Stricknadeln im hohen Gras

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16 Einreisestempel nach Namibia zeigen meine Reisepässe. Immer war der Urlaub mit Jagd verbunden, und nur selten bin ich als Schneider nach Hause gereist. Deshalb ist meine Trophäenwand gut gefüllt. Aber ein wenig Platz ist noch: für kleine Antilopen.

Bange Tage kurz vor der Abreise Ende Juli. Die Internationale Luftfahrtbehörde hatte den Flughafen Hosea Kutako bei Windhuk für größere Maschinen gesperrt. Die Sicherheit bei Start und Landung sei wegen Mängeln bei den Feuerwehrfahrzeugen nicht gewährleistet. Als Ersatz wurde ein umständlicher Flug über Sambia angeboten, mit Abflug Erfurt statt Frankfurt. Aber meine Partnerin Zita und ich hatten Glück. Mit Sondergenehmigung durfte unser Flieger im

Fotos Günter Mensching

Direktflug landen. Und um den Passagieren eine „gefühlte“ Sicherheit zu geben, standen bei der Landung am frühen Morgen an beiden Seiten der Landebahn Löschfahrzeuge mit blinkenden Signalleuchten. Schnell sind Einreise und Fahrzeugübernahme geregelt, und 2 Stunden später fahren wir nach Norden. Es sollten 14 Tage Urlaub an den Grenzflüssen Okawango und Kwando werden, danach noch eine Woche Jagd auf Steinböckchen und Grauducker bei einem befreundeten Farmer in der Nähe von Rehoboth.„Pass auf die Antenne auf“, so zischte mir vor vielen Jahren einmal ein Jagdführer zu. Er meinte aber nicht die dünnen, nadelspitzen Hörnchen des Steinböckchens, das vor unserem Jagdwagen verhoffte. Ich ließ mich hinreißen und schoss den Bock vom Auto. Diesen Fauxpas wollte ich in diesem Jahr nicht noch einmal begehen. Ich hatte mir geschworen, nur zu Fuß das Wild anzugehen. Aber dies sollte nicht einfach werden. Das schon einmal vorweg. Es ist schon früher Abend, als wir auf Girib-Ost ankommen. Die Abgabe des Mietfahrzeuges hat länger gedauert als geplant. So ist es zu spät, aus der geliehenen Waffe von Volker, dem Farmbesitzer, ein paar Probeschüsse zu machen. Es ist ein alter 98er im Kaliber 7mm Mauser (7 x 57), den sein Großonkel in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einem Jagdgewehr umbauen ließ. Das Zielfernrohr ist deutlich jüngeren Datums: ein Kahles mit 2,5—10-facher Vergrößerung und 50 Millimeter Objektivdurchmesser. Der Abzug geht ohne Stecher nur äußerst schwer, und eingestochen neige ich zum Mucken. Das kann ja heiter werden. Am nächsten Morgen beim Probeschießen liegt dann auch ein Schuss deutlich vom anvisierten Fleck entfernt.

Wildreiche Farm

11,5 Zentimeter messen die spitzen Hörnchen, 4,5 Zentimeter haben sie an der Basis: ein kapitales Steinböckchen ist zur Strecke gekommen.

Girib-Ost liegt etwa 40 Kilometer östlich von Rehoboth. Es ist eine 7.000 Hektar große Farm, die früher mit Rindern bestockt war. Bis auf etwa 50 Stück, die direkt am Haus gehalten werden, ist die Farm nun ganz dem Wild überlassen. Oryx, Springbock und Großer Kudu ziehen jetzt in großer Zahl ihre Fährten, Leoparden hinterlassen auf dem roten Sand der Fahrspuren ihre Prantenabdrücke. Ein feines Wildparadies hat Volker hier geschaffen. Nur an 2 Seiten haben Nachbarn auf jeweils etwa 2 Kilometer wilddicht gezäunt. Ansonsten finden sich nur niedrige Rinderzäune, die das Wild passieren lassen.

Es hat während der „Sommermonate“, also unserem Winter, gut geregnet, und daher steht das Gras hoch und dicht. Steinböckchen und Grauducker gibt es im Jagdgebiet recht häufig, wie mir mein Jagdführer am Vorabend erzählt hat, als wir Jagdpläne schmiedeten. Auf geht’s zur 1. Fahrt ins Revier, in dem ich schon mehrmals gejagt habe. Zunächst parallel zu einem Bergrücken, der nur zu Fuß überquert werden kann, dann am Grenzzaun entlang, bis sich vor uns eine weite Ebene öffnet. Bis jetzt haben wir schon eine Menge Wild gesehen, aber nicht ein Haar von den kleinen Antilopen. An einer Viehtränke, die direkt an der Grenze zum Nachbarn liegt, halten wir an und mustern die Umgebung. Hier soll ein alter Grauducker seinen Einstand haben. Er ist bekannt, denn eines seiner kleinen Hörnchen ist an der Spitze abgebrochen. Aufmerksam mustern wir jeden Strauch, der dem Ducker vielleicht Deckung bietet, aber es ist nichts zu entdecken. Weiter. Wir fahren bis zum ande-ren Ende der Farm, lassen den Wagen stehen und pirschen mit gutem Wind so 2 Kilometer auf einer roten Düne, die deutlich weniger mit Gras bewachsen ist. Dafür stehen hier die berüchtigten Hakkie-Büsche (Dornbusch-Akazie), deren Dornen nur darauf warten, einen pirschenden Jäger festzuhalten. Wir kommen an Trupps von Oryx, sehen Große Kudus, darunter auch ein kapitales Stück, laufen auf Springböcke auf. Aber mit Steinböckchen und Grauducker?

Fehlanzeige. Dabei sollen die beiden Wildarten doch häufig sein. Also zurück zum Auto. Auch jetzt sind wir noch vorsichtig, denn irgendwo könnte ja doch das gesuchte Wild stecken. Langsam tuckern wir durchs Jagdgebiet, schauen nach Wasserstellen und natürlich besonders nach den kleinen Antilopen. Kurz vor Verlassen der Ebene werden wir fündig. Ein Paar riesige Lauscher, dazwischen nadelspitze Hörnchen, große „Kuller“-Lichter“: Ein Steinböckchen äugt uns an. Anhalten, vom Wagen herunter. Wegen des schlechten Windes müssen wir das Wild in einem großen Bogen anpirschen. Vorsichtig nähern wir uns der Stelle, wo wir das Böckchen vermuten. Nichts. Keine Lauscher mit ihrer charakteristischen weiß-schwarzen Zeichnung, keine Stricknadeln. Verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Ja, vom Auto aus konnte man das Stück ansprechen. Vom Boden ist es nicht mehr auszumachen. Das hohe Gras hat der Antilope von uns unbemerkt die Flucht ermöglicht. Es ist mittlerweile Mittag, also zurück zum Farmhaus. Nach einem kleinen Lunch und einer längeren Siesta geht es am Nachmittag wieder hinaus. Wieder halten wir vor der Tränke und suchen „unseren“ Ducker. Und entdecken ihn: beim Nachbarn. 30 Meter vom Zaun entfernt, äugt er uns an nach dem Motto „Ihr könnt mich mal“. Weiter geht`s. Auf verschlungenen Fahrspuren durchs Jagdgebiet. Antilopen sehen wir zuhauf, doch von unseren beiden Kleinantilopen fehlt jede Spur. Gut, am 1. Jagdtag muss man noch keinen Erfolg haben, kann man aber. Um es kurz zu machen: Wir fahren in der Dämmerung heim, ohne dass sich das gesuchte Wild im Revier gezeigt hat.

Leider noch nicht reif

Am nächsten Morgen ändern wir die Taktik an der Viehtränke. Wir lassen das Auto weit entfernt stehen und gehen mit gutem Wind die Wasserstelle an. Vorsichtig, immer das Gelände vor uns im Auge, nähern Volker und ich uns dem Platz, wo wir den Grauducker mit dem abgebrochenen Hörnchen vermuten. Schauen unter jeden Busch, mustern das Gelände. Er ist nicht zu finden. Also zurück zum Wagen und weiter. Diesmal in ein Nebental des Bergrückens. Hier habe ich vor 3 Jahren einen kapitalen Großen Kudu gestreckt. Mein Traum nach vielen Anläufen ist hier Wirklichkeit geworden. Vielleicht

Oryx
Girib-Ost hat einen hohen Bestand an Oryx-Antilopen. Farmbesitzer Volker schätzt etwa 800 Stück.

haben wir auch diesmal an dieser Stelle Jagdglück. Langsam tuckert der Wagen vorwärts. Noch ist nichts auszumachen, bis nach einer Biegung die Sicht auf den Hang frei wird. 2 Paar weiß-schwarze Lauscher ragen aus dem Gras. 2 spitze Hörnchen zeigen uns das Böckchen. Aber dann kommt die Enttäuschung: Die Hörnchen des Steinböckchens erreichen noch nicht einmal die Oberkante der Lauscher. Das Stück ist nicht reif und damit tabu. Mindestens fingerbreit sollte der Kopfschmuck über die Lauscher ragen. Ja, bei den Kleinen geht es nicht um Zentimeter, Millimeter entscheiden über kapital oder nicht. Nach einer großen Runde durchs Jagdgebiet fahren wir zurück zum Farmhaus. Mittagspause. Der Nachmittag bringt uns keinen Anblick, bis auf die Großen:

Kudus und Spießböcke. Am nächsten Morgen sind wir auf dem sandigen Grenzweg unterwegs, als Volker den Jagdwagen anhalten lässt. Eine große und eine kleinere Leopardenfährte steht deutlich im Bo-den. Eine Kätzin und ihr Junges sind hier gezogen, haben die Abdrücke ihrer Pranten hinterlassen. Es geht weiter, zu einer anderen Viehtränke, wo wir den Wagen abstellen und zu Fuß die Umgebung nach den kleinen Antilopen absuchen wollen. Aber dazu kommt es nicht. An der Tränke liegt ein verendeter Oryxbulle. Der Schweiß, der aus seinem Windfang ausgetreten ist, ist noch nicht geronnen, das Innere einer Keule bereits angeschnitten. Die Spuren an der Tränke zeigen uns, was hier abgelaufen ist. Ein großer Leopard hat sich dem Wild genähert, und in seiner Panik flüchtete der Bulle und floh einen Pfosten der Umzäunung an. Genickbruch und leichte Beute für „Mister Spots“. Aber nur kurz, denn das Tuckern des herannahenden Fahrzeugs hatte ihn von seinem geschenkten Riss vertrieben. Da das Stück noch verwertbar erscheint, beschließt Volker, es aufzuladen und zum Haus zurückzufahren. Die Mittagspause dauert also an diesem Tag etwas länger, denn es lohnt sich nicht, noch einmal an diesem Vormittag ins Jagdgebiet zu fahren. Auch der Nachmittag bringt uns fast keinen Anblick. Nur „unser“ Grauducker steht wieder beim Nachbarn und ist so unerreichbar. So langsam werde ich kribbelig. Aber das Jagdglück kann man nicht erzwingen. Nur noch 2 Tage bleiben. Dann geht es zum Flughafen, wo der internationale Flugbetrieb wieder ein-wandfrei laufen soll.

Endlich am Ziel der Wünsche

Tag 4 der Mission „Kleine, häufige Antilopen“. Schon 2 Stunden sind wir unterwegs. Noch immer haben wir keinen Anblick. Wir sind kurz davor, zum Farmhaus zurückzukehren, als Volker den Wagen anhalten lässt. Lange glast er die vor uns liegende Fläche ab, nickt mir zu und dann kommen die erlösenden Worte: „Auf geht’s. Ich habe ein Steinböckchen entdeckt, das reif erscheint.“ Ich habe überhaupt nicht mitbekommen, wo das Stück sich zeigte. Geschweige denn, ob die Hörnchen deutlich über die Lauscher ragen. Aber ich vertraue den geübten Augen meines Jagdführers. Also runter vom Wagen, und los geht die Pirsch. Volker vorweg, immer versucht, hinter Büschen und Sträuchern in Deckung zu bleiben.

„Lad’ mal durch“, kommt seine Aufforderung. Wie so viele Jagdführer in Namibia hat er es nicht gern, wenn ein Jäger mit durchgeladener Waffe hinter ihm marschiert. Seine Schritte werden kürzer. Ab und an bleibt er stehen, mustert aufmerksam das Gelände. Dann ein Fingerzeig, ich soll an seine Seite. Das Zweibein steht. Vor uns, vielleicht auf 60 Meter, steht ein Steinböckchen und äst vertraut an einem Strauch. Leider ist die Schießhilfe zu hoch. Ich muss mich beinahe auf die Zehenspitzen stellen, um das Absehen aufs Ziel zu bringen. Der Schuss bricht. Nichts passiert. Überschossen. Das Böckchen verhofft, weiß nicht, woher die tödliche Gefahr kommt. Schnell repetiere ich, konzentriere mich auf einen sauberen Schuss und lasse fliegen. Im Knall geht das Stück zu Boden, schlegelt aber noch lange, bis es verendet ist. Ich bin wieder etwas zu hoch abgekommen.Vor uns liegt ein kapitaler Bursche. Über 10 Zentimeter messen die Hörnchen bestimmt. Volker und ich liegen uns in den Armen, dann schüttelt er mir die Hand und wünscht ein Weidmannsheil. „Man, das war aber eine schwere Geburt.“ Zita sowie unser schwarzer Fahrer und Jagdhelfer kommen nach ein paar Minuten zu uns. Auch meiner Partnerin ist die Freude über den Jagderfolg anzusehen. Zum Bergen brauchen wir keine Winde, das zierliche Wild wiegt ja gerade einmal so viel wie ein Oktoberkitz. Den Nachmittag verbringen wir am Farmhaus, lesen ein bisschen, entspannen uns bei einem Rock Shandy (für Nichteingeweite: der ist ohne Alkohol). Und mit dem Grauducker hat es am nächsten Tag auch geklappt. Auf 25 Meter kommen wir in dichtem Busch an ihn heran, freihändig erhält er die Kugel mitten drauf. Seine Hörnchen sind nicht kapital, aber er ist alt, und das zählt.

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