Riesen vom Äquator

1617


Die Krönung der Saujagd in Afrika ist sicher die Pirsch auf das Riesenwaldschwein, zu Ehren seines Entdeckers, Colonel Meinertshagen, Hylochoerus meinertshageni genannt

Von Dr. K.-H. Röttcher

Riesenwaldschwein
Starke Wülste und Waffen: Ein Riesenwaldschwein in der Suhle.
Meinertshagen war Anfang des Jahrhunderts mit der Britischen Armee in Kenia stationiert.
Er war begeisterter Jäger und noch bekannter als Ornithologe. In seinem Buch „Kenia Diary 1902 – 1906″ beschreibt er die Entdeckung des „Giant Forest Hog“.
Am 11. März 1904 auf einer Patrouille am Mt. Kenia schoß einer seiner Leute ein bis dahin unbekanntes großes weibliches Schwein.
Auffallend waren die „langen schwarzen Haare“. Nur einen kleinen Teil der Schwarte konnte Meinertshagen retten.
Den am Berg lebenden Kikuyu war das Tier als Numirra durchaus bekannt. Am 22. Juni 1904 gelang es dann dem unermüdlichen Jäger im Nandi Forest in Kenia, eine Bache auf 40 Meter in dichtem Busch zu erlegen.
Schwarte und Schädel schickte er an das Britische Museum in London, und damit wurde das Riesenwaldschwein als eines der letzten großen Säugetiere der westlichen Wissenschaft bekannt.
Das Riesenwaldschwein kommt im äquatorialen Afrika nördlich bis Äthiopien, in einigen westafrikanischen Ländern und hauptsächlich im Kongobecken vor. In Kenia können die Schweine in den Aberdares vom Tree Tops Hotel und noch besser vom Hotel Ark aus am späten Abend beobachtet werden.
Neben dem Bestand in den Aberdares kommen die Sauen am Mt. Kenya und im Nandi Forest vor. Aus Tansania liegen aus neuerer Zeit keine bestätigten Beobachtungen vor. Der dichte tropische Bergwald als typischer Lebensraum ist zum Beispiel am Mt. Meru und Mt. Hanang vorhanden.
Gerüchten nach könnten sie dort immer noch existieren.
Zum Leben benötigen die Riesenwaldschweine unzugängliche Walddickichte und dazu das ganze Jahr reichlich Grünpflanzen als Fraß.
Deshalb findet man sie entweder in heißen Regenwäldern, in Flußniederungen oder kalten Berg- und Bambusdickichten. Notwendig sind kleine Lichtungen mit reichlich Fraß. Sie brechen nicht oder nur ganz oberflächlich nach Wurzeln, aber nicht wie die europäischen Sauen nach Mäusen und Würmern. Früchte und Beeren nehmen sie dagegen auf.
Sie leben in Rotten von etwa sechs bis zehn Sauen: gewöhnlich eine Bache mit Frischlingen und Überläufern und fast immer ist ein Keiler dabei. Keiler werden aber auch allein angetroffen.
Der Autor hat in den Aberdares oft Kessel von mehreren Metern Durchmesser im dichten Bambus gefunden, gewöhnlich am Fuße eines großen Baumes oder Steilhanges. Ganze Berge von Losung waren dicht dabei zu finden, und tunnelartige Wechsel führten ins Freie oder zu Suhlen.
Die meisten Sauen wurden von mir im Freien auf Graslichtungen beim Äsen nicht frühmorgens oder in der Abenddämmerung, sondern fast immer morgens zwischen acht und zehn Uhr und nachmittags zwischen 16 und 18 Uhr beobachtet.
Die meisten meiner Keiler wurden in diesen Zeiten, oft bei hellem Sonnenschein, erlegt.
Keiler werden bis über 500 Pfund schwer, normalerweise liegen die Gewichte aber um 4oo bis 450 Pfund.
Sie sind schwarz mit langen Borsten. Das auffallendste ist der urige Schädel mit riesigen Wülsten vor und unter den Lichtern und einer tiefen Delle von mehreren Zentimetern auf der Stirn.
Das Gewaff zeigt nach hinten, nicht nach oben wie bei anderen Sauen. Vielleicht hat dies mit der Lebensweise im dichten Busch zu tun.
Bei der Jagd auf das Riesenwaldschwein wird es sich meistens um eine vorsichtige Pirsch handeln: entlang von kleinen Wasserläufen, am Rande von Lichtungen und Grasflächen.
In entsprechenden Jagdgebieten – Kenia ist ja leider geschlossen – läßt sich die Pirsch oft mit der Büffeljagd verbinden. Die Büffel sind morgens früher und abends später aktiv als die Sauen.
Die Schussentfernungen liegen fast immer unter 50 Metern. Ein Zielfernrohr halte ich für unpraktisch. Ein offenes V-förmiges Visier mit kleinem, runden Korn ist ideal. Beim breit stehenden Keiler sollte der Schuß vorn über dem Vorderlauf sitzen.
Als Kaliber kommen alle über acht Millimeter in Frage. Die Geschosse sollten nicht zu leicht sein. Ich habe meine Keiler mit der .375 H&H Magnum und einem 19,7 Gramm schweren Teilmantelgeschoss erlegt.
Die Schussentfernungen betrugen zwischen sechs und 75 Metern. Die größte Fluchtentfernung war 30 Meter. Die meisten Sauen lagen am Anschuß. Wenn man bedenkt, was eine längere Safari kostet und dass der Jäger praktisch nur einmal eine Chance zum Schuß bekommt, rate ich dringend zu einem Kaliber wie .375. Dies reicht dann auch zur Not, wenn man einen Büffel schießen will.
Das größte Riesenwaldschwein im Buch der „Records of Big Game“ von Rowland Ward hat eine Hadererlänge von 14 1/8 Inch. Alle Sauen mit Haderern über acht Inch sind als kapital zu bezeichnen und kommen in das Rekordbuch.
Das Engerwerden der Haderer an der Basis ist ein Zeichen zunehmenden Alters.
Mein erstes Riesenwaldschwein habe ich 1968 in den nördlichen Aberdares in Kenya im damaligen Jagdblock 80 geschossen.
In Höhenlagen von 2500 bis 3500 Metern finden sich dort dichte Bambusdickichte und Lichtungen mit hohem Gras auf oft feuchtem Untergrund. Die Berghänge fallen steil ab zu Tälern mit kalten, klaren Bächen.
Das Gehen ist schwierig und fast nur auf den breit und tief ausgetretenen Büffel- und Elefantenwechseln möglich.
Damals gab es hier neben Elefanten und vielen Büffeln noch Busch- und Wasserböcke, Elands und viele Nashörner. Leoparden konnte ich mehrfach beobachten und einige Male den scheuen Bongo. Nur ein Riesenwaldschwein hatte ich trotz vieler Pirschen nie zu Gesicht bekommen.
Eines Nachmittags kam ich auf einer Büffelpirsch aus dem Wald heraus in ein großes, offenes Tal mit bis zu einem Meter hohen Grasbüscheln. An einer kleinen Felsengruppe neben einer Suhle hielt ich an. Überall hatten Elefanten frische Scheuer- und Lehmspuren an den runden Felsen und alten Bäumen hinterlassen. Der typische Geruch hing noch in der Luft.
Im Hang über mir entdeckte ich einen einzelnen, dunklen Klumpen, den ich zunächst für einen Büffel hielt. Irgendwie sah er aber zu rund und zu „kopflos“ aus. Vorsichtig kletterte ich durch den eiskalten Bach im Talgrund und zwischen den Grasbüscheln den Hang hoch. Der Wind war gut, und ich hoffte, keines von den häufigen Frankolinen hochzumachen. Sie hätten mit ihrem Gezeter alles Wild gewarnt.
Als ich auf etwa 70 Meter an den Klumpen heran war, konnte ich von einem kleinen, bewachsenen Buckel recht gut sehen. Es war ein großes Schwein. Das Gewaff konnte ich gut ausmachen, obwohl es im Vergleich zum Körper klein wirkte.
Auf den Gedanken, dass es kein Keiler sein könnte, kam ich erst gar nicht. Als die Sau einigermaßen frei und breit stand, schoss ich, auf einem Stein hockend, mit meiner .375 über Kimme und Korn schräg den Hang hinauf.
Im Lauf hatte ich immer ein Teilmantel- und darunter im Magazin ein Vollmantelgeschoss geladen. Im Schuß war die Sau im hohen Gras verschwunden.
Langsam und bereit, noch einmal zu schießen, ging ich zum Anschuss. Ich konnte es kaum fassen. Da lag mein erster Riesenwaldschweinkeiler. Verglichen mit einem Warzenschwein oder einer Sau zu Hause war er schon riesig.
Schöne, dicke Haderer mit herrlicher brauner Zeichnung hatte er und einen massigen Wurf. Beiderseits vor und unter den Lichtern waren eigenartige graue, wurstartige Wülste und in der Mitte der Stirn eine tiefe Delle.
Ich lüftete ihn, so gut ich konnte und legte ein Taschentuch und die abgeschossene Hülse auf ihn.
Damals glaubte ich noch, dies würde Hyänen abschrecken. Da begann es zu dämmern, und ich machte mich auf den langen Weg auf einem Elefantenwechsel durch das Tal und den Bach und dann den Steilhang durch den Wald zum Zelt.
Mehrfach lagen dicke Bäume quer über den Pfad, aber durch die vielen tausend Hufe von kreuzenden Büffeln waren die Stämme tief V-förmig aufgeschliffen und brauchten nicht überklettert zu werden. Trotzdem wurde mir in der Höhe der Atem knapp.
Dann hörte ich rechts von mir Elefanten äsen. Mit knallendem Krachen brachen sie den Bambus ab, dann Rauschen, Stille. Ganz anders die Nashörner, die ein knurpsendes Geräusch veranstalteten, oder Büffel, die immer viel mehr Lärm machten.
Beim Zelt flackerte ein Feuer. Mein Bruder Dieter, der zu der anderen Seite gepirscht war, war genauso aufgeregt wie ich, als er meinen Bericht hörte. Auch er hatte bis dahin noch nie ein Riesenwaldschwein geschossen.
Am nächsten Morgen, im ersten Licht, stiegen wir flott ins Tal ab, wieder durch den Bach und zum Anschuss hoch. Ich hatte mir genau gemerkt, wo die Sau liegen musste: die großen Bäume am Waldrand, die Felsengruppe mit der Suhle. Aber wir konnten die Sau nicht finden.
Schließlich fand ich die Stelle, wo sie gelegen hatte. Da war Schweiß auf flachgedrücktem Gras und mein Taschentuch. Aber mein Keiler war weg. Schräg zum Wald hoch entdeckten wir eine deutliche Schleifspur. Diese führte zu einem dicken, alten Baum, und in einer Astgabel, etwa in zwei Meter Höhe, hing der Keiler.
Tiefe Kratzspuren hatte der Leopard in der Baumrinde hinterlassen. Was für eine Kraft, die er haben musste. Der Keiler war angeschnitten, wog aber sicher noch weit über zwei Zentner.
Mit großer Mühe wuchteten wir ihn aus der Astgabel und zurück auf den Boden. Wie gut, dass der Leopard kein Interesse an den Waffen gehabt hatte. Der Schädel war unberührt.
Er war gewaltig schwer, wie ich feststellten musste, ehe ich ihn sicher beim Zelt hatte. Dieter war beladen mit Rücken- und Lendenstücken. Der Rest blieb dem Leoparden.
Beim Buchen einer Jagd auf das Riesenwaldschwein muß der Jäger sicher mit drei Wochen oder mehr rechnen.
Eine Kombination mit der Jagd auf Büffel, Buschbock und Wasserbock und eventuell sogar Bongo ist anzuraten: alles Wildarten, die in den selben Waldgebieten wie das Riesenwaldschwein leben. Dies wird die Jagd interessanter, natürlich auch teurer machen. Veranstalter und Berufsjäger sollten unbedingt entsprechende Erfahrung besitzen.
Ein Blick in den Rowland Ward zeigt, dass die meisten Trophäen aus Kenia stammen. Einige gute Waffen kommen aus Äthiopien, Ghana, Kongo und anderen westafrikanischen Staaten.

Foto: Dr. K.-H. Röttcher

Hansgeorg Arndt

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