CAMPFIRE – Use it ore lose it!

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Seit 1975 haben die Landbesitzer in Simbabwe das Recht, wildlebende Tiere auf ihrem Grund zu nutzen, während vordem alles Wild dem Staat gehörte. Nutzer von diesem noch in „kolonialen“ Zeiten erlassenen Gesetz waren in erster Linie die weißen Farmer und Großgrundbesitzer

Von Erpo von Droste

Der Wildbestand stieg seitdem ständig an, weil der Jagdtourismus im Land sich hervorragend entwickelte und es im ureigensten Interesse der Verantwortlichen lag, das Wild zu hegen und nur nachhaltig zu nutzen.
Inwieweit diese bewährte Regelung künftig von Seiten des Staates und der Wildschutzbehörde wieder in Frage gestellt und eventuell geändert wird, haben wir in der vorangegangenen Ausgabe von Jagen Weltweit (4/97) kurz angeschnitten.
Die Diskussion über eine wieder stärkere Position des Staates ist in vollen Gang.
An der schwarzen Mehrheit der Landbevölkerung ist diese Entwicklung zunächst spurlos vorbeigegangen: Jahrzehntelang wurden die schwarzen Bauern im alten Rhodesien von ihrem fruchtbaren Land verjagt und in semi-aride und aride Gebiete abgedrängt – oder in Regionen, wo wegen der Tsetse-Fliege keine Viehzucht möglich war.
Das Bevölkerungswachstum kam hinzu, so dass immer mehr entlegene Gebiete besiedelt und für extensive Landwirtschaft oder Weidewirtschaft genutzt wurden. Weil es sich hier – wir sprechen von etwa 40 Prozent der Landesfläche von 390.750 Quadratkilometern – aber auch gleichzeitig um die Rückzugsgebiete des Wildes handelt, waren und sind die Konflikte zwischen Mensch und Wildtier programmiert.
Wenn man bedenkt, dass in weiten Teilen des Landes noch Großwild wie Elefanten, Büffel, Nashörner, Löwen und Leoparden, aber auch große Herden äsender Antilopen vorkommen, kann man sich das Ausmaß der Beeinträchtigung der ohnehin bettelarmen Landbevölkerung leicht vorstellen.
An diesem Zustand änderte sich auch nach der Unabhängigkeit des Landes 1980 zunächst nichts: Da die Bauern in den ländlichen Distrikten nur locker organisiert und neue Verwaltungsstrukturen noch nicht geschaffen waren, hatten sie auch kein Recht, etwa über die Reduzierung des Wildes zu befinden.
Die Folge war unter anderem ein illegales Abschlachten der Tiere und gewerbsmäßige Wilderei.
Während in den 80er Jahren das Wild in den Nationalparks hervorragend gehegt und in den Safari-Gebieten schonend bejagt wurde – zusammen machen diese Gebiete 12 Prozent der Landesfläche aus – wurde das Wild in den ländlichen Gebieten außerhalb der Parks und des weißen Farmlandes immer weiter reduziert und partiell ausgerottet.
Die Wende kam gegen Ende des Jahrzehnts, als sich die ländlichen Distrikte organisierten und so etwas wie demokratische Verwaltungsstrukturen aufbauten. In der Folge gab die Zentralregierung in Harare einen (kleineren) Teil ihrer Machtbefugnisse ab und übertrug sie auf die Selbstverwaltung der Kommunen, Kreise und Distrikte.
Ab 1989 gehörte dazu das Recht, über die natürlichen Güter, ihren Schutz, ihre Nutzung und Vermarktung selbst zu entscheiden.
CAMPFIRE war geboren, das „Communal Aereas Management Programm for Indigenous Resources“. Aus kleinsten Anfängen heraus – es begann mit zwei entlegenen Distrikten im Sambesi Valley – hat sich eine sich immer effektivere Organisation entwickelt, die heute in 32 von insgesamt 56 Distrikten Simbabwes tätig ist.
Gefördert vom World Wide Fund for Nature und US-Aid, dem Wildschutz-Departement, dem Ministerium für ländliche Entwicklung, staatlichen Ausbildungs-Einrichtungen, der Universität und Schulen, wurden inzwischen etwa 250000 Menschen mit dem Gedanken der nachhaltigen Nutzung nachwachsender Güter vertraut gemacht.
Ziel war und ist, den Menschen klar zu machen, im Wild nicht „nutzlose Schädlinge“ und eine Gefahr für Leib und Leben, Feldfrüchte und Haustiere zu sehen, sondern ein wertvolles Gemeingut, dass es zu schützen und sorgsam zu nutzen gilt.
Die Subsistenz-Bauern haben inzwischen mehrheitlich erkannt, dass die schonende Bejagung Vorteile in Form von Fleisch und Häuten, die Trophäenjagd aber gutes Bargeld bringt, mehr, als man durch Ackerbau jemals verdienen könnte.
Aber auch andere Güter schließt je nach Lage der Dinge das CAMPFIRE-Projekt ein: das Sammeln von Eiern (Krokodil und Strauß), Mopane-Würmern oder Honig, Holz, Ried und Gras zum Bau der Hütten.
Auch Fototourismus und einzelne Lodges werden schon vereinzelt angeboten. Der Löwenanteil (bis zu 99 Prozent) der Einkünfte wird jedoch aus der Wildnutzung erzielt. In der Regel verpachtet die örtliche Gemeinschaft an einen oder mehrere Safari-Unternehmer.
Versuche, die Trophäenjagd in eigener Regie durchzuführen, sind bislang nicht sehr erfolgreich verlaufen. Ein kleinerer oder unverkäuflicher Teil des Wildes wird auch selbst zur Fleischgewinnung genutzt.
Dass alles seinen geregelten Gang geht, dafür sorgt die Wildschutzbehörde, die die jährlichen Abschussquoten in Sinne der nachhaltigen Nutzung festlegt und damit für eine schonende Bejagung sorgt.
Die Einkünfte scheinen auf den ersten Blick nicht übermäßig hoch zu sein: Von 1989 bis 1993 wurden umgerechnet etwa eine Million Mark erwirtschaftet. Die Zahl der CAMPFIRE angeschlossenen Distrikte und die Erlöse sind inzwischen weiter angewachsen.
Die Zahlen, die aus zwei Distrikten in der Gegend des Hwange-Nationalparks vorliegen, besagen, dass pro Jahr zwischen 18 000 und 80 000 Mark erwirtschaftet wurden. Da die örtliche Gemeinschaft selbst entscheidet, wie das Geld verteilt werden soll, lassen sich nur ungefähre Angaben über die Mittelverwendung machen.
Danach fließen an die in dem Distrikt lebenden Familien etwa 50 bis 60 Prozent, was pro Haushalt nur einige hundert Mark ausmacht, für Menschen mit keinem oder nur verschwindend kleinen Geldeinkommen jedoch fast schon ein „Vermögen“ darstellt.
Stehen größere Gemeinschaftsaufgaben an, kann die Ausschüttung auch kleiner geraten. Dafür werden dann Schulen, Krankenstationen oder Getreidemühlen gebaut, in die Wasserversorgung investiert, ein Traktor angeschafft oder, was von großer Bedeutung ist, (Elektro-)Zäune zum Schutz der Felder gebaut. In Schnitt werden dafür etwa 20 bis 30 Prozent aufgewendet.
15 bis 20 Prozent gehen an die verschiedenen Verwaltungsebenen und an die Wildschutzbehörde, die nicht nur den Bewirtschaftungsplan erstellt, sondern auch die örtlichen Wildhüter ausbildet und unterstützt.
Der größte Erfolg von CAMPFIRE aber ist – neben der Ausbildung in Sachen Wildbewirtschaftung und Wildschutz und des geldwerten Vorteils – dass ein Bewusstsein geschaffen wird, dass das Wild jetzt den vor Ort lebenden Menschen gehört und nicht dem anonymen Staat, einer fernen Naturschutzbehörde oder gar weißen Touristen.
Man fühlt Verantwortung für das nun „wertvolle“ Gemeineigentum und achtet auf „seinen“ Besitz, der ja laufend einen Profit abwirft. Der zweifellos bestehende Nebeneffekt: Auch die Wilderei ist in den CAMPFIRE-Distrikten wesentlich zurückgegangen und die Dorfbewohner liefern heute auch schon mal einen Wilddieb den Behörden aus, der sich widerrechtlich an „ihrem“ Besitz vergriffen hat.
Widerstand gegen CAMPFIRE gibt es vor allem in der amerikanischen Tierrechtler-Szene, die US-Aid und WWF vorwerfen, das Abschlachten etwa von Elefanten zu tolerieren und zu finanzieren, obwohl auch die Tiere, die in CAMPFIRE-Distrikten erlegt werden, natürlich den CITES-Quoten unterliegen.
Die Simbabwer lassen sich, wie die jüngste CITES-Konferenz in Harare gezeigt hat, nicht beirren, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen. Es wäre übertrieben zu sagen, dass das System schon überall gleich gut funktioniert, denn es ist auch sehr vom aktuellen Wildbestand und vom Organisationsgrad der ländlichen Gemeinschaft abhängig, die oft noch nicht begriffen hat, dass „gut Ding Weile haben“ will.
Die Weichen in die richtige Richtung – „Use it or lose it“ – sind jedoch gestellt.
Hansgeorg Arndt

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