High Noon – Hundeschlitten und Moschus-Ochsen

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Es ist kurz vor Mittag, auf den Schotterflächen des Flusses Pinguarsuup fallen Schüsse. Als das Echo des letzten verhallt ist, liegen vier gestreckte Moschus-Ochsen im Umkreis von 300 Metern und vier Jäger liegen sich in den Armen. Aber erst einmal der Reihe nach…

Captain to crew, ten minutes to landing.“ Der Airbus, von Kopenhagen kommend, über Island und die Südspitze Grönlands fliegend, fährt über dem Kangerlussuaq-Fjord die Landeklappen aus und schwebt zwischen nahen Bergen Richtung ehemaligem Stützpunkt der Amerikaner, der Sondrestrom-Air Base. Bodenkontakt, und dann setzt die Schubumkehr mit lautem Dröhnen ein. Die Maschine kommt zum Stehen, und wir, die Jäger aus Deutschland und Österreich aus der vierten von insgesamt fünf Jagdgruppen der Leserreisen von JAGEN WELTWEIT nach Grönland, sind fast am Ziel unserer Träume. Denn noch steht uns am nächsten Tag die Fahrt zum Camp bevor. Das Thermometer zeigt minus 14 Grad Celsius an.

Kangerlussuaq, was auf grönländisch „der große Fjord“ bedeutet, war bis 1992 eine US-Luftwaffenbasis und mauserte sich zum wichtigsten Zivilflughafen Grönlands, obwohl der Ort nur 1.800 Seelen zählt. Zum Vergleich: Auch die Hauptstadt Nuuk hat nur 14.000 Einwohnern, und das in einem Land, das flächenmäßig sieben Mal so groß ist wie Deutschland.

Im Gebiet von Kangerlussuaq sind zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts 27 Moschuskälber aus dem Nordosten Grönlands ausgesetzt worden. Weil hier im Südwesten des Landes weniger Schnee liegt und die Äsung deutlich besser ist, hat sich aus diesen 27 Kälbern ein heutiger Bestand von 8.000 bis 10.000 Stück Wild entwickelt. Der Outfitter Mathias hat eine jährliche Quote von 80 Bullen, die sowohl im Winter, als auch im Sommer bejagt werden.

Sieben Schlitten stehen am Morgen bereit, um uns ins Jagdgebiet zu fahren. Und das bedeutet: über 100 Schlittenhunde müssen angeschirrt werden. 60 Meter lange Eisenketten sind am Ladeplatz an beiden Enden fest im Boden verankert und im Abstand von ungefähr fünf Metern die Schlittenhunde paarweise angeleint. Vor lauter Vorfreude führen die Hunde ein unbeschreibliches Geheule und Gejaule auf.

Das Beladen der Schlitten und Einspannen der Hunde ist eine Wissenschaft für sich, doch unsere Gespannführer beherrschen diesen Vorgang mit gelassener Routine. Nach einer halben Stunde sind wir bereit zum
Aufbruch.

„Gebt mir Winter, gebt mir Hunde, den Rest könnt Ihr behalten!“ Dieser Ausspruch stammt von Knut Rasmussen, dem berühmten Polarforscher. Kein anderer hat die Inuit, wie sich die Eskimos selbst nennen, so genau studiert wie er. Wir müssen während dieser Jagdreise oft an Rasmussens Worte denken, geht doch von der arktischen Winterlandschaft eine Faszination aus, die jeden in ihren Bann zieht, der sich den Sinn für ursprüngliche Natur erhalten hat.

Bei einer Temperatur von minus 21 Grad Celsius und bedecktem Himmel zieht unsere Karawane, bestehend aus sieben Schlitten mit jeweils 12 bis 14 Hunden, in flottem Tempo los. Unterbrochen von zwei kleinen Teepausen geht es über zugefrorene Fjorde, vereistes Geröll und steile Hänge rauf und runter.

Unser Gespannführer dirigiert die Hunde durch Zuruf mit „ili, ili“ für rechts und „iuu, iuu“ für links. Reagieren die Hunde nicht so, wie sie sollen, hilft er mit einem gezielten Peitschenhieb nach.

Nach dreieinhalb Stunden erreichen wir unser Camp. Es liegt unterhalb eines mächtigen Felsrückens, am Rande eines meterdick zugefrorenen und verschneiten Sees und bietet einen Komfort, den man so nicht erwartet hätte: zwei mit Petroleum beheizte Zelte und eine Holzhütte im nordischen Stil, die als Aufenthalts- und Speiseraum dient.

Nach dem Auspacken und Einräumen der Zelte absolvieren wir mit steifgefrorenen Fingern das obligatorische Probeschießen mit den eigenen großkalibrigen Büchsen und den vorhandenen Waffen. Dies sind eine Ruger MK II im Kaliber .300 Winchester Magnum als Leihwaffe und Flinten sowie Kleinkalibergewehre, mit denen wir auf Schneehasen und Schneehühner pirschen wollen.

Die Kleinkalibergewehre schießen mit erstaunlich guter Präzision, obwohl sie aussehen, als ob sie zur Abholung für den Alteisenhändler bereit liegen, so rostzerfressen sind sie bereits. Jedes deutsche Beschussamt würde sich mit Vehemenz weigern, aus diesen Dingern auch nur einen Schuss abzugeben.

Kulinarisch werden wir verwöhnt. Zum ersten Abendessen gibt es Wildlachs. Zwei ausgewachsene Exemplare liegen tiefgefroren auf der Bank. Onu, einer der Inuit, hatte sie vor Wochen an einem Wasserloch gefangen. Mit einer Säge werden Scheiben abgeschnitten: in Butter gebraten eine Delikatesse.

Hansgeorg Arndt


Hansgeorg Arndt

Kasten:
Die Strecke der fünf Jagdgruppen
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Hansgeorg Arndt