Mit Warzen und Pinseln

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Meine erste Afrika-Jagdreise führte mich Ende 1976, kurz vor der Verhängung des Jagdverbots, nach Kenia. Damals fasste mein Berufsjäger Nahasha Sindiyo seine Erfahrungen mit den jagdlichen Hoffnungen der Deutschen wie folgt zusammen: „Deutsche Jäger interessiert in Afrika vor allem zweierlei. Sie wollen einen Büffel und einen dicken Warzenkeiler schießen.“ Heute weiß ich, der Mann hatte recht!

Von Redaktion JWW

Warzenkeiler
Ungewöhnlich ist das Verhältnis der starken Waffen zur Körpermasse eines Warzenkeilers.
Mit einem Warzenschwein hat für viele Jäger die Faszination der Jagd unter dem Kreuz des Südens begonnen.
Allein nach Namibia zieht es jedes Jahr ein paar hundert Jäger, bei denen der Keiler ganz oben auf der jagdlichen Wunschliste steht. Und ich kenne manchen Waidmann, der einen Kudu auf der Pirsch Kudu sein ließ, als plötzlich das kapitale Gewaff einer Sau in der Sonne blitzte.
Warzenschweine
Sindiyo stellte mir damals einen überglücklichen deutschen Jäger vor, der nach ein paar vergeblichen Jagdreisen endlich einen kapitalen Keiler mit Zähnen von gut elf Inch (28 Zentimeter) erlegt hatte.
Als ich dann, ganz in der Nähe unseres Jagdcamps in der Massai-Steppe, meinen ersten Keiler sah, da schoss ich ihn mit meiner geliehenen Großwildbüchse gleich vorbei.
Dass Sauen recht standorttreu sein können, merkte ich am darauffolgenden Tag, denn meinen Keiler sah ich wieder. Und schoss ihn wieder vorbei.
Meine afrikanischen Begleiter heulten fast vor Enttäuschung, denn sie hatten gesehen, dass es sich um ein Rekordschwein handelte.
Aber die bei Kenya Bunduki in Nairobi ausgeliehene .375er Repetierbüchse mit Flintenabzug, fest montiertem Zielfernrohr und ordentlichem Rückschlag überforderte mich, und ein paar Tage später schoss ich noch einen Keiler vorbei, der – das sah ich sogar – noch zwei Inch mehr hatte.
Doch ich sollte den Dusel des Anfängers haben. Am letzten Jagdtag hatte der Fährtensucher morgens versehentlich die Büchse meines Mitjägers eingepackt, eine mir vertraute Mauser 66 mit Stecher.
Auf dem Rückweg stand der uns inzwischen schon wohlbekannte Keiler wieder auf seinem Termitenhügel, und mit „brainshot“ erlegte ich eine Sau mit einer Waffenlänge von gut 35 Zentimetern. Trotz vieler Keiler, die ich seitdem geschossen habe, mancher davon würde ins „Buch“ passen, ist dies bis heute mein stärkster Warzenkeiler geblieben.
Trophäenstärken
Die Warzenschweine beeindrucken den Jäger nicht nur durch das sehr wohlschmeckende Wildbret (was gibt es Kraftspendenderes bei der Afrikajagd als die dampfenden Steaks einer Überläuferbache zum Frühstück), sondern vor allem durch die im Vergleich zu anderen Sauen überaus starken Waffen.
Die Haderer wachsen halbkreisförmig nach oben. Die Gewehre bleiben kürzer ( genau umgekehrt wie beim Schwarzwild) und schleifen sich an den Haderern zu scharfen Waffen ab, die gegen Leoparden, Hyänen und selbst Löwen mit Erfolg eingesetzt werden.
Ich habe auch gesehen, dass Keiler sich damit untereinander tödliche Verletzungen beibrachten.
Wenn auch die Haderer zum Graben eingesetzt werden, sind die Eckzähne doch in erster Linie für Imponiergehabe und zum Beeindrucken von Nebenbuhlern da. Ansonsten ist das Gebiss auf 16 Zähne reduziert und damit für das Grasfressen spezialisiert.
Eine Länge der Haderer ab zwölf Inch kann als kapital gelten. ‹Überall, wo es starke Sauen gibt, wie zum Beispiel in Tansania, findet man auch gar nicht so selten Sauen mit gut 13 Inch.
Aber 14 Inch scheint so etwas wie eine magische Obergrenze zu sein. Für stärkere Stücke braucht es Glück, ein gutes Vorkommen und harte Arbeit.
Rowland Wards hat seine Anforderungen etwas zurückgenommen und fordert heute ein Minimum von 13 Inch oder 33 Zentimetern für den Eintrag ins „Buch“ – ein realistisch und sinnvoll angesetztes Limit.
Die stärkste dort registrierte Trophäe misst unwahrscheinliche 58 Zentimeter. Sie stammt aus dem Jahre 1921. Die Herkunft ist leider unbekannt.
In das SCI-Rekordbuch kann man schon mit weniger als elf Inch Länge Eingang finden. Eine solche Sau ist zweifellos eine erfreuliche Jagdbeute, von einem Rekord jedoch himmelweit entfernt.
Die stärksten Trophäen kommen aus Äthiopien, Kenia, Simbabwe, Südafrika (Transvaal), Sudan und Tansania. Auch im westafrikanischen Senegal werden häufig kapitale Keiler erlegt.
In Namibia werden von deutschen Jägern zwar viele Sauen erbeutet. Als Herkunftsland weltstärkster Trophäen kann das Land jedoch nicht gelten. Die Mindestanforderung für einen jagdbaren Keiler sind dort 25 Zentimeter, also knapp zehn Inch. Ab 34 Zentimeter Waffenlänge gibt es in Namibia eine Medaille.
Die Körpergröße korreliert nicht immer mit der Waffenlänge. Es gibt sehr große Bachen, und mancher wirklich alte Keiler ist bereits abgekommen und gibt von der Körpergröße nicht mehr viel her.
Ein von mir geführter Jagdgast hatte einst in einem Graben einen Keiler vor, dessen Gewaff wir nicht sehen konnten, der aber massig von der Körpergröße war.
Er schoss ihn auf Verdacht und hatte einen Keiler mit über 14 Inch erlegt. In einem anderen Fall versuchten wir dasselbe, doch der Keiler hatte beide Hauer abgebrochen! In sehr steinigem Gelände kommt dies häufig vor.
Auch die Bachen entwickeln ordentliche Haken. Sie sind jedoch viel kürzer und dünner als die Waffen der männlichen Stücke. Ein kapitaler Keiler ist auf den ersten Blick als solcher erkennbar, weil das Gewaff nach außen wächst.
Wenn man zum Ansprechen erst genauer hinschauen muß, ist der Keiler nicht kapital. Das ist eine gute Faustregel für die Jagd! Auch beim Warzenschwein kann man davon ausgehen, dass ungefähr ein Drittel des Gewaffs im Kiefer steckt und also nicht sichtbar ist.
Die Geschlechter lassen sich auch an den Warzen am Haupt unterscheiden. Männliche Stücke haben zwei Paar deutlich zur Seite abstehende Warzen, weibliche nur ein Paar. Außerdem kann man beim Keiler mittig unterm Bauch den Pinsel erkennen. Allerdings befindet sich am Austritt der Brunftrute kein Haarbüschel, sondern nur eine sichtbare kleine Auffaltung der Schwarte.
Von hinten läßt sich der Keiler auch durch die dann sichtbaren Brunftkugeln ansprechen. Bei der Bache sieht man meist die vier Striche. Keiler erreichen ein Gewicht von 60 bis 100 Kilogramm, Bachen sind um ein Drittel schwächer. Die Gefahr der Verwechslung mit anderen Sauen besteht nicht.
Warzenschweine sind mit ihrer sympathischen Hässlichkeit unverwechselbar: Ein großer flacher Schädel, ein im Vergleich dazu schmaler und eher zierlicher Körper, niedrige Läufe.
Abgesehen von einer langen Rückenmähne, die besonders die Keiler tragen, ist die graue Schwarte ansonsten kaum behaart, im Alter völlig haarlos.
Lebensweise und Verbreitung
Warzenschweine sind tagaktiv. In der Mittagshitze ruhen sie jedoch gerne im Schatten von Termitenhügeln, in Gräben, Erdferkellöchern oder einfach im Gebüsch. Sie graben keine eigenen Röhren, sondern verwenden vorhandene, die sie höchstens erweitern.
Am ehesten trifft man Warzenschweine in den Morgen- und Abendstunden an. Rotten bestehen meist aus Bachen mit Frischlingen oder aus ‹Überläufern, gelegentlich findet sich auch der Keiler dabei. Ältere Keiler sind allerdings eher Einzelgänger.
Mit anderthalb Jahren werden Warzenschweine geschlechtsreif. Nach etwa fünf Monaten Tragezeit frischt die Bache zwei bis vier, in Ausnahmefällen auch bis zu acht Frischlinge.
Nach etwa einer Woche verlassen diese die Röhre, in der sie gefrischt wurden, und beginnen dann mit der Aufnahme pflanzlicher Nahrung. Zwei bis drei Monate lang werden sie gesäugt.
Gerne graben Warzenschweine nach Wurzeln, wobei sie mit den Vorderläufen knien. Dadurch entwickeln sich dicke Schwielen.
Die Sauen leben überwiegend von pflanzlicher Nahrung, vor allem Gras. Die Trichinengefahr beim Verzehr ist deshalb gering. Sie suhlen gerne und liegen auch tagsüber stundenlang im Schlamm.
Wo es Wasserlöcher und sumpfige Wiesen gibt, finden sich Warzenschweine von weither ein. Allerdings trifft man sie auch in völlig trockenen Gebieten an.
In der Literatur wird gesagt, dass Warzenschweine auch ohne Wasser leben können. Ich habe allerdings bei großen Trockenheiten, wie bei der Dürre im Jahre 1992 im Lowveld Simbabwes, feststellen müssen, dass sie zu den Wildarten gehörten, die zuerst eingingen. Genügend Nahrung und Wasser vorausgesetzt, kommen Warzenschweine mit kleinen Lebensräumen aus, die sie auch noch mit anderen teilen.
Zwar kämpfen Keiler um rauschige Bachen – gelegentlich bis zum Tode. Allerdings verteidigen sie ihre Reviere nicht gegen andere.
In freier Wildbahn sollen Warzenschweine bis zu 18 Jahre alt werden. Wenn man einmal einen wirklich alten Keiler schießt, findet man regelmäßig krankhafte Veränderungen wie Geschwulste, Eiterherde oder Steine in der Harnröhre. Sie sind meist körperlich abgekommen, und das Wildbret gibt nur noch ein Leoparden-Bait ab.
Warzenschweine kommen von Mauretanien und Äthiopien im Norden bis Namibia und Natal im Süden des afrikanischen Kontinents vor. Sie bevorzugen offene und verbuschte Savannen, Grassteppen, Trockenwald und Halbwüsten. Im tropischen Regenwald fehlen sie.
In einigen Gebieten, in denen der Wald durch Weideland verdrängt wird, dehnen sie ihr Verbreitungsgebiet aus. In Natal und im Ostkap in Südafrika, wo sie Ende letzten Jahrhunderts ausgerottet wurden, hat man sie wieder ausgesetzt.
In Nordost-Algerien sind vor zehn Jahren einige Warzenschweine aus einem Zoo ausgebrochen und haben, so wird berichtet, inzwischen einen kleinen, freilebenden Bestand begründet.
Jagdarten
Warzenschweine bejagt man am besten auf der Pürsch. Morgens oder abends pürscht man langsam durch ein günstiges Sauenbiotop, und am besten ist es, wenn man die Rotte oder ein einzelnes Stück schon von weitem sehen und sich einen Plan zurechtlegen kann.
Wie alle Sauen, wittern und vernehmen sie gut, während sie nicht so gut äugen. Man hat dann auch ausreichend Zeit, die Stücke anzusprechen.
Häufig stößt man aber während der Pürsch auch auf kurze Entfernung auf Sauen oder man schreckt gar Sauen auf, die niedergetan ruhten.
Manchmal geben sie einem dann eine gute Chance, indem sie verhoffen. Häufiger aber gehen sie hochflüchtig ab mit aufgesttelltem Pürzel.
Da hilft dann nur ein schneller Schnappschuß. Der starke Keiler ist ja mit bloßem Auge anzusprechen. Ein in hoher Flucht über Kopf rollierender Keiler ist auch in Afrika für den Jäger ein guter Anblick.
Zumindest genauso oft sieht man dann jedoch die Sauen hinter dem nächsten Busch verschwinden, und der Schuß ging irgendwo in die Landschaft.
Wo die Gesetze dies zulassen, kann man auch an Wasserlöchern oder Viehtränken ansitzen und auf Sauen warten. Am besten sind dafür die Morgen- oder Abendstunden, allerdings kommen auch in der Mittagshitze Sauen zum Wasser.
Ich selbst finde solche Ansitze zu langweilig und jage lieber dort, wo die Warzenschweine so häufig sind, dass man nicht am Wasser ansitzen muß.
Allerdings kann man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und die mittägliche Siesta im Schatten eines Baumes unter Wind an einem Wasserloch verbringen.
Man muß dann nur jemand dabeihaben, der nicht schläft und einen aufweckt, wenn die Sauen kommen. In Namibia und Südafrika wird gelegentlich auch von Hochsitzen aus gejagt, in Südafrika auch in Form von Treibjagden.
Wer in Gebieten gejagt hat, in denen Sauen im Überfluss vorkommen und wo man aus dem Vollen schöpfen kann, der darf sich glücklich schätzen.
In Jagdgebieten mit überschaubaren Beständen wird der Jagdfarmer hingegen mit der Freigabe geizen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn eine Trockenheit die Bestände weiter dezimiert hat, wie zum Beispiel vor zwei Jahren in Namibia.
Mit Ausnahme von Südafrika werden in Afrika keine spezialisierten Saujagden angeboten, sondern man jagt auf eine mehr oder minder breite Palette von Wild und schießt Sauen mit, wenn man auf sie trifft.
Und ist das eigentliche Ziel der Safari ein Büffel oder anderes Großwild, werden erfahrungsgemäß die Sauen vernachlässigt. Auch Tagessätze von über 1500 Mark bei der klassischen Wildnisjagd sind nicht dazu angetan, sich vornehmlich den Sauen zu widmen. Die relativ geringen Abschussgebühren für Warzenschweine fallen demgegenüber nicht ins Gewicht.
Es ist bedauerlich, dass in den guten Safariländern wie Tansania oder Sambia keine spezialisierten Saujagden angeboten werden, die von den Tagessätzen her deutlich billiger als die Großwildjagden sein könnten.
Es gibt nämlich Gebiete mit ungeheuren Vorkommen an Warzenschweinen.
Um nur ein Beispiel zu geben, seien die Jagdblocks im Nordosten des Selous Wildreservats (KY1 und 2 sowie Gonabis/Kisaki Open) genannt.
Mittendurch verlaufen die von den Chinesen erbaute TAZARA-Eisenbahnlinie, der Mgeta-Fluß sowie Sumpfgebiete, und im Süden geht das Jagdgebiet in trockene Dornensteppe über. Die Anzahl der Sauen dort ist phänomenal.
Ohne Schwierigkeiten kann man – je nach Jahreszeit – auf einer ausgedehnten Pirsch 50 oder mehr Sauen sehen.
Jedes Jahr werden dort Keiler über 14 Inch erlegt, und es gehört schon Pech dazu, wenn ein Jäger ohne starke Trophäe nach Hause zurückkehrt. Man braucht sich nur unter irgendeinen Baum zu setzen und ein paar Stunden zu warten, um eine Sau zu erlegen.

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Foto: PPZV

Hansgeorg Arndt

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