Rote Ständer, heiße Läufe

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Rothuhn
 

1/2011

Mit der Ferieninsel Mallorca im Mittelmeer verbindet man eher Sonne, Strand und lautes Nachtleben. Eine deutsch-spanische Gruppe will dieses Spektrum um eine Attraktion bereichern: Flintenjagd auf Rothühner.

Von Frank Rakow

 

Rothuhn
Kap Formentor, das Jagdgebiet, liegt ganz im Norden der Ferieninsel. Foto: F. Rakow
„Wie lange wollt ihr denn Urlaub machen?“, lautete die häufigste Frage. Ich hatte von meiner Tour nach Mallorca erzählt, Deutschlands beliebtester Ferieninsel, für mich bisher allerdings unbekanntes Terrain. Ungläubiges Aufwerfen auf Fragerseite, als ich wahrheitsgemäß berichtete, dass es nicht um Sonne, Strand und Ballermann geht, sondern um eine Testjagd auf Rothühner. Nur einen Tag, aber dafür besten Flintenzauber hatte uns Veranstalter Michael Möllering-Lüke in Aussicht gestellt. Dazu Ambiente vom Feinsten. Journalisten und Shooting-Agenten aus Europa und USA sollten sich davon überzeugen.
 
Mit der beim Fliegen üblichen Verspätung heben Ralf Bonnekessen (DJZ-TV) und ich bei frischer Oktober-Witterung von Frankfurt ab, um zwei Stunden später von sommerlichen Temperaturen auf Palma de Mallorca empfangen zu werden. Gut 70 Kilometer Fahrt in den äußersten Nordosten der Insel vermitteln uns einen guten Eindruck von dem mediterranen Flair des Ferienparadieses.
 
Kurz vor Erreichen des Hotels erklimmen wir einen Aussichtspunkt, der atemberaubende Ausblicke auf Fels und Meer vermittelt und – das erste „Wild“.
 
Verwilderte Hausziegen, die geschickt wie Gemsen auf den weißen Felsen herumkraxeln. Sie dürfen sogar bejagt werden, informiert uns der Sohn des Hotelbesitzers, gleichzeitig unser ortskundiger Führer und Fahrer.
 

 

Rothuhn
Die erstrebte Beute: das Rothuhn. Foto: F. Rakow
Das Hotel, das wir schon von der Höhe am Rande der Bucht sehen, ist eine angenehme Offenbarung. Eingebettet in den bewaldeten Hang nahe des Meeres bietet es allen erdenklichen Komfort, der das Dasein genussreich macht. Die fünf Sterne glitzern an allen Ecken und Enden. Vom Zimmer ein herrlicher Blick über Swimmingpools und Mittelmeer. Am nächsten Tag starten nach Stärkung und Einweisung in den geplanten Ablauf 10 Schützen frohgemut zum 1. Treiben. Auf einem etwas trüben Acker vor den bewaldeten Hängen richten sich die Schützen gespannt aus, auf das, was da kommen soll.
 
Doch mit Start frei und sofortigem Flugverkehr ist nichts. Es dauert eine gehörige Zeit, bis die ersten Rothühner die Schützen anstreichen. Das tun sie vorwiegend als Einzelflieger, hier und da auch in Parallelformation. Von der Höhe her stets erreichbar, stellt die Reisegeschwindigkeit auch die geübten Schrotschützen vor Probleme. Viele Garben liegen zu weit hinten, und die geschwinden Hühner entkommen unbeschadet.
 
Doch mit zunehmender Frequenz schießen sich die Gäste warm. Wunderbar auf größere Entfernung zu beobachten, wie die Rothühner abkippen, bevor der Schussknall herüberdringt. Juan, unser freundlicher spanischer Jagdbegleiter, braucht ebenfalls einige Zeit, bis er mit der zierlichen 20er Querflinte punktet.
 

Foto weg, Flinte her

 

Rothuhn
Ungewohnte Rolle: Sekretario Juan als „Vorschießer“. Die Rothühner hatten ordentlich Fahrt. Guter Schwung war nötig. Deutlich ist die Schrotgarbe zu sehen. Foto: F. Rakow
Nachdem wir reichlich Foto- und Filmszenen eingefangen haben, nehmen auch Ralf und ich aktiv am Geschehen teil. Und uns geht es nicht anders: Die ersten Schüsse gehen vorwiegend hinterher. Man unterschätzt die Geschwindigkeit dieser kleinen Hühnervögel. Umso größer die Freude, wenn es endlich klappt. Und mit dem neugewonnenen Selbstbewusstsein gelingt es dann auch häufiger.
 
Am Ende des Treibens bei den Experten doch eher betretene Mienen. Gut 30 Hühner werden zusammengetragen. Aufgrund der Vorankündigung sind die Erwartungen in andere Höhen geschraubt worden. Bezüglich der lukullischen Versorgung trifft das allerdings nicht zu. Der Zwischenimbiss mit Tapas und perlenden Getränken lässt nichts zu wünschen übrig.
 
Zweites Treiben, zweite Chance. Jetzt stehen wir mitten in der Botanik in einem Berghang mit begrenzter Sicht. Hier gibt es keine lange Wartezeit, der „Budenzauber“ beginnt sofort. Wie kleine Torpedos streichen, segeln oder steigen die Rothühner durch Kiefern und Palmen. Entscheidend ist das frühe Entdecken der rasanten Flugobjekte, sonst reicht nicht einmal die Zeit, um die Flinte rechtzeitig in die Schulter zu bekommen.
 
Auch hier schauen und dokumentieren Ralf und ich die Abläufe anhand unseres Vorkämpfers Juan, der sich wieder wacker schlägt. Etwas zögerlich nehme ich schließlich die aufgedrängte 20er, als bei unserem sympathischen Sekretario nichts mehr geht. Offensichtlich liegt mir der „Buschkampf“ mehr. Es gelingen einige Schüsse auf schnelle Querreiter, die nicht gerade zu meinen Spezialitäten gehören. Schwierigkeiten habe ich dafür mit Überkopf-Vögeln. Sonst eigentlich eher ein „Heimspiel“. Später macht mich ein erfahrener Mitjäger darauf aufmerksam, dass der zu kurze Schaft der geliehenen Flinte vermutlich die Ursache dafür ist.
 
 
 

Anlaufschwierigkeiten

 

Rothuhn
Secretarion Juan fädelt die ersten Beutestücke ein. Foto: F. Rakow
Das ganze Treiben hindurch bleibt die Spannung hoch. Trotz geringer Entfernung sehen wir unsere Nachbarschützen nicht, hören aber, dass sie offensichtlich gut beschäftigt sind. 13 schwer erkämpfte Hühner notiert Juan für unseren Stand. Das hat richtig Spaß gemacht.
 
Bevor die Strecke von Helfern und Hunden zusammengetragen worden ist, werden unsere Gaumen unter einem kleinen Zelt schon wieder herzhaft verwöhnt. Und natürlich werden die Erfahrungen bei dieser Gelegenheit in den verschiedensten Sprachen ausgetauscht.
 
Die Agenten, also Vermittler solcher Jagden, sind sich einig: In dieser Form ist das zu wenig, um es ihrer verwöhnten Klientel anzubieten. Die erwarten eine größere Tagesstrecke, so etwa zwischen 300 und 500 good flying birds, wie sie auch vom Veranstalter angekündigt worden ist. Der gibt sich ebenso enttäuscht von dem Ergebnis und führt dasauf mangelnde Erfahrung der Mannschaft vor Ort zurück. Die zeigt sich ob solcher Kritik nicht gerade begeistert. Alles deutet daraufhin, dass unsere Gruppe Zeuge eines einmaligen Ereignisses gewesen ist.
 
Doch alles hat ein Nachspiel. Aktuell für uns auf der Rückfahrt. Sonne und Sommertemperaturen des Jagdtages sind mächtigen Regenwolken gewichen. Die Ferieninsel kann auch anders. Weniger überraschend, dass man in den langen Reihen am Abfertigungsschalter Bekannte trifft, die mit ganz anderen Absichten auf Mallorca weilten.
 

 

Rothuhn
Später wurden es deutlich mehr. Foto: F. Rakow
Ein erfolgreiches Nachspiel haben auch die Verhandlungen zwischen Veranstalter und Vermittler. Zwei Monate später erreicht uns die Nachricht von Michael Möllering-Lüke, man habe sich auf eine Fortsetzung geeinigt. Das Angebot lautet: 3 Nächte mit 2 Flintenjagdtagen mit bis zu 500 Rothühnern alles inklusive 24 000 Euro für Gruppen bis zu 10 Schützen. Bei einer Streckenerwartung bis zu 900 Rothühnern 35 000 Euro. Begleitpersonen (die dürften bei dem Reiseziel nicht schwer zu motivieren sein) 900 Euro. Um die angestrebte Qualität zu unterstreichen, wird eine erneute Testjagd mit prominenten Gästen angesetzt.
 
Sicherlich wird man mit diesen Streckenaussichten bessere Chancen haben, zahlungskräftige Flintengäste aus aller Welt auf die Balearen zu locken. Überlegenswert wäre durchaus, vielleicht auch Jagden mit einer geringeren Streckenerwartung (und geringerem Preis) anzusetzen. Speziell für Leute, die es mit einem reinen Ferienaufenthalt auf der Insel verbinden wollen. Jedes einzelne Rothuhn in dieser Landschaft ist Herausforderung und Genuss (wenn man trifft). Und es bleibt noch genügend Zeit, die Reize des Urlaubsparadieses zu nutzen.
 

 
Weitere Impressionen der Rothuhnjagd
 
 
Die Secretarios beobachten gespannt die Wahl der Waffen. Foto: F. Rakow Secretario Juan als Vorschiesser. Foto: F. Rakow Das Rothuhn hatte ordentlich Fahrt. Foto: F. Rakow Spanisch-englisches Flintenduell. Das Rothuhn blieb Sieger. Foto: F. Rakow Fachsimplerei bei Tapas nach dem 1. Treiben. Foto: F. Rakow Tagesausbeute: Flintenpofis empfanden die Strecke als bescheiden, dennoch ein sehr abwechslungsreicher Jagdtag. Foto: F. Rakow