Schnelle Schwingen, heiße Flinten

1887

Nur wer einmal auf argentinische Tauben gejagt hat, kann ermessen, was unsere Altvorderen unter guten Flintenjagden verstanden und
 ihre Herausforderungen lagen. Zu fünft 6 Tage in der Pampa um Santa Rosa ließen goldene Zeiten wieder auferstehen. – Dr. Karl-Heinz Betz

Acht Uhr morgens. Trotz blauen Himmels ist es noch empfindlich frisch. Denn im März wird es auf der Südhalbkugel langsam Herbst. Rudolfo Esteban Serradell, unser Organisator, hat die Stände nach Westen ausgerichtet, denn von dort kommen seit der ersten Morgendämmerung die Ohrflecktauben (Zenaida auriculata) zu Tausenden. Weit hinter dem Horizont liegen mindestens 5.000 Hektar CaldénWälder (Prosopis caldenia), Nist- und Ruheplatz von Millionen dieser Plagegeister für jeden argentinischen Ackerbauern.

Flinte
Auf Büschen neben einer Viehtränke sammeln sich die Ohrflecktauben zuhauf. Fotos: Dr. Karl-Heinz Betz

Aber die flinken Tauben wollen über uns hinweg nach Osten, wo sich bis zu 15.000 Hektar große Sonnenblumenfelder ausdehnen. Einige werden noch angeflogen, obwohl die gigantischen Erntemaschinen, vergleichbar mit Riesenmodellen unserer Mähdrescher, schon die wertvollen Ölsamen eingebracht haben. Zuviel bleibt liegen oder fällt daneben. Aber die meisten Fruchtstände stehen noch dunkel auf dem Halm, einige sind sogar noch grün. Wir stehen zu fünft in einer Reihe, Abstand zwischen den Schützen um die 200 Meter, manchmal weniger. Von Ständen kann eigentlich keine Rede sein, denn Rudolfo und seine beiden Assistenten haben lediglich 2 gut brusthohe Eisenstangen in den Boden geschlagen, die mit einer dunklen Plane verbunden worden sind. Dahinter türmen sich Patronenkisten. Auch an Eimer für Hülsen, Wasserflaschen und eine Sitzgelegenheit ist gedacht. Dass die Hocker später lediglich für kurze Pausen physischer Erschöpfung gebraucht werden, ahnen nur die 3 aus unserer Gruppe, die bereits auf solchen Jagden mit derartigem Taubenaufkommen Erfahrungen sammeln durften.

Tauben auf Baum
Die Hausschweine der nahen Farm haben sehr schnell die geschossenen Tauben als Leckerbissen entdeckt

Es dauert einige Zeit, bis jeder seine Vorbereitungen getroffen hat: Handschuhe übergestreift, Schirmmütze aufgesetzt, Gehörschutz drüber. Die Tauben kommen direkt auf uns zu. Verwirrend zu Beginn die großen Schwärme. Man muss sich zwingen, aus den kompakten Flügen ein Exemplar auszuwählen, sonst geht es garantiert daneben. Oft, besonders nach den ersten Schüssen auf den Nachbarständen, schwenken die Tauben blitzschnell zur Seite, und man stochert so lange hilflos herum,

bis das auserkorene Ziel pfeilschnell über den Stand hinweggerauscht ist. Bei Einzeltauben, Zweier- und Dreierverbänden geht es einfacher. Weit vor dem Stand die 1. und schnell halbschräg nach links oder rechts die 2. Taube zu beschießen, ist das Ziel. Ein Blick die Schützenkette entlang zeigt, dass alle 5 Flinten voll beschäftigt sind. Salven von Schüssen – fast ohne Pausen – donnern auf ganzer Breite. Die Tauben fliegen weiterhin ohne Unterlass stur in Richtung Sonnenblumen. Um 11.30 Uhr am ersten Vormittag ist jeder dankbar, als Rudolfo die Linie entlangfährt und alle zur Mittagspause unter freiem Himmel einlädt. Die Bilanz des ersten Vormittags: 3.795 Schuss und 2.294 Tauben! Ein sehr guter Auftakt mit einem Schuss-Ergebnis von 1 : 1,7! Im Schatten von Eukalyptusbäumen und Caldén-Büschen in der Nähe einer kleinen Bauernkate zwischen Hühnern, Pfauen, Schweinen und Kälbern brutzeln schon gewaltige Steaks auf dem Grill. In einem kleinen Zelt ist windgeschützt ein Tisch mit Stühlen hergerichtet. Inzwischen hat die Sonne ihre Kraft entfaltet und das Schießen den Körper auf hochsommerliche Temperaturen gebracht. Kein Wunder, dass das kalte Bier wie ein Göttertrunk mundet.

Noch eine halbe Stunde bei einer Tasse Kaffee und einer guten Zigarre in der Sonne entspannen, und schon geht es wieder auf die Stände. Obwohl die Tauben immer noch zahlreich aus der Richtung ihrer Ruheplätze kommen, hat sich doch einiges geändert: Immer mehr Flüge überqueren die Stände in entgegengesetzter Richtung. Den Kropf voll mit Sonnenblumenkernen (ca. 17 Gramm/Taube haben wir gewogen) streben sie den Ruhe- und Nistplätzen entgegen. Der

Schwein
Die Hausschweine der nahen Farm haben sehr schnell die geschossenen Tauben als Leckerbissen entdeckt

Schütze muss sich jetzt für eine Anflugrichtung entscheiden, beide Seiten sind aufgrund der Vogelmassen nicht zu bewältigen. Man steht zuerst verwirrt auf dem Stand und dreht desorientiert den Kopf in alle Richtungen – ein unglaubliches Schauspiel. Es müssen Millionen sein! Selbst nur 1 Million Tauben würden bloß an einem Tag 17 Tonnen Sonnenblumenkerne entführen – und das am Tage mehrmals und Tag für Tag, sobald die Kerne reif sind. Und sicher sind es weit mehr als nur eine Million Tauben, denn auch weitab der Schützenkette verdunkeln Riesenflüge der Ohrflecktauben den Himmel.

Karakara
Der Hauben-Karakara oder Carancho partizipiert an den erlegten Tauben genauso wie zahlreiche andere Greifvogelarten

Nachdem die beiden Assistenten ihren Mate aus Mini-Kalebassen mit silbernen Röhrchen nach Landessitte genossen haben, fahren sie während der Mittagspause hinaus, um die Stände neu mit Patronen und Wasser zu versorgen. Übrigens ist das Zählen erlegter Tauben selbst bei diesen Massen kein Problem für diejenigen, die Doppelflinten führen: Es stehen 2 Fässer an jedem Stand. In das eine kommen die Hülsen bei Treffern, in das andere die der Fehlschüsse. Am Abend brauchen nur die Trefferhülsen gezählt zu werden,

und die eigene Strecke ist ermittelt. Der Patronenverbrauch, die Caza-Munition wird in 500-Stück-Abpackungen angeliefert, ist ebenfalls leicht zu ermitteln. Anders verhält es sich bei Selbstladeflinten, die die Hülsen weit hinausschleudern. Hier hilft ein Schusszähler, der jedes Mal, wenn die Waffe neu geladen werden muss, die getroffenen Tauben registrieren hilft. Allerdings haben die Helfer nach der Jagd dadurch ein wenig mehr Arbeit, die verstreuten Plastikhülsen aufzuklauben. Mit einem Magneten an einem Stock verrichten sie die Aufgabe aber professionell in Windeseile.

Der Nachmittag vergeht wie im Fluge. Je später es wird, desto höher fliegen die Tauben von den Feldern zurück, herrlich beschienen von der immer flacher stehenden Sonne. Bei Treffern stehen hoch am blauen Himmel schneeweiße Federwölkchen, bevor die getroffene Taube wie ein Tennisball zur Erde stürzt. Eine besondere Attraktion sind die mehr als doppelt so großen Flecken-Tauben (Patagioenas maculosa), die einzeln hin und wieder in den Schwärmen der Ohrflecktauben auftauchen.

Erlegte Tauben
Die vereinzelt auftretenden Flecken-Tauben (rechts) sind mehr als doppelt so groß wie die zahlreichen Ohrflecktauben

Sie aus den Flügen herauszupflücken, ist besonderer Ehrgeiz. Kurz vor 18 Uhr ist an diesen 1. von 6 Jagdtagen Hahn in Ruh. Fast ein wenig dankbar schauen wir auf Rudolfos Auto, das uns von den Ständen abholt. Es zeigen sich doch schon ein paar Verschleißerscheinungen aufgrund der starken physischen Belastungen: Eine Schulter ist im Anschlagbereich durch, und trotz der Handschuhe tauchen Blasen an Führungs- und Abzugshänden auf, allerdings nur Kleinigkeiten, die das großartige Erlebnis dieses 1. Tages nicht trüben können. Bei einem eiskalten argentinischen Bier wird Bilanz gezogen:

Jäger mit Flinte
Die Tauben lassen sich weder durch den deckungslosen Schützen noch durch das Schießen aus der Bahn bringen

3.914 Tauben liegen zur Strecke mit 6.700 Schuss, also wieder 1:1,7. Ein Mitglied der Gruppe tut sich mit 1.007 erlegten Tauben und demselben Schussverhältnis hervor. Herbstkühle im März Am 2. Morgen stehen wir kurz vor 8 Uhr wieder auf unseren Ständen. Nur ein wenig haben wir sie unter Berücksichtigung des Windes und der dadurch leicht veränderten Flugrichtung der Tauben verlegen lassen. Es ist leicht bedeckt, und zu Beginn fröstelt man ein wenig bei Temperaturen um 7 Grad Celsius. Doch schon nach den 1. Schuss-Serien ist die Betriebstemperatur wieder erreicht. Genauso wie am 1. Tag fliegen die Tauben in Massen über die Stände. Doch das Schießen unserer 5-köpfigen Mannschaft erfolgt weniger hastig, viel besonnener. Besonders die beiden Neulinge in der Gruppe, exzellente Flintenschützen, haben nicht mehr die Befürchtung, der Taubenansturm könne nach kurzer Zeit plötzlich abbrechen.

Bei so einer 6-tägigen Taubenjagd und zunehmend entspannterem Schießen findet man immer mehr Muße, auch einmal das Umfeld in Augenschein zu nehmen. Obwohl Rudolfos beiden Helfer jeden Mittag und Abend die erlegten Tauben einsammeln, bleiben doch etliche liegen. Schon am 2. Morgen erwartet uns eine Armada unterschiedlichster Greifvögel, für die die liegengebliebenen Tauben besondere und leicht zu ergatternde Leckerbissen darstellen. Allen voran der recht stattliche Schopfkarakara (Polyborus plankus), Carancho, wie ihn die Argentinier nennen. Sein kleinerer Kollege, der Chimango oder Chimangokarakara (Milvago chimango), ist noch häufiger vertreten. Aber es gibt noch andere, die an der Taubenausbeute partizipieren: Schon bald haben die freilaufenden Schweine entdeckt, dass in der Nähe der Schützenstände leckeres Eiweißzubrot auf sie wartet. Ungeniert verschlingen sie die erlegten Tauben. Selbst die Hühner picken an den von den Schweinen zum Teil verknautschten Tauben herum. Um das Maß vollzumachen, ertappen wir sogar ein normalerweise nachtaktives Gürteltier dabei, als es versucht, eine Taube in seine Erdhöhle zu bugsieren. Es wird sofort von Rudolfos beiden Helfern für den Kochtopf konfisziert.

Jagdruhe am Mittag

Mit dem 4. Jagdtag wechseln wir in ein anderes Jagdgebiet. Nicht, dass es an der alten Stelle keine Tauben mehr gäbe. Rudolfo will uns durch eine neue Umgebung nur ein wenig Abwechslung bieten. Während das 1. Jagdgebiet etwa 20 Kilometer westlich von Santa Rosa liegt, fahren wir am 4. Tag ein paar Kilometer nach Norden und wenden uns dann auf einer unbefestigten Straße gut 15 Kilometer durch die Pampa nach Westen. Auf der staubigen Piste entdecken wir 3 Graufüchse (Pseudalopex griseus) vor uns,

die sich offenbar auf ihrem nächtlichen Beutezug ein wenig verbummelt haben. Flach und schnell streichen die Tauben am neuen Platz, zumal der Wind erheblich aufgefrischt hat. Unglaubliche Mengen befinden sich in der Luft. Doch im Gegensatz zu den Tagen zuvor, bricht um 11:30 Uhr der Flug plötzlich ab. Rudolfo weiß das und ist schon wenige Augenblicke später zur Stelle, um uns zur Mittagspause einzusammeln. „Ihr könnt es Euch bequem machen, es geht erst um 15 Uhr wieder los!“ Um 3 Uhr nachmittags sollen

Taubenschwarm
Der Flug der Ohrflecktauben zu den Sonnenblumenschlägen beginnt schon im Morgengrauen

die Unmengen von Tauben wieder von den Feldern zurückkommen. Uns ist diese etwas längere Erholungspause nicht unlieb, zumal sie nicht nur Gelegenheit bietet, von den aufgetischten Leckereien am Mittagsplatz ausgiebig zu kosten, sondern auch die eine oder andere Blessur zu pflegen. 2 Schultern müssen neu verbunden und ein paar Finger getapt werden. Trotz der frühen Mittagspause sind alle mit der Strecke des Halbtages zufrieden: Mit 3.195 Schuss liegen 1.921 Tauben. Rudolfo hat recht: Pünktlich um 3 Uhr tauchen die ersten Taubenflüge aus der entgegengesetzten Richtung auf, zum Teil himmelhoch. Mittlerweile haben wir gelernt, die Flughöhe besser einzuschätzen. Die Ohrflecktaube ist mit durchschnittlich 22 Zentimetern Körperlänge ein wenig kleiner als die heimische Türkentaube. Daher wirkt sie weiter entfernt oder höher als sie in Wirklichkeit ist. Hat man das herausgefunden, fallen auch die schnellen „Himmelhohen“ zum Teil wie kleine Geschosse zur Erde. Jetzt am 4. Tag hat sich jeder der Gruppe vom Schießen her eingewöhnt, so dass speziell die hochstreichenden Tauben – und davon gibt es reichlich – bevorzugt werden. Dieses Jagdgebiet suchen wir bis Ende des 6. und letzten Jagdtages auf. Die dreieinhalb Stunden Mittagspause tun uns gut, so dass prima erholt die körperliche Belastung des Nachmittags weggesteckt werden kann. Dass zwischendurch der eine oder andere der Schützen nach 500 oder mehr verschossenen Patronen einmal eine schöpferische Pause einlegt und seinen Nachbarn zum Kurzplausch und zur Erholung besucht, lockert die Jagd ein wenig auf. Die Gesamtbilanz am Ende sind 33.650 verschossene Patronen und 20.542 erlegte Tauben – und wir waren uns einig, dass das nicht einmal 1 Prozent der über uns hinweggestrichenen war. Sollte uns einer fragen, ob es denn nicht langweilig sei, 6 lange Tage intereinander einzig und allein auf Tauben zu jagen, dem sei mit einem klaren „Nein“ geantwortet, denn die Tauben selbst sorgten immer wieder für Abwechslung, Überraschungen und damit neue Herausforderungen. Alles in allem stellten wir nach 6 Flintenjagdtagen fest, dass jeder seine individuellen Grenzen neu definiert hat, dass Flugwildjagd ihre besonderen, unveräußerlichen Reize besitzt. Das Flintenschießen sollte trotz der in Deutschland überall dominierenden Büchsenjagden auch in Zukunft nicht in den Hintergrund gestellt werden, denn das könnte irgendwann auch sein Ende bedeuten.

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