Rauhes Jagen – Sauen in Neuseeland

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Wairarapa – glitzerndes Wasser – wird in der Sprache der Ureinwohner, der Maori, diese Gegend genannt: 1650 Hektar Wald, Buschland und Bergwiesen um das Farmhaus. Weit geht der Blick bis hin zu den glitzernden Fluten des Südpazifik. Und hier ziehen Rotwild und Sauen ihre Fährten

Siegfried Kursch
Man hat zu ihm sofort Vertrauen, zu Geoff, dem Boss der Mt. Adams Station. Der große, sehnige, über 60jährige Mann mit dem breiten Farmerhut strahlt eine gewisse Gelassenheit und Güte aus. Zumindest die Gelassenheit ist auch seinen Mannen, „Boys“, wie er sie nennt, zu eigen.

Mehrere Hunde und einige Pferde bewegen sich frei um das langgestreckte Farmhaus. Am langen Farmhaustisch, auf dem zur Selbstbedienung eine gepökelte Wildschweinkeule liegt, erzählt mir Geoff, dass er die intensive Weidewirtschaft aufgegeben hat. Mehr Waldbau ist sein Ziel. Bei den günstigen Witterungsbedingungen beträgt die Umtriebszeit der Kiefer (Pinus radiata) als Papierholz nur etwa 25 Jahre. Bei uns in Mitteleuropa liegt die Umtriebszeit der Gemeinen Kiefer immerhin bei 120 bis 140 Jahren. Daneben soll die Jagd hier auf dem Farmland in Zukunft ein weiterer Schwerpunkt werden.

Die Jagd wird in freier Wildbahn ausgeübt. Der Rotwildbestand ist im Aufbau; nur vereinzelt werden Hirsche erlegt. Der Sauenbestand ist gut: viele Wechsel in den Hängen, vorhandene Suhlen und überall Stellen, an denen die Schwarzkittel gebrochen haben. Fährten, auch von groben Keilern, konnte ich während meines sechstägigen Aufenthaltes genügend ausmachen.

Auf der Nordinsel von Neuseeland, etwa fünf Autostunden über Schotterpisten von Wellington entfernt, liegt das Farmgebiet der Mt. Adams Station. In Mittelgebirgslage bis zu 664 Meter über dem Meer: mit etwa 15 Prozent Wald, 15 Prozent Grasland und 70 Prozent Buschland ein ideales Jagdgebiet. Von der höchsten Erhebung, dem Mt. Adams, geht der Blick bis zum nahen Südpazifischen Ozean.

Berg an Berg reiht sich aneinander, mit steilen Hängen und tiefeingeschnittenen, engen Tälern. An ihren Sohlen verlaufen, von Findlingen aller Größen übersät, glasklare Creeks. In ihrer Nähe findet man noch den typisch neuseeländischen Wald mit seiner Pflanzenvielfalt. Mächtige Solitärbäume, Baumgruppen, Strauchwerk und Schlingpflanzen. Am Boden siedelt Farn.

Die Pungas, die Baumfarne mit ihren ausladenden Farnwedeln, wachsen auf Stämmen und geben dem Ganzen eine fast tropische Note. Der Silberfarn, ebenfalls ein mächtiger Baumfarn, ist ein Symbol Neuseelands. Oberhalb an den Hängen fast undurchdringbarer Manuka-Busch. Dieser wird von einzelnen Baumriesen überragt.

Die Jagdausübung ist wegen der Weite und der steilen, dichtbewachsenen Hänge nicht einfach. Nur eine gut eingejagte Hundemeute und ein konditionsstarkes Jägerteam sichern den Jagderfolg. Für das Rotwild plant Geoff die Anlage von Wildwiesen, eingestreut in die Hänge. Hochsitze sind unbekannt.

Einzelgänger
Der neuseeländische Jäger ist ein reiner Fleischjäger. Mit Büchse und seinen Hunden, zweckmäßig, sportlich gekleidet, geht er der Jagd nach. Man liebt keine großen Jagden. Der Neuseeländer ist ein Einzeljäger: Höchstens noch ein guter Freund oder ein Familienangehöriger begleiten ihn. Der Staatswald, oft noch Urwald, steht jedem zur Jagd berechtigten Neuseeländer offen. Wahlabschuss und Schonzeiten sind unbekannt. Was zählt, ist der Jagderfolg.

Auf einem „Jagdmarkt“ in Martinborough, direkt neben einem Pub, wird das von den Farmern der Umgebung erlegte Wild öffentlich zur Schau gestellt. Prämiert wird unter dem Beifall der Zuschauer das stärkste Stück jeder Art: also dasjenige, welches das „meiste Fleisch“ liefert. Das Alter des Wildes, das Geschlecht oder gar die Trophäenstärke haben in keiner Weise Einfluss auf die Prämierung.

Hirsch statt Keiler
Es will nicht so recht klappen. Die Hunde suchen im Hang, ohne jedoch auf einen Keiler zu stoßen. Nach und nach kommen sie hechelnd zurück und legen sich auf dem Weg neben uns ab. In diesem Hang hat sich also nicht der Keiler eingeschoben, dessen Trittsiegel oben im Erdweg stehen. Sicher ist er über Nacht weitergezogen.

Von Hunden hochgemacht, bricht ein Hirsch in etwa 20 Meter Entfernung vor mir aus dem Hang auf den Weg, flüchtet kurz direkt auf mich zu, nimmt mich wahr und wechselt hochflüchtig wieder hangaufwärts in die Dickung ein. Der vordere Wildkörper ist bei der Schussabgabe bereits schon wieder von Büschen verdeckt. Waidwund trifft ihn das Geschoss.

Hätte ich doch nur den Finger gerade gelassen, geht es mir durch den Kopf. Schon folgen drei Hunde der Fluchtfährte des angeschweißten Hirsches. Die Hatz geht jetzt hangabwärts. Für mich nicht mehr sichtbar, jedoch akustisch recht gut zu verfolgen. Flüchtig sehe ich noch unterhalb im Hang das Haupt des Hirsches. In seinen kurzen Geweihstangen hat sich Strauchwerk verfangen.

Jetzt kommt unten vom Creek Standlaut der Hunde. Zwei Neuseeländer Jäger sind eilig hangabwärts unterwegs. So schnell kann ich nicht folgen. Unten angekommen, ist der Sechser bereits verendet. Im Bachbett hatte sich der waidwunde Hirsch der Meute gestellt.

Endlich Sauen
Die Sauen kann man in diesem Gelände nicht drücken. Zu dicht und zusammenhängend sind die schneisenlosen Berghänge. Schneidige Kerle sind gefragt, sowohl bei den Jägern als auch bei den Hunden. Einzelne Sauen werden von den erfahrenen, kräftigen Hunden gesucht, gestellt und gehalten, bis die Jäger sich herangearbeitet haben.

Aus kurzer Distanz wird der Schuss angetragen, oder in den meisten Fällen, um die an der Sau hängenden Hunde nicht zu gefährden, wird das Wild mit der blanken Waffe abgefangen – rauhe Sitten. Die Saujagd ist also meistens keine Einzelaktion des Jägers, sondern Teamarbeit.

Nur mit meiner Kamera „bewaffnet“, folge ich Clinton und Rob durch die dichten Manuka-Sträucher hangabwärts. Weiter unten geben die Hunde Laut. Eine Sau klagt. Schnell sind wir am Ort des Geschehens. Rob fängt den 45 Kilogramm schweren Überläufer, der von zwei starken Hunden an den Tellern gehalten wird, ab. Mit dem vor Ort aufgebrochenen Stück auf dem Rücken geht es die 150 Meter hangaufwärts durch dichten Busch bis zum Weg. Noch eine zweite Sau kommt heute zur Strecke.

Wind ist aufgekommen. Seitlich des Weges halten wir Lunch. Über dem Feuer in der Pfanne brutzeln einige Bratwürste. Der obligatorische Tee ist bereits aufgebrüht. Unter uns auf dem abfallenden Erdweg verhofft ein Rothirsch. Breit steht der Zehnender, stark im Wildbret. Ein erhabener, leider zu kurzer Anblick.

Der Urian
Zusammen geht es mit den Hunden in den Steilhang. Zwischen vereinzelt stehenden Jungkiefern liegt Totholz. Farne haben es überwuchert. Mannshohe Manuka-Büsche vor uns. Unterhalb von uns gibt ein Hund laut. Garry, der Farmerssohn, sieht ihn zuerst. Weiter unten, auf einer kleinen Anhöhe im gelben Gras, verhofft ein schwarzer Klumpen, ein Keiler. Thomas reicht mir seine Büchse. Verdammt! Ich kriege den Keiler nicht ins Zielfernrohr. Der Abstand des Zielfernrohres zu meinem Auge passt nicht. Jetzt kommen die Hunde, weiter geht die Hatz. Diese Chance ist vertan. So rettet der Keiler seine Schwarte. Nach drei Tagen Jagd sind die Hunde zu müde. Sie können den Keiler nicht stellen.

Tags darauf stoßen die Hunde in der Dickung auf einen etwa vierjährigen Keiler. Es geht hart zur Sache und nicht ohne Blessuren ab. Mit zwei neuseeländischen Jägern bin ich unmittelbar am Ort des Geschehens. Sechs eingespielte Hunde halten den Keiler am Platz. Im passenden Moment erhält er aus kurzer Distanz den Schuss.

Am letzten Jagdtag machen die Hunde weiter unter uns wieder ein Stück Schwarzwild hoch. Im Gegenhang sehen wir für einen Augenblick an einer lichten Stelle einen groben, graufarbenen Keiler. Trotz aller sofort eingeleiteten Aktivitäten ist ihm in diesem Gelände nicht beizukommen. Lediglich die großen Trittsiegel seiner Fluchtfährte können wir bestaunen – wahrhaft ein „Big Monster“.

Abschied
Jagd vorbei. Mit Geoff und seinen Jägern stehe ich vor dem Farmhaus. Der Blick geht hoch zum Mt. Adams. Auf einer kleinen Lichtung im Gegenhang sind mit bloßem Auge zwei Stück Rotwild auszumachen. Sie äsen in der Abendsonne. Auch bei den Hunden ist nun Ruhe. Sie warten geduldig auf die wohlverdiente Futterration.
So schnell werde ich sie gewiss nicht vergessen, die Tage in Neuseeland auf der Mt. Adams Station, die urige Landschaft, die freundlichen Menschen und die rauhen Sitten bei der Jagd.