Eine alte Geltgeiß

1817

Muss es eigentlich immer ein kapitaler Gamsbock sein? Auch unter den weiblichen Stücken finden sich manchmal interessante Exemplare. Die Jagd ist die gleiche, und das unter einem strahlenden Herbsthimmel in den französischen Alpen.

Von Dr. Fritz Sieren
Frankreich besitzt eine in der Geschichte verwurzelte, Jahrhunderte alte Jagdtradition. Das Land ist deutlich größer als Deutschland und hat ein Drittel weniger Einwohner. Die Bevölkerung konzentriert sich auf Ballungsräume wie Paris und Marseille. Das bedeutet menschenarme, wildreiche und ausgedehnte Naturräume.

Einmal im Jahr besuche ich eine befreundete Familie in der Hochprovence der französischen Südalpen und verbinde damit jedesmal zwei bis drei Tage Jagd in Hochgebirgsrevieren des Staatsforstes, der Abschüsse von Gams,- Muffel-, Rot- und Rehwild vergibt. Vergleichsweise preiswert: Für einen Bronzemedaillen-Widder bezahlte ich 2001 exakt 750 Euro inklusive des Wildbrets, mit dem ich meinen französischen Gastgebern eine Freude bereitete. Für eine Gamsgeiß von 87 Punkten verlangte man 2002 eine Gebühr von 700 Euro.

Die Formalitäten erledigt das Forstamt. Ich brauchte nur eine Kopie des deutschen Jagdscheins und der Jagdhaftpflicht-Versicherung sowie zwei Passbilder einzuschicken.

Bewährt hat sich hier bei vorherigen Jagden ein Bergstock mit je einer Metallspitze und einem Gummiknauf, ein Packbord mit Wechselwäsche, Wachsjacke und Spektiv. Gut eingelaufene, knöchelhohe Bergschuhe sind selbstverständlich.

Wahlweise standen mir eine Waffe im Kaliber .243 Winchester mit einem 6,5 Gramm schweren Teilmantelgeschoss und eine .300 Weatherby Magnum mit einem 11,66 Gramm schweren Nosler-Geschoss zur Verfügung. Ich entschied mich trotz der im Hochgebirge zu befürchteten Windabdrift für das leichtere Kaliber und fuhr gut damit.

Mit 300 Sonnentagen pro Jahr besitzen die Südalpen der französischen Provinz mediterranes Flair inmitten eines grandiosen Hochgebirges. Auf den Wochenmärkten der Alpes-de-Haute-Provence gibt es neben frischen Trüffeln, würzigem Ziegenkäse und goldgelbem Lavendelhonig eine Vielzahl aromatischer Kräuter wie Thymian, Basilikum, Salbei und Lorbeer.

Von der Provinzhauptstadt Gap, die einen weiten Talkessel ausfüllt, umgeben von schneebedeckten Dreieinhalbtausendern, windet sich die Straße in Serpentinen bis hinauf zum Wintersportort St. Bonnet. Von dort führt eine Nebenstraße, die schmal und schottrig ist, in eine Schlucht, die sich mehr und mehr verengt, und die schon jetzt um drei Uhr nachmittags ganz im Schatten liegt.

Steiler, abweisender und schroffer wird die Szene. Fast beängstigend sind die sich verengenden, immer näher an die Straße rückenden Wände, bis das Sträßchen einen Durchbruch erreicht, hinter dem sich ein Talkessel öffnet, der an das Rund einer Arena erinnert.

In den Tobel schmiegt sich das Dörfchen Les Molines wie ein von Menschenhand geschaffenes Eiland, inmitten des grandiosen, auf den ersten Blick abweisenden Hochgebirges. „Dort muss ich morgen früh also rauf? Das wird bestimmt eine arge Schinderei“, ging es mir durch den Kopf.

Im letzten Licht des sich rasch neigenden Tages fällt mein Blick auf drei Mühlen, deren Mahlsteine längst stillstehen. Eine bröckelnde Mauer umgibt einen ungepflegten Friedhof. Ein verwahrlostes Kirchlein und drei oder vier Höfe, ebenfalls dem Verfall preisgegeben. Im Dorf ist als einzige eine mehr als 90-jährige Greisin geblieben, die dort irgendwo haust und die auf dem Friedhof als letzte begraben werden würde.

Ganz am Ende des einsamen Fleckens, wo der Weg wieder zum Ahorn- und Eichenwald ansteigt und der Wald dabei ist, sich das Dorf zurück zu erobern, dort liegt das zweistöckige Jagdhaus. Den Schlüssel finde ich im Briefkasten. Eine schmalstiegige Holztreppe führt zu den Schlafräumen. Unten ein gemütliches Wohnzimmer mit einer umfangreichen Lehrschau in Sachen Gams.

Als der frühe Morgen herauf dämmert, hupt Bruno unten vor der Hütte. Wenig später stehe ich nach einer „Katzenwäsche“ mit dem Förster vor jener Wand mit den Gamstrophäen. Bruno fragte: „Wie stark darf der Gams denn sein? Muss es unbedingt ein Bock sein?“ „Eine betagte Geltgeiß ist mir genauso lieb, reizt mich sogar mehr.“ Bruno nickt zustimmend. „Die meisten Gastjäger bevorzugen Krucken eines möglichst kapitalen Bockes. Dadurch entstand hier ein gewisser Überhang an Geißen, besonders an alten, nicht führenden. Mal sehen, ob wir so eine alte, im zweiten Lebensjahrzehnt stehende ,Tante‘ aufspüren.“

Aufstieg
Steigen, Steigen,Steigen. Viele Stunden geht es durch den herbstlichen Bergwald, bis wir endlich die Baumgrenze erreichen.

 


Fotos: Dr. Fritz Sieren

Kein Hahn

Kein Hahn kräht im ersten Morgenlicht, als wir das einsame, schlafende Dorf hinter uns lassen. Stunde um Stunde windet sich der schmale Pfad in Haarnadeln den steilen Bergwald hinauf. Hier und da hat Schwarzwild gebrochen. In der Wand unter uns schreckt ein Reh. Lange hallt das Echo wider.Dann wieder Stille. Die Stille der Wildnis. Nirgends rieselt Geröll oder abgehende Steine unter den Schalen von Wild. Nirgends das Rauschen von Wasser. Die Stahlspitze des Bergstocks zeigt nach oben. Der Gummiknauf am anderen Ende des „dritten Beines“ lässt ein leises, behutsames Pirschen zu.

Bedächtig und stetig legen wir stündlich rund 250 Höhenmeter zurück, von halb acht bis um zwei, von kurzen Pausen unterbrochen. Dann erst ist der Wald zurückgeblieben. Wir sind am Ziel auf 2.700 Meter. Deckungsloser Fels, weite und stille Matten, abschüssige Kare, graue Gerölllawinen und darüber ein lichtblauer, tiefer Oktoberhimmel. Ein Himmel, der ins Unendliche zu reichen scheint, der sogar weit entfernte Massive wie gemeißelt in jeder Einzelheit erkennen lässt.

Hier oben bläst ein kalter, schneidender Wind. Weit entfernt kommt Scharwild in Anblick. Plötzlich vor einer Geländerippe in Schussentfernung Bock und Geiß. Die Geiß mit hoher, enggestellter Krucke. Der Bock mittelalt, die Geiß begehrenswert. Während der Bock verschwindet, zieht die Geiß etwas vor. Wieder verhofft sie, macht ein Haberl, hat uns offenbar bemerkt, äugt zu uns herüber. Dann eine rasante Flucht zu einem exponierten Felskopf. Wieder ein Haberl. Jeden Moment kann sie abtauchen, dem Freier hinterher. Es geht um Bruchteile von Sekunden! „Das ist die Richtige! Eine Geltgeiß! Scheint mir steinalt!“ raunt Bruno neben mir.

Ich finde sie erst nicht im Zielfernrohr. Endlich! Hoch fasste ich an, in Höhe der Wirbelsäule. Die Entfernung beträgt sicherlich 250 Meter. Der Schuss bricht, und die Geiß ist verschwunden. Liegt sie? Einen Moment später taucht sie an der Kante des Abbruchs mit erhobenem Haupt wieder auf, die Hinterläufe offenbar hinter sich her schleifend.

Die Schwerkranke rutscht den Hang runter, überschlägt sich einige Male, versucht, immer wieder auf die Läufe zu kommen, was nicht gelingt. Stattdessen stürzt sie sich überschlagend tiefer und tiefer, immer rascher und schneller, bis sie hinter dem einzigen Busch weh und breit verschwunden ist. Ist sie verendet? Wartet sie dort im Wundbett? „Kein Problem für den Hund. Mach Dir keine Sorgen“, zerstreut Bruno meine Bedenken.

Als der BGS später zum Gams bergauf hastet, ist die betagte 14-jährige Geltgeiß längst verendet, ihr Gesäuge trocken. Meine Kugel hat die Wirbelsäule durchschlagen, die dort verlaufenden Gefäße zerfetzt. Das Wild ist innerlich verblutet.

An einer Quelle waschen wir uns, stillen unseren Durst. „Das war ein herrlicher, supercooler Tag“, war der Kommentar meines Sohnes, als wir durch den lichten Bergwald und durch Lärchen, die in der Oktobersonne leuchten, bergab schlendern mit der Geiß auf dem Packbord.

Bruno winke ich ein letztes Mal nach, bis sein Landrover hinter der alten, verfallenen Kirche verschwindet. Dabei denke ich: „Menschen mit ihren flüchtigen Begegnungen und dauernden Abschieden gleichen den Wolken, die sich sammeln, und die der Wind auseinander treibt wie lose, alte Blätter im Herbst.“