Rothirsch-Pirsch in den südlichsten Alpen

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Jagen auf sich allein gestellt und das Ganze am anderen Ende der Welt. 2 junge Jäger erfüllten sich diesen Traum und wurden belohnt. Von Michael Rubner

(Fotos: Michael Rubner)

Nur wenige Meter trennen uns vom nächsten Hügel. Von dort aus sollten wir ihn sehen: den König der neuseeländischen Südalpen. Mit jedem Schritt durch das kniehohe Alpengras erhöht sich unser Pulsschlag. Nach all den Strapazen und Enttäuschungen sind wir endlich hautnah am Ziel unserer Träume.

Die Zeit wird knapp. Die Schatten vor uns werden immer länger. Bald wird der Wind drehen und uns an den Hirsch unter uns verraten. Diese letzte Chance wollen wir nutzen! Es ist der Traum eines jeden Bergjägers, einmal dieses wilde, größtenteils unbewohnte und -bewirtschaftete Land zu bejagen. Nach Abschluss unseres Studiums wollten wir uns diesen Traum erfüllen – unmittelbar vor dem Eintritt ins Arbeitsleben schien uns der richtige Zeitpunkt gekommen. Wir waren auf der Suche nach dem wahren Abenteuer, ohne Jagdführung, ganz auf uns gestellt. Facebook war dabei eine wichtige Hilfe. Ohne dieses Netzwerk wären viele wertvolle Freundschaften zu den Einheimischen, den Kiwis, nie entstanden, und folglich hätte sicher auch unser Jagderfolg darunter gelitten.

Nun befanden wir uns an der Westküste, dem grünsten Teil der Südalpen – bekannt für seine unendlichen Urwälder, die kristallklaren Bäche. Einheimische Jäger hatten uns diese Gegend für die Rotwildjagd empfohlen.

Strich durch die Rechnung

Im April findet die Hirschbrunft statt, Höhepunkt auch im Jagdjahr der hiesigen Jäger. Einige Wochen hatten wir bereits vergeblich einigen starken und reifen Recken nachgestellt.

Traumhaftes Jagdwetter, wie auf diesem Bild, war bei der beschriebenen Jagdreise selten. Es schüttete teils tagelang

Das Wetter hatte es aber nicht gut mit uns gemeint. Die Region ist bekannt für ihre Wetterkapriolen sowie die heftigen Regenfälle. Gewitter, Blitz und Regen standen an der Tagesordnung und hinderten uns am Jagen. Die ersten Tage der Brunft verbrachten wir in der Nähe des Franz Joseph Glacier.

Charakteristisch für diese Gegend sind die tiefen Urwaldtäler, die in das Herz der Südinsel führen. Die Bestände gleichen Tropenwäldern mit einer Vegetation, die normalerweise in der Nähe des Äquators zu finden ist. Bäume, eingehüllt in dichtes, dunkelgrünes Moos und behangen von langen Lianen, erschwerten die Pirsch. Eine Vielzahl kleine Singvögel waren unsere Begleiter auf den langen Märschen. Die Tage vergingen. Wenige Male ging`s in die umliegenden Berge. Aber meist saßen wir zu Hause bei Mike, lasen und warteten hoffnungsvoll auf eine Wetterbesserung. Nur selten vernahmen wir das Orgeln eines Hirsches.

Mit jedem weiteren Tag wurde die Hoffnung kleiner, einen dieser Berghirsche zu erlegen. Laut Wettervorhersage sollte sich jetzt noch eine letzte Möglichkeit mit einem stabilen sonnigen Wochenende ergeben, bevor die Brunft endgültig zu Ende ging. Mike McClunie, der Sohn der neuseeländischen Jagdführerlegende Dave McClunie, den wir über Facebook kennengelernt hatten, zeigte sich bereit, uns in eines seiner Urwaldtäler, dem Makanui Rivervalley zu begleiten. Mike ermunterte uns: In den nächsten Tagen würden beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Hirschjagd bestehen, mit sonnigem Hochdruckwetter und kühlen, klaren Nächten.

Der Boden leuchtete silbrig glitzernd vom Morgenfrost, und auf der Haut spürten wir die feuchtkalte Luft, die sich nur allmählich erwärmte. Das Tempo war hoch. Einige Male stoppte Mike und erzählte von seiner Jugend. Damals verbrachte er viele Sommer in diesem Tal, stellte Opossums nach und sammelte Moos, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Noch heute fangen viele Kiwis Opposums der Felle wegen, die sie dann für 150 Dollar pro Kilogramm verkaufen.

Dieser Marsch war wahrhaft abenteuerlich. Wir überquerten eiskalte Bäche, wateten teilweise bis zur Hüfte durch Wasser, pendelten über Hängebrücken, die über reißende Flüsse führten, und stiegen fast senkrecht durch dichte Wälder bergauf. Endlich erreichten wir müde und erschöpft die Anhöhe.

Augen zu und durch: Die anhaltenden Regenfälle sorgten für steigende Wasserpegel. So standen die Jäger oft bis zur Hüfte im Wasser

Mein Blick auf den gegenüberliegenden Bergrücken ließ mich augenblicklich erstarren. Inmitten der steil abfallenden Felsen entdeckte ich einen roten Fleck. Der Blick durchs Fernrohr bestätigte meine Vermutung: ein schwacher Sechser. Dieser Anblick verlieh uns Flügel. Wir pirschten langsam dem Steig entlang und suchten nach einer Stelle für unsere Zelte.

Ratzfatz hatten wir alles vorbereitet und gingen oberhalb der Lichtung in Stellung. Es waren wohl schon einige Stunden vergangen, als plötzlich ein starker Trenzer die Stille durchbrach. Uns stockte der Atem. Schnell brachte ich die Kamera in Position, und Sebastian machte sich für einen weiten Schuss bereit. Wir vermuteten, dass der Hirsch am stark angenommenen Wechsel austreten würde, der die Lichtung querte. Doch es passierte nichts. Es war wahrscheinlich einer jener alten Hirsche, der bereits schlechte Erfahrungen mit Jägern gemacht hatte und entsprechend vorsichtig geworden war.

Wir wollten bereits zum Lager zurückkehren, als ich hinter uns ein Geräusch vernahm. Wild war im Anmarsch. Ich guckte zu Sebastian, der das Geräusch ebenso wahrgenommen hatte und sich hastig in Schussposition brachte. Schon traten Alttier sowie Kalb vorsichtig aus dem Dickicht und ästen junges Gras. Die Hoffnung auf einen nachfolgenden Hirsch wurde durch die hereinbrechende Dunkelheit zunichte gemacht. Mit Jagderzählungen am Lagerfeuer verkürzten wir uns die Zeit bis zum nächsten Morgen. Beim Frühstück berichtete uns Mike von einer Hütte oberhalb der Baumgrenze, gut 2 Stunden entfernt. Die Gegend dort oben war bekannt für einen guten Bestand an Gamswild. Eine Gams als angemessene Entschädigung für eine erfolglose Hirschjagd – keine schlechte Idee!

Entschlossen traten wir den Aufstieg an, während Mike aus Arbeitsgründen die Heimreise antrat. Oben angelangt, wurden wir mit einem unglaublichen Panorama belohnt. Ein Ausblick, der uns das Meer und die Gletscher gleichzeitig bot. Nachdem wir für einige Zeit die herrliche Mittagssonne genossen hatten, hielten wir nach Gemsen Ausschau. Tiefblau und wolkenlos präsentierte sich der Himmel. Zu unserer rechten Seite das hellglitzernde Meer und die dunkelgrünen Hügel sowie Täler, links eine mächtige Gebirgskette mit gewaltigen Tälern, die höchst selten ein Mensch betritt.

In diesem Gelände ist jedes Gramm weniger, was der Jäger zu tragen hat, Gold wert. Gute Ausrüstung ist deshalb Pflicht!
Bei einer Wildnisjagd in Neuseeland muss der Jäger auf Komfort verzichten. Zelte dienen als Behausung

Plötzlich stürmte Sebastian wild gestikulierend daher. Er war gerade dabei gewesen, einige Fotos zu schießen, als er das Melden eines Hirsches vernahm. Jetzt hörte auch ich den Hirsch röhren. Er war offensichtlich unter uns, konnte aber auch auf der anderen Talseite sein, wo ein Angehen unmöglich war. Wir mussten uns Klarheit verschaffen und pirschten langsam gegen die Baumgrenze hinunter. Suhlen und tiefe Rotwildwechsel im kniehohen Almgras verrieten uns die Anwesenheit von Rotwild.

Dies war eine unerwartete Entdeckung. Unerwartet deshalb, weil sich in Neuseeland kaum Rotwild oberhalb der Baumgrenze befindet. Denn dort wird es leichte Beute von Helikopterjägern. Deshalb hat sich das Rotwild immer mehr in die dichten, schützenden Urwälder zurückgezogen. Wir näherten uns einer Anhöhe, von der aus wir uns einen besseren Ausblick auf das darunterliegende offene Gelände erhofften.

Kurz nach dem letzten langgezogenen Röhren sahen wir ihn: majestätisch lag er auf einem Felsvorsprung und döste in der Abendsonne. Die Entfernung betrug rund 300 Meter. Unser japanischer Repetierer hatte jedoch noch nicht unser Vertrauen. So entschlossen wir uns fürs Anpirschen. Nun mussten wir uns beeilen. Gut gedeckt von Hügeln rannten wir in Richtung des Hirsches. Es war nicht mehr weit. Wir ließen die Rucksäcke zurück, um noch vorsichtiger und konzentrierter in die Nähe des Hirsches zu gelangen.

Endlich am Hirsch

Und dann sahen wir ihn aus der Nähe. Einzig das mächtige Haupt und die dunklen langen Stangen ragten aus den hohen Berggräsern. Die letzten Sonnenstrahlen verstärkten den majestätischen Anblick.

Ungläubig beäugt der Autor die linke Stange des Hirsches. Mit dem 2. Schuss schoss Jagdfreund Sebastian dem Hirsch die Stange ab

Es sollte Sebastians 1. Hirsch sein. Wir mussten uns beeilen. Das Licht wurde knapp. Im Laufen kontrollierten wir ständig den Wind. Vorsichtig blickte Sebastian über die Kante und sah den Hirsch kaum 80 Schritte vor uns. Das hohe Gras behinderte die Schussabgabe. Hastig versuchten wir, einen Bergschuh darunterzuschieben, was jedoch auch nicht das gewünschte Ergebnis brachte. Plötzlich wurde der Hirsch hoch. Der Wind musste sich gedreht haben. Nun ging alles sehr schnell. Sebastian versuchte, freihändig dem Hirsch die Kugel aufs Blatt zu setzen. Die Aufregung schien sich auf den Gewehrlauf zu übertragen, als endlich der Schuss brach. Der Hirsch zeigte keine Reaktion und äugte brettlbreit verhoffend in unsere Richtung.

Mit einem Hirschruf stoppt der Autor den ziehenden Geweihten. So kann der Jagdfreund endlich schießen

Sebastian repetierte durch, zielte erneut. Statt des erhofften Knalls ertönte ein metallisches „Klack“ – Versager. Zu allem Überfluss steckte eine Patrone im Magazin fest. Sebastian zitterte wie Espenlaub und lud nur mit größter Mühe eine Patrone nach. Nun wurde es dem Hirsch doch zu bunt. Er zog zügig dem Tal zu. Wir eilten auf die nächste Anhöhe und sahen den Hirsch im flotten Troll halbspitz von uns wegziehen. Der schnell hingeworfene Schuss ließ den Recken zusammenzucken. Die Kugel hatte offensichtlich ihr Ziel getroffen. Wo saß der Schuss? Unfassbar: Sebastian hatte dem Hirsch tatsächlich die linke Stange abgeschossen. Wenige Meter, und der Hirsch würde hinter der Kante verschwinden.

Mein lauter Trenzer ließ den Hirsch verhoffen und zum vermeintlichen Herausforderer zurückäugen. Im nächsten Knall brach der Hirsch mit Trägerschuss zusammen. Was für ein unbeschreiblicher Moment! Nach all den beschwerlichen Pirschgängen, den Strapazen, den widrigen Witterungsbedingungen und kurz vor dem Aufgeben, standen wir nun gerade mal 80 Meter von unserem Traumhirsch entfernt. Langsam näherten wir uns dem Gestreckten. Ein leichter Brunftgeruch lag in der Luft. Fast kitschig grüßten uns die Berggipfel an der anderen Talseite im letzten Abendrot. Es war wie im Traum. Vor uns lag ein starker Berghirsch mit spitzen weißen Enden, pechschwarzen und wunderbar geperlten Stangen.

Allein das Pirschen ist ja schon anstrengend genug. Für das Wildbergen muss der Hirsch noch im Gelände zerlegt werden
Welch ein Ausblick! Mit diesem traumhaften Abendrot werden die Jäger nach anstrengendem Aufstieg belohnt

Reisetipps

Ausrüstung: Wegen der langen Märsche, dem wechselhaften Wetter und teils steilem Gelände ist eine gute Bekleidung zwingend erforderlich. Sie sollte leicht und wasserfest sein. Dicke warme Socken für die Nacht sind notwendig, da die Bergschuhe meist nass sind. Zelt und guter Schlafsack sind sehr wichtig und sollten leicht sein

Reisezeit: Die beste Zeit, um auf Rothirsche zu jagen, ist im Frühjahr in den Monaten März und April

Kosten: Ein Jagdschein, den man mit gültigem europäischem Jagdschein online vorbestellen kann und dann im Polizeiamt abholt, kostet rund 25 Euro. Mit diesem Papier darf der Jäger das gesamte „Public Land“ (ca. 80 Prozent) von Neuseeland auf Schalenwild bejagen

Organisationstipps: Es gibt nur sehr wenige Jagdführer an der Westküste Neuseelands, die Gäste auf Rothirsche führen, da es teils schwierig ist. Daher ist es empfehlenswert, seine gesamte Jagdreise mit Informationen aus dem Internet und Büchern selbst zu organisieren. An der Ostküste findet man leichter Guides, die Jagdgäste führen MR