Karpaten-Diesel

770

Ein Gläschen dieses selbstgebrannten, hochprozentigen „Treibstoffs“ macht wettergeplagte, müde Gebirgsjäger wieder munter. Und da Regen, Nebel und Sturm diese Gamsjagd beherrschten, wurde der Name des Getränks zum Synonym der Reise.

Koliba
Unsere Koliba in den fogarscher Bergen – Karpaten-Romantik pur.

Von Malte Dörter
Dass die Gamsjagd in den rumänischen Karpaten kein Spaziergang werden würde, wurde schon klar, als ich den Outfitter Egon das erste Mal auf der Messe „Jagd & Hund“ in Dortmund traf. Seine hünenhafte Statur, die mit funkelnden Augen vorgetragenen Schilderungen seiner bewegten jagdlichen Geschichte und der paradiesischen Jagdmöglichkeiten in seinem Heimatland Rumänien sowie die Einladung, gemeinsam auf Gams zu jagen, überzeugten mich sofort: Hier stand ein Jäger mit gleicher „Wellenlänge“ vor mir, der eine anspruchsvolle, sportliche Jagd in urwüchsiger Natur versprach – genauso wollte ich meinen ersten Gamsbock erlegen!

Jetzt hatte mich das Karpaten-Fieber gepackt. Die nächsten Wochen träumte ich nur noch von ewigen Wäldern, steilen Gipfeln, hochkruckigen Gemsen, urigen Hirschen, groben Keilern, Bären, Wölfen, Vampiren und so weiter. Mit dieser Begeisterung infizierte ich auch meinen Jagdfreund Helmut. Egon steckte seinerseits Jens, einen Outfitter-Kollegen, an. Hinzu kam noch Burkhard, ein Bekannter von Jens, als nichtjagender Begleiter.

 

Auf in die Karpaten

So machten wir uns Anfang Oktober zu fünft auf den langen Weg nach Rumänien. Langer Weg deshalb, weil wir uns entschieden hatten, mit einem Bus anzureisen. Das bietet den Vorteil, Ausrüstung und Proviant nach Belieben mitnehmen zu können. Ferner bevorzuge ich, falls möglich, den Landweg, wenn ich ein Gebiet zum ersten mal bereise. Nachteilig sind schlicht und ergreifend die vielen Kilometer bis zum Zielort, in unserem Fall zirka 1.700. Die Strecke von Deutschland über Österreich nach Budapest in Ungarn war noch gut erträglich, weil man auf ausgebauten Autobahnen fährt. Aber danach, vor allem in Rumänien, stellten enge Landstraßen, Schlaglöcher und Fahrzeuge, die unseren Vorstellungen von Verkehrssicherheit spotten, Mensch und Material auf eine harte Probe.

Auch der Grenzübertritt nach Rumänien war ein Kapitel für sich. Aber hier zeigte sich Egons Erfahrung und Souveränität, denn er verkürzte die normalerweise langwierige Waffendeklaration erheblich, indem er kurzerhand den Zollbeamten mit einer Palette Erfrischungsgetränke schmierte.

Nach über 24 Stunden Fahrt kamen wir spät abends erschöpft, aber frohen Mutes in unserem Basisquartier an. Das Jagdhaus nahe der Stadt Fagaras in Siebenbürgen überraschte uns auf angenehme Weise, denn der Komfort war für örtliche Verhältnisse überdurchschnittlich. Bei einem Nachtmahl schilderte uns Egon den geplanten Ablauf der Gamsjagd in den nächsten Tagen. Dazu wurde uns ein Schnaps gereicht, und Egon verkündete mit verheißungsvoller Miene: „Das ist Karpaten-Diesel!“ Von diesem köstlichen Getränk im wahrsten Sinne des Wortes begeistert, freuten wir uns um so mehr auf die kommenden Jagdtage. Aber dann forderte die strapaziöse Anreise doch ihren Tribut, so dass wir kurz darauf todmüde in unsere Betten fielen.

Da wir nachts angekommen waren, erblickten wir am nächsten Morgen zum ersten mal die verschneiten Gipfel der Fogarschen Berge, die sich abrupt aus der Siebenbürgener Ebene erheben. Dieser höchste und steilste Gebirgszug der Karpaten ist sicherlich ein majestätischer Anblick. Bei uns bewirkte er aber gemischte Gefühle, denn mit so viel Schnee hatten wir nicht gerechnet. „Das wird verdammt rutschig“, dachte ich sorgenvoll. Aber die Gewissheit, dass dort oben die stärksten Gams der Welt ihre Fährten ziehen, ließ alle Zweifel schnell verfliegen.

Der Plan für diesen Tag sah vor, mit Geländefahrzeugen so weit wie möglich ins Gebirge zu fahren, dann zu einer Jagdhütte aufzusteigen und danach, wenn noch möglich, nachmittags auf Gams zu pirschen – ein volles Programm, also los. Auf dem Weg in die Berge passierten wir einige Ortschaften, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Trotz der offensichtlichen Armut war alles sehr sauber. Dann endlich lag die Zivilisation hinter uns, und wir konnten in die zauberhafte Welt der Karpaten eintauchen.

Zu Berge…

Die alten, klapprigen Aro-Geländewagen quälen sich im Schneckentempo den steinigen Forstweg empor. Aber schon bald ist Schluss, denn die Hänge der Berge werden zu steil für Wegebau. So heißt es absitzen, Ausrüstung, Proviant und Waffe schultern und dann steigen, steigen, steigen…

Egon hatte mir im Vorfeld der Reise gesagt, dass der Aufstieg zur Hütte ein gemütlicher, zweistündiger Fußmarsch wäre ? was für eine Untertreibung! Tatsächlich müssen wir mehr als 1.000 Höhenmeter überwinden, und das auf einem immer steiler werdenden Trampelpfad. Der Schweiß rinnt in Strömen, die Atmung wird kurz und Rucksack und Waffe werden schwer wie Blei. Aber je höher wir kommen, desto mehr entschädigen uns in den Verschnaufpausen fantastische Panoramen der Karpaten.

Die umgebende Vegetation ist beeindruckend – besonders für Försteraugen. Unser Weg führt uns zunächst durch Buchenwald, dessen herbstlich verfärbtes Laub ein prächtiges Farbenspiel abgibt. Darauf folgt Nadelwald, der sicherlich noch keine Motorsäge erlebt hat. Helmut, seines Zeichens Forstoberrat, gerät ins Schwärmen: „Seht ihr Banausen überhaupt diese Weißtannen? Welch ein Urwald!“

Auch ich bewundere die zum Teil uralten Bäume, die, allen Wettern trotzend, eine sehr beruhigende Wirkung auf mich haben. Hier oben sind die Kreisläufe der Natur noch intakt. Aber wie lange noch? Egon berichtet, dass nach der Wende in Rumänien amerikanische Investoren die gesamten Karpaten als Forstkonzession erwerben wollten. Gott sei Dank haben die Verantwortlichen abgelehnt, denn die Folgen wären unabsehbar.

Als wir die Waldzone verlassen, wird es richtig garstig. Ausgedehnte Latschenfelder mit Nassschnee auf dem Boden machen das Gehen zur Tortur. Wir rutschen, stolpern, fluchen. Plötzlich breitet sich vor uns eine almartige Blöße aus, in deren Mitte eine Blockhütte steht ? wir haben es endlich geschafft.

Die letzten Meter zur Hütte renne ich fast, denn auf einem Holztisch vor der Tür erblicke ich eine gefüllte Wasserflasche. Meine vom Steigen ausgetrocknete Kehle schreit nach Erfrischung, und so setze ich ohne zu zögern die Flasche an den Hals und schlucke gierig. Satan und Höllenfeuer, was ist das?! Ich glaube, Flammen zu speien, um mich herum allgemeines Gelächter. Was ist passiert? Klarer Fall: Karpaten-Diesel! Zwei unserer einheimischen Jagdführer und ein Gehilfe waren vorgegangen und hatten den Schnaps zur Begrüßung auf den Tisch gestellt.

Die Hütte versprüht pure „Karpaten-Romantik“: eine komplett aus Holz gefertigte Koliba. Als einziger Komfort finden sich innen ein Tisch mit einer Bank, eine mit Moos bedeckte Pritsche zum Schlafen und ein eiserner Ofen. Alles ist ziemlich eng, aber zweckmäßig. Da es durch den unerwartet anstrengenden Aufstieg recht spät geworden und eine Gamsjagd für den heutigen Tag nicht mehr möglich ist, räumen wir in Ruhe unsere Sachen ein und machen es uns in der Hütte gemütlich.

Bei prasselndem Ofenfeuer vespern wir und erzählen uns dazu Jagdgeschichten – herrlich! Jedem ist die Vorfreude auf die morgige Jagd anzumerken. Als wir aber zum letzten „Nässen“ vor die Hütte treten, ist der Himmel wolkenverhangen ? kein gutes Omen. Aber egal, ab ins Bett.

Gebirgswelt der Karpaten
Fantastische Gebirgswelt der Karpaten. Das Jagen dort ist eine wahre Lust, wenn das Wetter mitspielt…
 

 

Fotos: Malte Dörter

Gespenstische Gamsjagd

Der nächste Morgen begrüßt uns ziemlich trübe. Passend dazu sind wir alle etwas zerknittert, denn die Hütten-Romantik hat ihren Preis: Zu fünft haben wir, zusammengequetscht wie Ölsardinen, auf der Pritsche geschlafen, Egon und die zwei rumänischen Guides auf dem Dachboden. Hier raschelt ein Schlafsack, dort schnarcht einer der Jagdkameraden und in der Hütte Temperaturextreme ? Ofen an: Bullenhitze. Ofen aus: Saukälte – die Nacht war alles andere als geruhsam.

Aber jetzt geht es nach kurzem Frühstück endlich los – die Jagd beginnt. Auf dem Weg in die Gipfelregion durchqueren wir zunächst Latschenfelder, dann mit Gräsern bewachsene Höhenrücken. In Senken und an der Leeseite des Berges liegt Schnee, wodurch wir unsere Schritte vorsichtig setzen müssen, um nicht abzurutschen. Unser Ziel ist ein großes Kar, in dem die einheimischen Jagdführer in der vergangenen Woche viele Gams bestätigt haben.

Als wir an dessen Rand ankommen, steigt mein Adrenalinpegel, denn ich soll als erster schießen. Mit aller Vorsicht spähen wir über die Geländekante, aber weit und breit zeigt sich kein schwarzes Haar – die Gams müssen wohl noch höher gezogen sein. Enttäuscht, aber nicht ohne Hoffnung, steigen wir weiter auf, bis wir eine Schneid erreichen, hinter der das Gelände sehr steil in einen riesigen Talkessel abfällt.

Nach kurzem Spekulieren entdecken wir in den Hängen unter uns endlich die ersten Gams. In etwa 500 Meter Entfernung äst ein einzelner Bock, aber ein Blick durch das Spektiv bestätigt meine Ahnung: zu stark. Ich habe mir nämlich, der Kosten wegen, eine Kappungsgrenze von 95 CIC-Punkten auferlegt. Dieser Bock hat aber sicherlich 110 Punkte oder sogar mehr. Auch für Jens und Helmut ist dieser Kapitale tabu, also weiter suchen.

Rechts von dem Bock und etwas höher im Hang steht eine über zehnköpfige Schar. Aber genau in dem Moment, als wir unsere Ferngläser dorthin richten, sind wir plötzlich von Nebel eingehüllt. Dazu fängt es an, ausgiebig zu regnen, und wir liegen da wie begossene Pudel. Mist, mit schlechtem Wetter hatten wir morgens zwar gerechnet, aber dass es so schlimm kommen würde…

Zur Untätigkeit verdammt und in Regenklamotten verpackt, harren wir der Dinge, die sich vorerst aber nicht ändern wollen. Deshalb ziehen wir uns bis auf Egon als vorgezogenem Beobachter etwas zurück, um das Gamswild nicht zu vergrämen. Aus der Entfernung und mit seinem langen Regenmantel sieht er aus wie Graf Drakula persönlich ? ein gespenstischer Anblick!

Nach etwa einer Stunde reißt der „Gamshüter“ plötzlich auf und wir können sehen, wie die bestätigte Schar gerade über die Schneid in den benachbarten Talkessel hinüber steigt. Jetzt ist Eile geboten, denn aus dem Tal quillt die nächste Nebelwand heran. Egon und ich holen in einem Bogen nach rechts aus, um überriegelt den Gemsen den Weg abzuschneiden. Dabei rennen wir in gebückter Haltung, was meinen Puls, neben dem aufkommenden Jagdfieber, erheblich beschleunigt.

Als wir den Rand des nächsten Talkessels erreichen, zieht eine starke Geiß in nicht all zu weiter Entfernung über die Schneid. Sofort legen wir uns flach auf den Boden, und ich richte mich für einen Schuss ein, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass jetzt in der Brunft ein Bock folgt. Genau das ist der Fall. Egon „lasert“ schnell die Distanz: 250 Meter.

Pfiff, das Stück verhofft, Rumms: Der erste Schuss ist draußen, streift aber nur die Keulen. In schneller Folge gebe ich die Schüsse zwei und drei ab, worauf sich der Bock niedertut. Aber das Haupt ist noch oben, also gebe ich noch einen Fangschuss ab. Dieser trifft den Trägeransatz – aus, vorbei.

Ich bin völlig ausgepumpt, zittere am ganzen Körper, von den Berghängen hallt das Echo der Schüsse und mit dumpfem Donnern geht irgendwo eine Lawine zu Tal. Über den Himmel fegen dunkle Wolken und zwischen den Nebelschwaden kann man den verschneiten Gipfel des höchsten Karpatenbergs, des Moldoveanus, sehen – ein wahrlich apokalyptisches Szenario. Ich aber bin überwältigt: Ich habe meinen ersten Gamsbock erlegt!

Das alles ist so schnell gegangen, dass ich mir keine Gedanken über die Stärke der Krucken machen konnte. Deshalb habe ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als wir an das gestreckte Stück herantreten. „Das ist genau der Bock, den Du gesucht hast!“ Mit diesen Worten zerstreut Egon alle meine Sorgen und ein unbeschreibliches Glücksgefühl breitet sich in mir aus.

Leider kann ich das Gefühl nicht lange genießen, denn es beginnt wieder stark zu regnen und der Wind frischt merklich auf, also Rückzug zur Hütte. Wieder in der Koliba, feiern wir ausgelassen meinen Jagderfolg. Unsere rumänischen Jagdführer zaubern noch einige Flaschen „Karpaten-Diesel“ aus allerlei bärensicheren Verstecken hervor, und so verbringen wir einen feucht-fröhlichen Abend.

Ein kleiner Bär kommt selten allein

In dieser Nacht habe ich tief und fest geschlafen – kein Wunder bei der „Diesel-Dröhnung“. Morgens beim Aufstehen sind zwar die Knie noch etwas weich, das macht aber nichts, denn das Wetter hat sich weiter verschlechtert. Nebel wabert um die Hütte, so dass an Jagd nicht zu denken ist. Also frühstücken wir ausgiebig und verbringen den Tag mit ausführlichen Erzählungen und Diskussionen rund um die Jagdwelt. Dabei lauschen wir gebannt Egons Erlebnissen als sehr erfolgreicher Wilderer während der Ceausescu-Diktatur. Als Stimmungsaufheller genehmigen wir uns hin und wieder ein „Schlöckchen“ unseres hochgeistigen Getränks. So vergehen die Stunden, ohne dass Langeweile aufkommt.

Am späten Nachmittag klart es unerwartet etwas auf. Sofort treibt Egon zum Aufbruch, denn im Hochgebirge muss jede Chance genutzt werden. Im Nu sind alle für die Jagd gerüstet. Ich beschließe aber, in der Hütte zu bleiben – eine Entscheidung, die ich später bereuen sollte.

Kurz nach Sonnenuntergang kehren meine Jagdfreunde zurück, ohne Beute, aber mit leuchtenden Augen. „Was ist passiert“ frage ich, und sofort sprudelt es aus ihnen heraus: „Auf dem Pirschgang haben wir ein Schneefeld überquert und sind dabei auf frische Bärenfährten gestoßen.

Als wir danach durch ein Waldstück laufen, knackt es plötzlich. Keine 20 Meter vor uns richtet sich auf einmal ein Baby-Bär auf. ,Wo ein Baby ist, ist die Mama nicht weit‘, schießt es uns durch den Kopf. Und kaum zu Ende gedacht, nimmt die Alte an. Wir suchen sofort Deckung hinter Bäumen, Helmut schlägt für den Notfall seine Büchse an und Egon brüllt so laut er kann. Ob das die Bärin beeindruckt hat oder ob es eine Scheinattacke war, ist schwer zu sagen. Jedenfalls stoppt sie etwa zehn Schritt vor uns, dreht ab und verschwindet mit ihrem Jungen im Wald. Was für ein Erlebnis!“ „Jau, da wäre ich gerne dabei gewesen“, denke ich, bin mir aber bewusst: Dass hätte ins Auge gehen können…

Dieses außergewöhnliche Abenteuer wird anschließend gebührlich gefeiert. Und als ob die Natur noch eins drauf setzen will, schwillt dazu der über den ganzen Tag schon heftige Wind zu einem ausgewachsenen Sturm an. Unsere Koliba ruckt und knackt bedenklich während wir uns köstlich „bedieseln“.

Wenn der Wind jagt…

Wenn der Wind jagt…

Trotz Kenntnis dieser alten Jägerweisheit, brechen wir am nächsten Morgen zeitig auf, um Jens und Helmut zu Schuss zu bringen. Es ist zudem unser letzter Jagdtag. Zwecks Vergrößerung unserer Chancen teilen wir uns in zwei Gruppen auf: Helmut soll mit seinem Jagdführer und Burkhard zu der Stelle aufsteigen, an der ich meinen Gamsbock geschossen habe. Der Rest der Gruppe pirscht auf halber Höhe in den angrenzenden Talkessel, damit Jens dort sein Glück versuchen kann.

Auf dem Pirschgang passieren wir nochmals die Stelle der Bären-Attacke. Als ich sehe, wie nah sich alles abgespielt hat, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Nach einigem „Gekraxel“ über Latschen- und Schneefelder erreichen wir einen Lahner, der halbwegs im Windschatten liegt. Und „Bingo“, dort stehen Gams. Vorsichtig, aber zügig kriechen Egon und Jens in Schussposition. Als ein passendes Stück ausgemacht ist, bricht der Schuss, und Jens kann einen guten, alten Bock strecken.

Die restlichen Gams ziehen auf einem bekannten Wechsel bergwärts, genau zu der Stelle, an der Helmut und sein Guide vorliegen sollten. Sekündlich rechnen wir nun mit Helmuts Schuss, aber nichts passiert. Was ist bloß los?

Ein wenig traurig, weil es mit dem erhofften Doppelerfolg nicht geklappt hat, steigen wir auf, um Helmuts Gruppe zu suchen. Als wir auf dem Grad ankommen, wird uns sofort klar, warum unsere Gefährten nicht dort sind: Der Wind bläst hier oben immer noch derart stark, dass wir uns kaum auf den Beinen halten können. Also machen wir uns auf den Weg zurück zur Hütte. Dort angekommen, bestätigt sich unsere Vermutung: Die Gruppe hatte wegen des Windes die Jagd abgebrochen.

Dennoch wollen wir immer noch nicht aufgeben. So pirschen wir nachmittags mit Helmut nochmals in den Talkessel, in dem Jens sein Waidmannsheil hatte. Durch den dortigen Windschatten hoffen wir, wieder Gemsen zu finden, was auch gelingt. Leider ist kein passendes Stück dabei. Aber zum Abschied zeigt sich ein Kapitalbock, der uns auf eindrucksvolle Weise die Trophäenqualität dieses Reviers vor Augen führt: Mit wahrscheinlich über 115 CIC-Punkten ist er sicherlich der Wunschtraum eines jeden Gamsjägers, aber auch ein Albtraum für den Geldbeutel.

Am späten Nachmittag schließen wir endgültig die Hüttentür hinter uns und steigen ins Tal ab. Wir wählen dafür einen anderen, weniger steilen Weg als beim Aufstieg, aber dennoch sind unten die Beine hundemüde. Abends im Basisquartier feiern wir unsere Jagd und die vielen unvergesslichen Erlebnisse mit einem üppigen Essen und einigen „Abschieds-Dieseln“.

Ausklang Was bleibt noch zu berichten? Die Trophäenbewertung unserer Gamsböcke am nächsten Tag wurde akribisch vom Direktor des Reviers durchgeführt und brachte für Jens und mich keine bösen Überraschungen. Im Gegenteil, denn wir blieben knapp und haushaltsschonend unter unseren Kappungsgrenzen: Jens Bock sollte unter 100 CIC-Punkten liegen und erreichte 99, meiner sollte die 95er Marke nicht überschreiten und wurde mit 94,5 Punkten bewertet – dass nenne ich Maßarbeit!

Die Rückreise verlief bis auf einen längeren Stau an der rumänisch-ungarischen Grenze reibungslos. Egon verkürzte diesmal die Zollkontrolle mit einer „Whiskey-Spende“. Tags darauf hatte uns die Heimat glücklich und wohlbehalten wieder.