuppe mit Fernsicht. Ein herrlicher Ausblick. Zum Schießen aber ungeeignet. Die ersten freien Flächen sind fast 100 Meter entfernt. Ich baue mir eine stabile Gewehrauflage auf und lege die Waffe dort hinein. Vielleicht kann ich so einen Schuss auf die für eine Drückjagd immens weiten Entfernungen zu den Blößen zwischen den Steineichen sicher antragen. Der Wind pfeift aus dem Rücken kommend über die Felskuppe.
 
Sechs Sauen bekomme ich in Anblick. Drei davon mit einem Hund direkt hinten dran. Auf die große Entfernung ist an einen Schuss nicht zu denken. Später entdecke ich zwei Sauen, die senkrecht bergan flüchten. Ich spreche durchs Zielfernrohr an: Zwei weibliche Stücke, beide etwa 40 Kilogramm schwer. Das könnte passen, zumal sie langsam ziehen und immer wieder verhoffen. Als ich aber den winzigen Frischling bei solch einer Verschnaufpause entdecke, ist für mich die vermeintliche Chance vorbei. Zu welcher Bache der Gestreifte gehört, kann ich nicht beurteilen.
 
 
 

Warten auf die Rakete

 

Andalusien
Körperliche Fitness sind in diesem Revier Voraussetzung für die Pirsch. Foto: A. Liese
Am Vorabend hat Antonio eine Rakete angekündigt. Das Zeichen für das Ende des Treibens. Eingemummelt sitze ich auf meinem Stand und schaue den Geiern zu, die über mir kreisen. Sie kennen scheinbar den Jagdablauf, denn die meisten Sauen werden nicht geborgen. Ein gefundenes Fressen. Ein Hundeführer wandert zurück durch das Jagdgebiet. Die Kamera im Anschlag warte ich auf das Feuerwerk, denn bis jetzt habe ich nicht viele brauchbare Bilder.
 
Nachdem es immer schattiger wird und ich so langsam nicht mehr an eine Rakete glaube, versuche ich mit meinen Nachbarn Kontakt aufzunehmen. Erst bergauf, dann bergab: Ich habe gar keine Nachbarn mehr! Anscheinend hat man mich auf meinem Stand vergessen. Schnell packe ich meine Sachen und mache mich bei Sonnenuntergang auf den Rückweg. Wege gibt es hier oben im Berg keine. Ich verlasse mich auf meinen Orientierungssinn.
 
Der Sammelplatz ist rund 10 Kilometer entfernt. Von dort sind wir mit Geländewagen morgens in das Naturschutzgebiet gefahren. 10 Kilometer, so lange reicht das Licht nicht mehr. In der Checkliste zum Packen zuhause stand auch eine Taschenlampe: Jetzt weiß ich auch, warum ich sie einpacken sollte! Glücklicherweise kommen mir auf der Schotterpiste nach eineinhalb Stunden Fußmarsch zwei Hundeführer mit einem Geländewagen entgegen, die mich freundlicherweise mitnehmen. Nach weiteren zwei Stunden bin ich pünktlich nach dem Abendessen im Restaurant und werde mit einem lauten „der Liese ist da“ empfangen.
 
Rückfahrt ins Hotel, und erst einmal warm duschen. Nach so viel kaltem Wind ist das eine Wohltat. Das denken scheinbar auch die Kollegen, denn ein Stromausfall nach dem anderen unterbindet den warmen Genuss. Taschenlampe die zweite: Ein weiterer Einsatz für die Kopflampe auf der Checkliste.
 
 
 

Neuer Tag, neues Glück

 

Nach einem geselligen Abend in der Hotelbar, bei dem reichlich über das Erlebte diskutiert worden ist, geht es mit dem Bus wieder ins Jagdgebiet. „Heute fahren alle gleichzeitig ab, da kann es kein Chaos geben“, geht es mir durch den Kopf. Aus den Fehlern des Vortages hat Antonio gelernt! Jeder Ansteller bekommt eine Liste mit den Namen seiner Schäfchen. Da kann niemand mehr vergessen werden.
 
In meiner Gruppe sind über 25 Schützen bei einem einzigen Ansteller! Wie hier zügig die Plätze eingenommen werden sollen, ist mir schleierhaft. Aber vorher gilt es noch, die Jäger auf Geländewagen aufzuteilen. Dabei wird dreimal hin und her getauscht, bis alle samt ihrer Ausrüstung verstaut sind. Antonio selber fährt zwei deutsche Jäger und mich zum Startpunkt.
 
Nun beginnt die Prozession. Wie Ameisen laufen wir den Buschweg zentral durch das Treiben. Außenherum knallt es schon. Alle paar Meter wird ein Schütze abgestellt. Als ich an der Reihe bin, ist gerade 20 Meter vorher ein Spanier angestellt worden. Bereits 25 Meter nach meinem Stand hält die Korona wiederum an, und der Ansteller pos tiert einen weiteren Spanier. Mein „Stand“ ist kein Stand: Fünf Meter nach hinten und zehn Meter nach vorne misst die Freifläche, auf der ich stehe. Der Weg ist schon mit eingerechnet!
 
Vor der Abreise habe ich mich über einen weiteren Punkt auf der Checkliste gewundert: Gartenschere. Jetzt realisiere ich, warum. Ich schneide mir den Stand frei. Eine Schneise von 2 Metern Breite und 30 Metern Länge ist mein ganzer Stolz. Zum Flüchtigschießen zu schmal. Aber vielleicht gelingt wenigstens ein gutes Foto.
 
Von rund 20 Hunden verfolgt, flüchtet ein Kaninchen auf fünf Meter vorbei. Das ist der gesamte Anblick. Während des Treibens fällt etwa eine Stunde lang kein Schuss, ein eindeutiges Zeichen für wenig Wild und satte Hunde. Nach rund einer Stunde kommt mein Standnachbar, ein spanischer Berufsjäger zu mir. Nachdem er direkt zu Anfang eine Sau beschossen hat, stellt er mir seinen Stand zur Verfügung, da ich auf meinem keine Chancen habe. Ich wandere sofort mit ihm dorthin. Sein Platz ist ein Stand, wie er für Monterias normal sein sollte: Das erste Mal reelle Möglichkeit zum Schuss.
 
 
 

Jagd vorbei, Warterei

 

Anschlag
Mein dänischer Standnachbar: Außer für das Foto ging er während der Jagd nicht in Anschlag. Foto: A. Liese
Nachdem wir gemeinsam mit unseren Rucksack-Inhalten eine Brotzeit im Busch gehalten haben, ist die Jagd bald zu Ende. Jagdlich ist es nicht erfolgreich gewesen, aber ich habe Hoffnung, heute am Abendessen teilzunehmen. Am Parkplatz stellt sich jedoch heraus, dass nicht mehr alle Fahrzeuge da sind. Antonio hatte uns zwar rausgebracht, aber er hatwohl vergessen, wieder zurückzukommen. Nachdem die Autos gefüllt sind, versprechen uns die Spanier, die verbleibenden sechs Schützen in einer halben Stunde abzuholen. Das klingt realistisch.
 
Nach 45 Minuten kommt ein Geländewagen. Aber nur einer. Drei Jäger fahren mit zum Sammelplatz, wo das große Streckelegen stattfinden soll. Auf den zweiten Fahrdienst warten wir noch lange. Zwei Stunden nach Jagdende kommt nach etlichen Telefonaten ein Auto, das uns zum Restaurant bringt. Streckelegen ist längst vorbei. Verpasst hätten wir nicht allzuviel, berichten die anderen. Zwei Keiler und sechs kleine Sauen sind präsentiert worden. Wie hoch die Gesamtstrecke ist, weiß keiner so genau. Eines steht aber fest: Es sind mehr Sauen von den Hunden gefressen worden als erlegt. Die Mähnenspringer, die wohl der größte Reiz des Angebots darstellten, sind nicht gesehen worden. Antonio hat sie ein paar Wochen vorher das letzte Mal im Jagdgebiet bestätigt.
 
Ob der wenige Tage zuvor gefallene Schnee für das Abwandern der Mähnenspringer verantwortlich ist, sei dahingestellt. Das dünne Schwarzwildvorkommen nach sieben Monaten Dauerkirren und zweijähriger Bejagungspause ist mit dem kurzfristigen Schneefall nicht zu erklären.
 
Eine Großveranstaltung hat aber auch ihre Vorzüge: viele neue Kontakte. Die Truppe samt ihrer Moral war trotz magerer Ausbeute einfach genial!
 
 
 

Fazit

 

Für die Teilnehmer dieser stark beworbenen Tour war die Reise ein Reinfall. War das ein unglücklicher Zufall oder vorhersehbar?
 
Mähnenspringer sind bei diesem Wetter im Nordhang nicht zu erwarten. Auch Sauen bevorzugen warme Plätze. Dass bei solchen Witterungsvoraussetzungen im Januar auf der Schattenseite nicht viel Wild seinen Einstand hat, sollte eigentlich klar sein. Kirren hilft, aber die Mast der Steineichen und damit der Fraß für Sauen fällt im Oktober. War das vorher unbekannt?
 
Zwei Tage vor der Jagd sind 25 Zentimeter Schnee gefallen, was fast zur Absage geführt hätte. Einen Tag vor Abflug entschied die Naturschutzwacht, dass die Jagd stattfinden darf. IBERHUHNTING hat wegen der gebuchten Flüge die Großveranstaltung durchgezogen. Musste das sein?
 
Wie groß die Strecke wirklich war, weiß keiner genau. Viele Sauen wurden nicht geborgen, Nachsuchen gab es keine. Am ersten Tag sollen 29 Sauen erlegt und 43 von den Hunden gefangen und verspeist worden sein. Der zweite Tag war mit 14 erlegten und über 20 gefressenen Schwarzkitteln deutlich erfolgloser. Für rund 120 Schützen ein sehr bescheidenes Ergebnis.
 
Die Jagdmethode ist für Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig, die Organisation verbesserungswürdig, und die Durchführung war chaotisch. Das wissen auch Vermittler Alexander Winter und Veranstalter IBERHUNTING. Um die Enttäuschung zu lindern, machen sie allen deutschen Teilnehmern folgende Sonderangebote:
 
1. Einzelpirsch auf Mähnenspringer ohne Trophäenlimit für 3 416 statt 5 721 Euro. Hierfür steht ein Gebiet mit guten Trophäenträgern zur Verfügung.
 
2. Pirschjagd auf Sierra Nevada-Steinbock zum Vorzugspreis von 3 894 anstelle von 6 901 Euro.
 
3. Monteria auf einer gezäunten 1 000 Hektar großen Finca mit Rot-, Dam-, Muffel- und Schwarzwild. Für einen Trophäenträger, drei Stücke Kahlwild und eine Sau wird garantiert. Preis: 3 062 Euro
 
Man wird sehen, ob die Verantwortlichen damit das verspielte Vertrauen wieder zurückgewinnen können.
 

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