Elefanten-Kontrolle

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Die unerwartete Resonanz auf mein Buch (Das ist Afrika! Dornen, Durst und Tsetse-Fliegen) veranlasst mich, nun doch einige Gedanken weiter zu spinnen. Vor allem das oft hinterfragte Thema „Elefanten-Kontrolle“ und die Gründe, weshalb diese Abschüsse nicht nutzbringend an Gastjäger verkauft wurden.

Von Anno Hecker

Hansgeorg Arndt

Kaffernbüffel
Ein Kaffernbüffel mit mächtigem Boss wurde Opfer eines Löwen.
Vor 40 Jahren hätte sich beim Game Department von Tansania kaum jemand vorstellen können, dass Jäger aus Europa oder Amerika einmal Geld für die Erlegung zahnloser und geringer Bullen sowie weiblicher Stücke zahlen würden, zumal damit verbundene Einkünfte bei weitem nicht die Kosten solcher Jagden gedeckt hätten.
Außenstehende glauben oft, der Abschuss von Schadelefanten sei eine leichte, mehr schießsportliche Angelegenheit, ungefährlicher und weniger strapaziös als die langwierige Suche nach einem bestimmten Tusker. Wobei die meist auf billigen Abschuss spekulierenden Nimrode wie selbstverständlich den üblichen Safarikomfort erwarten, die logistischen und organisatorischen Probleme aber verkennen. Umstände, die die Kontrolljagd oder „Crop protection“ manchmal zu einem verdammt harten Job werden lassen.
Die notwendigen Abschüsse erfolgten, wenn die Dickhäuter zu Schaden gingen, und das war in der Regenzeit oder kurz danach im oft übermannshohen Gras. Viele Straßen und Wege sind dann, wenn überhaupt, schwer passierbar, kleine Holzbrücken weggeschwemmt und manche Talböden, besonders, wenn es sich um den berüchtigten „black cotton soil“ handelt, auch für Geländewagen recht tückisch. Oft ist das Operationsgebiet nur mit Trägern zu erreichen, die dann ja auch für sich selbst Zelte und Verpflegung schleppen müssen.

 

Die Jagd auf Schadelefanten

Der normale Safarijäger kann sich kaum vorstellen, was einen in der „Masika“, der großen Regenzeit erwartet. Ich habe mehrmals auf meinem Campbett gelegen, wenn es nachts wie eine Sintflut hernieder rauschte und beim Hellwerden, geweckt vom trommelnden Konzert tausender Frösche, mit gemischten Gefühlen durchs Moskitonetz dem Wasser zugesehen, das langsam aber sicher ins Zelt lief und oft knöcheltief den Boden bedeckte; ohne jedoch zum Glück die abends auf Tisch und Stuhl platzierten Kleidungsstücke und Gewehrfutterale aus Segeltuch zu erreichen.

Und das, obwohl die ums Zelt gezogenen Gräben für Abfluss hätten sorgen sollen. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch oder besser gesagt dick, dass die vor dem Aufbruch nochmals abgewischte Waffe zusehends beschlug. Was bin ich heute froh, dass wir damals durchweg „primitive“ Repetierer mit dem unverwüstlichen Mauserschloss 98 ohne Zielfernrohr führten; besonders wenn ich an das hochkomplizierte Innere moderner Büchsen – modern kommt von Mode – denke.
Auch wenn es von oben trocken war, wurde man kurz nach Verlassen des Lagers durch den eiskalten Tau des hohen Grases im Nu bis an den Hals klatschnass, stellenweise mussten die Gewehrträger die Büchsen über den Kopf halten, damit sie einsatzbereit blieben.
Wenn man mit steigender Sonne trocknete, wurden die Tsetsefliegen wach. In flottem Gänsemarsch dahinschreitend, hatte der jeweilige Hintermann einen belaubten Zweig in der Hand, um einem die bevorzugt Nacken und Schultern attackierenden „Ndorobos“ abzuwehren, die besonders schmerzhaft durch die dünnen Khakihemden stachen.
Gelagert wurde an bekannten Schadens-Schwerpunkten oder häufig heimgesuchten Dörfern, wo man die sich durch Fressgeräusche oder krachende Bäume verratenden nächtlichen Besucher hören und mit dem ersten Tageslicht verfolgen konnte: Meist nicht allzu starke Bullen in geringer Stückzahl, auf die man mit einigem Dusel schon bald, oft erst nach Stunden oder aber, wenn der Wind küselte, gar nicht zu Schuss kam.
Manchmal führten ortskundig-jagderfahrende Dorfbewohner, ohne den Fährten zu folgen, „schnurstracks“ zu bestimmten Örtlichkeiten, meist kleinere Talkessel vor einer Bergwand, wo wir nicht selten die gesuchten Dickhäuter tatsächlich antrafen.
Als wenn sie sich der Gefahr bewusst wären, zogen sie sich zuweilen nach nächtlichen Feldbesuchen in fast undurchdringliche Einstände zurück, so einmal in einen Sumpf mit vier Meter hohem Schilf. Ich hatte das Glück, nach äußerst mühsamer Folge den Leitbullen auf kurze Entfernung spitz von vorn freizubekommen und mit Kopfschuss zu strecken. Er brach schlagartig hinten zusammen und kippte dann mit dem Vorderteil zur Seite. Hirntreffer!
Um uns vor den übrigen vier oder fünf unsichtbar umherpreschenden Tembos in Sicherheit zu bringen, „enterte“ ich mit meinem Fährtensucher, kaum dass ich repetiert hatte, den schräg zum Boden reichenden Hinterlauf des Gefällten hinauf, von wo ich, sicher stehend, noch zwei auf kurze Entfernung vorbeiflüchtende geringe Bullen mit Herzschüssen strecken konnte.

 

„Wo gehobelt wird, fallen Späne“

Gab es nachts keinen „Elefantenalarm“, horchten wir morgens auf Trommelsignale aus entfernten Weilern und erwarteten uns alarmierende Boten. Oft tat sich aber 2auch zwei, drei Tage nichts, willkommene Ruhezeiten als Ausgleich für die körperlich oft das Letzte fordernden Jagdtage; vor allem dann, wenn kranke Stücke über viele Kilometer nachgesucht werden mussten.

Und das kam immer wieder meist nach zu weiten Schüssen vor. Obwohl ich unentwegt ausschließlich Herz- und nur im Notfall Kopfschüsse auf höchstens 20 Meter predigte: wie ich auch die richtige Auswahl den Scouts – sie führten .404 Repetierer von Vickers – ans Herz legte: „Von unten nach oben“, die geringsten Stoßzahnträger also zuerst und niemals einen guten Bullen, der durch Jagdtouristen viel Geld einbringen würde. Bei Kühen auf keinen Fall führende Stücke, was leider mal passierte, aber die Ausnahme war.
Noch heute verfolgt mich der Anblick eines verwaisten und wie verloren herumstehenden kleinen Kalbes, das ich mit schneller Kugel erlöste, um ihm die Qual einer in den meisten Fällen misslungenen Aufzucht zu ersparen. Da mir die Umstände der Tragödie doch verborgen geblieben wären, wollte ich mich auch nicht als Richter aufspielen und versuchte nach dem Motto: „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, darüber hinweg zu kommen.
Wobei wir es während des eigentlichen Ernteschutzes so gut wie nie mit weiblichem Wild, sondern ausschließlich mit Bullen zu tun hatten: Oft bessere Halbstarke, die satellitengleich im Umkreis von etwa 20 Kilometern die sogenannten „breeding herds“, Kühe, Kälber und heranwachsende weibliche Stücke, umkreisten und dabei in den Sog der verlockenden Mais- und Hirsefelder während der Milchreife gerieten. Wohingegen die alterfahrenen Kühe zu vorsichtig waren, sich mit ihrem teils noch wenig beweglichen Nachwuchs in die gefährliche Nähe der Menschen zu begeben.
Als sich herausstellte, dass der zunehmende Abschuss von „Shamba Raiders“ das Geschlechtsverhältnis ungünstig beeinflussen und keineswegs den aus dem Ruder laufenden Zuwachs eindämmen würde, begannen wir, Kühe zu erlegen. Dazu eignete sich besonders der sporadisch einsetzende Beginn der Regenzeit, wenn gefüllte Wasserlöcher und erstes frisches Grün schlagartig eine Abwanderung aus den „dry season concentration areas“ zur Folge hatten.
Wir konnten dann auch leichter fährten als auf dem harten Boden der staubdürren Trockenzeit, und wir versuchten, gezielt kleinere Herden zu bejagen und zahlenmäßig Strecke zu machen. Wobei es öfter als bei der Jagd auf Bullen zu kritischen Situationen kam. Auch wenn sie nicht führen, sind weibliche Elefanten agressiver als die Herren der Schöpfung, was bei anderen Gattungen ja auch vorkommen soll. Die zwei oder drei jährlich getöteten Game Scouts (bei 3.000 Abschüssen) gingen durchweg auf das Konto angreifender Kühe.
Besonders im dichten „Machaka“, wie die verwachsenen immergrünen Buschinseln im Miombo hießen, musste man aufpassen. Einmal hatte ich mehr Glück als Verstand, als ich mich in jugendlichem Leichtsinn bei einbrechender Dämmerung vorneweg pirschend mit „eingekniffenem Schwanz“ rückwärts verdrücken musste: Fast über meinem Kopf, ich glaubte im ersten Moment, es sei eine Python, senkte sich aus niedriger Baumkrone ein Elefantenrüssel zu mir herunter, als wolle er mir den Hut abnehmen. Da sah ich erst die dazugehörigen Umrisse der auf kürzeste Entfernung im dichten Laub sichernden Kuh; zum Glück blieb sie friedlich.
Da es um Reduktion ging, war man bemüht, Strecke zu machen. Als erstes galt es, die Leitkuh – falls sie nicht führte – durch Kopfschuss im Knall zu fällen. Die übrigen Stücke wussten dann zunächst nicht, was los war, und trollten nach einer längeren Schrecksekunde kopflos umher, die leblose Führerin umkreisend. Die Engländer nannten das treffend „milling around“: immer wieder verhoffend, boten sie so Gelegenheit zu ein oder zwei weiteren Abschüssen durch „bodyshots“. Mit Herzschuss wäre die Leitkuh bis zum Zusammenbrechen (nach 50 oder 70 Metern) davongestürmt, ebenso schnell und panikartig gefolgt vom Rest der Herde, sodass man keine sicheren Schüsse hätte anbringen können.
Das anfallende Wildpret wurde seitens der Regierung als Kompensation für die Flurschäden der proteinhungrigen Bevölkerung in den Tsetse-Gebieten überlassen und auch prompt genutzt.
Weiß der Teufel, wie schnell sich ein Elefantenabschuss herumsprach. Meist erschien schon wenige Stunden nach der Erlegung im Gänsemarsch eine lange Reihe Eingeborener (wahrscheinlich konnten sie sich auch an den hoch kreisenden Geiern orientieren), die Männer mit Äxten, Pangas (Macheten) und Messern, die Frauen wassergefüllte Kalebassen (Kürbisflaschen) auf dem Kopf – Plastikgefäße gab es noch nicht.
Der Elefant wurde freigegeben, sobald die Zähne herausgehackt und die Ohren (für Leder) abgeschärft waren. Nachts flackerten rund um das „Schlachtfeld“ die Lagerfeuer. Ein ausgewachsener Bulle war meist nach zwei Tagen bis auf die Knochen „abgenagt“, das in Streifen über stark qualmenden Feuern heißgeräucherte und gedörrte Fleisch zu langen, von den Frauen auf dem Kopf nach Hause getragenen Bündeln verschnürt.
Blieben Elefanten wegen zu weiter Entfernung oder vorherrschender Muslim-Bevölkerung (sie konnten ja nicht geschächtet werden) ungenutzt, „verluderten“ sie in unserem Sinne keinesfalls. Für zwei oder drei Wochen boten die Kadaver allem Raubwild vom Löwen bis zum Schakal sowie Geiern und Marabus willkommenen Fraß; das Schalenwild der weiteren Umgebung blieb während dieser Zeit verschont.
Das auf der Kontrolljagd anfallende Elfenbein stellte für die Regierung eine spürbare und sehr willkommene Einnahme dar, aus der das Game Department Ende der 60er Jahre jedoch keine Mittel mehr zum Ankauf von Munition erhielt.
Resultat: Ende der Kontrolljagd, Ende des Schutzes der Landwirtschaft, keine Einnahme mehr durch Verkauf der Stoßzähne. Eine Situation, die jedoch bald durch die hemmungslose Elefanten-Wilderei der 70er Jahre gegenstandslos werden sollte. „C’est l’Afrique“.
Bei der „Crop protection“ war eigene Lizenzjagd auf Elefant, Nashorn und Leopard, also Trophäen mit finanziellem Anreiz, untersagt, die Erbeutung anderen Wildes dagegen toleriert, wenn dadurch der Jagdablauf nicht litt.

 

Wenn nur Erinnerung bleibt

Noch heute läuft mir, obwohl ich ja eigentlich jenseits von „Gut und Böse“ sein müsste, das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an jenen rekordverdächtigen Buschbock am Mount Meru denke, der auf breit ausgetretenem Wechsel aufreizend lange vor mir stand. Aber die Losung der verfolgten Büffel war noch warm, sie mussten in unmittelbarer Nähe sein! Ich habe danach mehrere Wochenendsafaris vom nicht weit entfernten Mweka, dem Sitz der Wildhüterschule, diesem „Mbwawala“ gewidmet, ihn aber nicht wiedergesehen.

In zwei anderen Fällen war es nicht die Pflicht, sondern der Regen, der dafür sorgte, dass nur Erinnerungen geblieben sind: Auf dem Rückweg vom Malagarassi, an der Spitze meiner Trägerkolonne, verhoffte vor uns auf gute Schussentfernung ein pechschwarzer Rappenbulle am Rand einer Blöße, seine unglaublichen, bis zur Kruppe gekrümmten Hörner maßen sicherlich 45 Zoll (meine stärkste Sable hatte 41“). Dabei drei oder vier in wundervollem Kontrast zum Bock satt rot gefärbte weibliche Stücke. Aber noch ehe ich die 9,3 in den Händen hielt, brach ein derartiger Sturzregen herein, dass ich nur noch verschwommen das Korn, geschweige denn das abspringende Wild sehen konnte.

Als der Wolkenbruch nach einer halben Stunde wie abgeschnitten aufhörte, waren die Fährten ausgewaschen, die gegen den Wind „frei verloren“ gestartete Suche ergebnislos; eine längere Unterbrechung der Safari aus verschiedenen Gründen nicht möglich.
Ähnlich erging es mir mit einem „solitary bull buffalo“, dessen gewaltiger Boss die Auslage gering erscheinen ließen. Den hätte ich gerne gehabt! Dass mir erst noch die im Futteral steckende .458 gereicht werden musste, rettete dem Büffel, verbunden mit einem plötzlichen Platzregen, dem ersten der kleinen Regenzeit, das Leben. Wir haben noch Stunden gesucht, es sollte wohl nicht sein.
Wieder einmal die Quittung für meine Bequemlichkeit, auf dem Marsch die Büchse nicht selbst zu tragen. Man muss eben für alles im Leben bezahlen … Wie zum Hohn stießen wir am anderen Tag auf einen alten „Kill“, die Überreste eines mächtigen Bullen. Ob sie mir verdeutlichen sollten, dass die Löwen wohl doch die besseren Jäger waren?
Immerhin verdanke ich der Elefantenkontrolle sozusagen als zufälliges Nebenprodukt meinen stärksten Warzenschweinkeiler (16 Zoll), den ich 1959 an der Grenze von Burundi recht kunstlos vom Lager aus „waidgerecht zur Strecke bringen“ konnte.

Foto: Anno Hecker

Hansgeorg Arndt

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